Magdeburg l Die Revolution erreichte die Stadt Nienburg (Saale) am 1. Dezember. Im Rathaus hat ein neues Stadtoberhaupt das Büro bezogen - und es ist eine Frau. Bei einer Stichwahl im Oktober hatte sich die bisherige Kämmerin Susan Falke gegen einen männlichen Gegenkandidaten durchgesetzt. Damit wird Nienburg erstmals in seiner tausendjährigen Geschichte von einer Bürgermeisterin geführt.

Keine große Sache? Eine Selbstverständlichkeit in der heutigen Zeit?

Mitnichten. Viele einstige Männerberufe haben Frauen erobert. Der Bürgermeister aber ist in aller Regel ein Mann. Von den 218 selbständigen Städten und Gemeinden in Sachsen-Anhalt haben nur 14 Prozent eine Chefin. Deutschlandweit sind es sogar nur zehn Prozent. Selbst der Magdeburger Landtag wirkt mit seinem Frauenanteil von 32 Prozent besser durchmischt. "Das fällt schon auf, dass man ab einer bestimmten Ebene meist von Männern umgeben ist", sagt Nienburgs Bürgermeisterin über ihr neues Amt.

Dagmar Szabados kennt das Gefühl, in mancher Runde ausschließlich von beschlipsten Herren umgeben zu sein. Fünf Jahre lang war sie Oberbürgermeisterin von Halle. Ob in Ausschüssen des Deutschen Städtetags oder in Aufsichtsräten: Oft war sie die einzige Frau. Dabei fanden die Männer ihre eigene Dominanz gar nicht weiter bemerkenswert, erinnert sich Szabados.

Ganz anders sah das plötzlich aus, als Halle im Jahr 2000 ein rein weibliches Führungsduo bekam. Ingrid Häußler hatte die Wahl zur Oberbürgermeisterin gewonnen, Szabados war ihre Stellvertreterin. "Da habe ich gehört, wie sie im Rat getuschelt haben: gleich zwei Frauen? Wie wirkt denn das nach außen?", erinnert sich Szabados. Als schmückendes Beiwerk habe man Frauen durchaus akzeptieren können. "Aber wenn Frauen einmal dominieren, dann fühlt sich die Spezies Mann plötzlich nach hinten gedrängt."

Das Hallenser Frauen-Duo, damals deutschlandweit einmalig, ist Geschichte. Alle drei kreisfreien Städte im Land sind wieder in Männerhand. Mehr noch: Von den 19 Städten mit mehr als 25000 Einwohnern werden nur zwei von einer Frau regiert, außer Nienburg noch Bitterfeld-Wolfen. Ein wenig besser sieht es bei den mittelgroßen Kommunen aus - und wieder ganz düster bei den kleinen.

Woran liegt das? Besuch bei Sabine Danicke, seit 2008 Verwaltungschefin von Salzwedel. Einst Mitgründerin des Neuen Forums, später SPD-Mitglied. Das Oberbürgermeisteramt erkämpfte sie gegen einen parteiinternen Widersacher, die SPD schloss sie dafür aus - Danicke ist eine Frau von einiger Durchsetzungskraft. Welches Rezept hat sie für das Bestehen in der männerdominierten Rathauspolitik?

Danicke überlegt nicht lange. "Fang nicht an zu heulen. Setz dich durch."

Kraft und Leidensfähigkeit brauche man, sagt die 60-Jährige und ergänzt, Frauen würden härter behandelt. "Wer auf diesen Sessel will", sagt sie mit Blick auf den Platz hinter ihrem Schreibtisch, "der lässt sich kein dickes Fell wachsen - der hat schon eins."

Im Februar kandidiert Danicke für eine zweite Amtszeit. Zum Job als Stadtoberhaupt gehören lange Arbeitszeiten: Ausschusssitzung am Abend, Repräsentationstermine in Unternehmen und bei Vereinen - auch am Wochenende. Viele Frauen, sagt sie, wollten sich das nicht antun, auch aus Rücksicht auf die Familie.

Es liegt also an den Frauen selbst?

Danicke wirft einen Blick auf ihr eigenes Leben. "Meine beiden Kinder waren Schlüsselkinder und oft allein. Deswegen habe ich mich lange schuldig gefühlt. Bis ich gemerkt habe, dass es nicht um die Dauer der gemeinsamen Zeit geht, sondern um die Qualität." Männer hingegen machten sich solche Sorgen nicht. "Da kümmert sich die Bürgermeister-Gattin um die Kinder und legt ihrem Mann noch den Schlips hin."

