Volksstimme: Frau Hippmann, zur Politik gehören lange Sitzungsabende. Sind Frauen in der Politik vielleicht deshalb so selten, weil sie keine Lust auf solche Arbeitszeiten haben?
Cornelia Hippmann: Ja, diese Abendtermine sind absolut familienunfreundlich. Die Kinderbetreuung in der Familie geht häufig zulasten der Frauen. Und das ist ein Grund, warum sie häufig mit Posten in der zweiten Reihe zufrieden sind. Zur Ochsentour in den Parteien gehört, ständig präsent zu sein. Das möchte nicht jede.

Sie glauben, dass Frauen bewusst zurückstecken. Es gibt also keine Verabredung der Männer, Frauen aus den Rathäusern fernzuhalten?
So drastisch würde ich das nicht formulieren. Aber es gibt natürlich sehr gut funktionierende Machtkartelle. Vor allem in den Kommunen ist das ausgeprägt.

Wie können es Frauen dennoch an die Spitze schaffen?
Wenn man die Karrieren von erfolgreichen Politikerinnen betrachtet, stößt man oft auf zwei Dinge. Zum einen haben Frauen Chancen, wenn bisher dominante Männer plötzlich wegfallen, wenn es ein Machtvakuum gibt. So ist Angela Merkel CDU-Vorsitzende geworden, weil Kohl und Schäuble durch die Spendenaffäre belastet waren. Oder Christine Lieberknecht, die Noch-Ministerpräsidentin von Thüringen, die nach dem Ski-Unfall von Dieter Althaus ihre Chance bekam. Ebenfalls sehr hilfreich ist es, wenn ein männlicher Mentor eine Frau über die Barriere zieht.

Welche Beispiele haben Sie da im Auge?
Das war etwa so bei Katrin Budde, der SPD-Vorsitzenden von Sachsen-Anhalt. Reinhard Höppner hat sie zur Ministerin gemacht und sehr gefördert. Das hat sie öffentlich oft betont.

In beiden Varianten, die Sie nennen, hängen Frauenkarrieren vom Verhalten der Männer ab. Politikerinnen wären demnach zweite Wahl - ein bitteres Fazit, oder?
Solange es keinen Aufschrei gibt, wird sich daran nichts ändern. In Ostdeutschland gab es 1989/90 einen historischen Moment, in dem viele heute erfolgreiche Politikerinnen den Grundstein ihrer Karriere gelegt haben. Das war ein Moment der Tabula rasa. Frauen mit unbelasteter Vita hatten damals gute Chancen. Ein Jahr später war das schon wieder vorbei. Die Ausgrenzungsmechanismen gegen das weibliche Geschlecht funktionieren immer noch sehr gut.

Wir sind bei der Gleichberechtigung hinter das Jahr 1990 zurückgefallen?
Mittlerweile sieht es wieder etwas besser aus, weil Frauen in großen Unternehmen gezeigt haben, dass sie Spitzen-Jobs meistern. Wir haben eine Aufweichung der Verhältnisse. Aber wir haben keinen Umbruch.

Die Oberbürgermeisterin von Kiel hatte vor ihrem Rücktritt einen tränenreichen Auftritt im Stadtrat. Sind Emotionen ein Karrierekiller?
Für einen Mann nicht unbedingt, für eine Frau schon eher. Willy Brandt hat bei seinem Kniefall in Warschau auch Emotionen gezeigt. Bei Frauen wird das parteiintern und in der Öffentlichkeit weniger akzeptiert.

Würden Sie Frauen raten, sich öffentlich männlicher zu geben?
Einigen Frauen wird zum Vorwurf gemacht, dass sie sehr männlich agieren, etwa der Grünen Renate Künast oder Petra Sitte von der Linken. Es gibt aber auch Frauen, die männliche und weibliche Attribute kombinieren. Sie sind tough, rationell, entscheidungsfähig, aber auch mal in der Lage, etwas abzuwarten.