Statistisch belegt ist: Kleine Kinder sind vor allem für Frauen eine Hürde auf dem Weg in das Rathaus-Spitzenamt. Die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) hat das mit einer Umfrage untersucht. Das Ergebnis: 50 Prozent der deutschen Bürgermeister haben minderjährige Kinder zu Hause - sie sehen das offenbar nicht als Hindernis für ihre Karriere. Bei den Bürgermeisterinnen hingegen hat nur ein Drittel kleine Kinder.

Frauen verbringen auch weniger Zeit in Parteiversammlungen - also in denjenigen Organisationen, die bei Wahlen die aussichtsreichsten Kandidaten ins Rennen schicken. "In Parteigremien sind Männer stärker verortet", sagt Jürgen Leindecker vom Städte- und Gemeindebund Sachsen-Anhalt. "Man muss im Vorfeld einer Kandidatur in den Parteien viel ackern. Das machen eher Männer, während sich Frauen sehr zielstrebig auf einen Beruf vorbereiten."

Die CDU etwa, stärkste Kraft in den Kommunen des Landes, hat gerade einmal sieben Bürgermeisterinnen in ihren Reihen. "Die Ratssitzungen sind nun mal zu familienunfreundlichen Zeiten", sagt Tobias Krull von der Kommunalpolitischen Vereinigung der CDU. Haben Männer etwa keine Familie? "Dass der Mann abends unterwegs ist und die Frau bei den Kindern, ist gesellschaftlich einfach akzeptierter", sagt Krull. Das sei nicht allein bei der CDU so, sondern bei allen Parteien.

Die Männerdominanz in der Kommunalpolitik ist kein Phänomen kleiner Dörfer. Auch in der Landeshauptstadt Magdeburg sind Frauen rar. Im Stadtrat besetzen sie lediglich 21 Prozent der Sitze. Oberbürgermeister, Beigeordnete, Fraktionsvorsitzende: alles Männer. Die grünennahe Heinrich-Böll-Stiftung bildet aus all diesen Daten regelmäßig einen Index. Magdeburg landete beim sogenannten "Gender-Ranking" im vergangenen Jahr unter allen deutschen Großstädten auf dem letzten Platz.

Die Frauen, die es dennoch zur Bürgermeisterin gebracht haben, besitzen ein feines Gespür dafür, wie sie auftreten - und wie besser nicht. In Salzwedel können viele erzählen, dass sich Danicke und ihre (männlichen) Kontrahenten gegenseitig nichts schenken. Öffentlich über Gemeinheiten klagen würde Danicke jedoch nie. "Das ist sonst so Frauen-Gezudel", sagt sie. So will sie nicht wahrgenommen werden.

Wie das Offenbaren von Gefühlen ankommt, war zuletzt in Kiel zu besichtigen. Dort hatte die "Zeit"-Journalistin Susanne Gaschke den Oberbürgermeister-Posten erobert und sich im Streit mit Parteifreunden aufgerieben. Vor ihrem Rücktritt verteidigte sie sich mit einem tränenerstickten Appell im Stadtrat - und zeigte gerade dadurch, dass sie die Kontrolle verloren hatte.

Frauen kämpften mit offenem Visier, sagt Halles ehemalige Oberbürgermeisterin Szabados, und dadurch seien sie angreifbarer. Und noch ein Nachteil: Wenn Frauen Konflikte austragen, werde das anders wahrgenommen. Streitet ein Mann, zeigt er Dominanz, Macht, Durchsetzungsvermögen. "Bei einer Frau wird dann schnell vom Zickenkrieg geredet", sagt die 67-Jährige. "Das hat mich schwer getroffen. Das klingt so, als ob es bei Frauen nur um Belanglosigkeiten geht." Gerade erst hat Volker Kauder virtuos auf dieser Klaviatur gespielt: In der vergangenen Woche forderte der Unions-Fraktionsvorsitzende von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), sie solle "nicht so weinerlich" sein.

Salzwedels Oberbürgermeisterin Danicke sagt über sich selbst, sie könne knallhart sein. Ein "Jäger und Sammler" wie die Männer in der Urzeit - niemand, der brav daheim das Feuer bewacht.

Unterschiede zur Arbeitsweise von Männern sieht sie dennoch. Ihr mache es nichts aus, für einen Fehler um Entschuldigung zu bitten, sagt sie. Typisch Frau? "Von einem Mann habe ich das noch nie gehört. Und ich würde auch gern mal erleben, dass ein Mann zugibt: Das weiß ich nicht."