Die Energie in Sachsen-Anhalt stammt zu einem großen Teil aus erneuerbaren Quellen. 41 Prozent des im Land erzeugten Stroms kommen aus regenerativen Energien. Den übrigen Anteil machen vor allem Kohle und Gas aus.

Laut Bundesnetzagentur waren im Februar 2014 rund vier Gigawatt Windleistung in Sachsen-Anhalt installiert (etwa 2500 Windkraftanlagen). Dies entspricht theoretisch der Leistung von fast vier Kernkraftwerken - die aber nur in dieser Größenordnung einspeisen, wenn der Wind überall stark weht. Sachsen-Anhalt produziert damit etwa 15 Prozent der gesamten Windenergie Deutschlands.

In Sachsen-Anhalt stehen zudem rund 23000 Photovoltaik-Anlagen mit einer Leistung von 1,7 Gigawatt. Das entspricht in etwa der Leistung von zwei mittelgroßen Braunkohlekraftwerken.

Sachsen-Anhalt ist Stromexporteur. Seit 2007 wird im Schnitt etwa 20 Prozent der Bruttostromerzeugung in benachbarte Länder abgegeben. Im vergangenen Jahr wurden 23,1 Milliarden Kilowattstunden produziert, aber nur 15,9 im Land selbst verbraucht. (ba)

Magdeburg/Wolmirstedt l Das Umspannwerk in Wolmirstedt (Landkreis Börde) wird noch immer modernisiert. Alte Technik raus, neue rein. So einfach ist das. 70 Millionen Euro hat der Netzbetreiber 50 Hertz bislang in modernere 380-KV-Anlagen gesteckt. "Das hat fast keinen interessiert", sagt Standortleiter Andreas Mötzing. Der Ingenieur ist seit 2007 für das Umspannwerk in der Stadt nördlich von Magdeburg verantwortlich. Mötzing wird es noch erleben, sollten die ersten Masten für die geplante Gleichstrompassage jemals gebaut werden. Ruhige Zeiten erwartet er bis dahin kaum noch.

150 Kilometer quer durch Sachsen-Anhalt


2022 soll von Wolmirstedt aus der Strom in den Süden fließen. Über die Stromautobahn nach Bayern. 150 Kilometer quer durch Sachsen-Anhalt. So sieht es der neue Netzentwicklungsplan vor, den die vier Netzbetreiber Tennet, 50 Hertz, Amprion und Transnet BW Anfang November in Berlin vorstellten. Im vorherigen Entwurf war von Wolmirstedt noch keine Rede. In Bad Lauchstädt bei Halle sollte der Strom ursprünglich auf die Reise gehen.

Doch die Bundesregierung änderte im Juli das Erneuerbare-Energien-Gesetz und zwang die Netzfirmen nachzubessern. Die Berechnungen ergaben, dass eher noch mehr Windstrom von Norden nach Süden transportiert werden muss. Die Stromautobahn, die per Gleichstromtechnik große Mengen an Elektrizität nach Süden bringen soll, fange deshalb besser schon weiter nördlich an, schlugen die Netzbetreiber vor. Also nicht in Bad Lauchstädt sondern in Wolmirstedt.

In der Landesregierung von Sachsen-Anhalt überraschte das niemanden mehr. Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) sprach schon im Sommer von einer "klaren Tendenz", dass die Trasse nicht in Bad Lauchstädt beginnen soll, sondern deutlich weiter nördlich. Haseloff hält die Stromtrasse für notwendig. In der Gegend um Wolmirstedt sind Windräder mit 4000 Megawatt Leistung installiert. Die Gleichstromleitung soll von dort 2000 Megawatt nach Bayern schaffen, die Leistung von zwei Großkraftwerken.

Auch am Ende der langen Leitung soll es Änderungen geben. Nicht in Meitingen bei Augsburg soll die Trasse enden, sondern gut 30 Kilometer westlich beim Kernkraftwerk Gundremmingen. Doch hier haben die vier Netzbetreiber einen mächtigeren Gegner. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) lehnt die Trasse strikt ab. Stattdessen will er Bayern mit Gaskraftwerken unabhängig von Leitungen machen. "Wir sind im Moment an einer Wegscheide, wo wir wirklich nachdenken müssen über den nächsten Schritt der Energiewende", sagte der Bayer.

Seehofer sitzen auch die Bürgerinitiativen in seinem Land im Nacken, die sich gegen den Trassenbau formiert haben. Deren Argumente nutzt der Regierungschef gerne. Die Trassen seien ein gravierender Eingriff in die Natur. Kosten würden in die Höhe schnellen, wenn die Leitungen - wie von Bürgern gefordert - unter der Erde verlegt würden. "Es geht um den Schutz der Natur und der Geldbeutel", so Seehofer. Auch deshalb werde er Alternativen prüfen.

Planung der Leitungen soll für Bürger transparent sein


In Sachsen-Anhalt setzen der Netzbetreiber 50 Hertz und auch die Landesregierung auf den Dialog mit den Bürgern. "Wir wollen die Planung neuer Stromleitungen transparent machen. Dazu gehört auch, dass künftig die Planungsunterlagen für alle Projekte von 50 Hertz im Internet verfügbar sein werden", erklärte die Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, Tamara Zieschang (CDU), als sie Anfang November eine Vereinbarung mit der Netzfirma unterzeichnete.

Für die Planung des konkreten Verlaufs der Trasse ist es zu früh. Die Bundesnetzagentur muss die Vorschläge prüfen und genehmigen. Eine Rückmeldung wird im zweiten Quartal 2015 erwartet. Bundestag und Bundesrat müssen anschließend zustimmen. Erst dann beginnt das Genehmigungsverfahren. In diesem wird der genaue Verlauf der Trasse bestimmt.

Die Leitungen und Masten müssen neu errichtet werden. "Gleichstrom lässt sich nicht einfach in das derzeitige Wechselstromnetz integrieren", erklärt Umspannwerk-Leiter Mötzing. Für die Stromautobahnen soll in Deutschland erstmals die HGÜ-Technik (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung) verwendet werden. Die Investitionen dafür sind höher, die Technik aber deutlich leistungsstärker und effizienter. "Die Leitung erwärmt sich weniger, hat geringere Verluste, und es entsteht kaum Elektrosmog", so Mötzing.

Die Netzbetreiber schlagen einen bis zu 1000 Meter breiten Korridor vor, durch den die neuen Leitungen verlaufen sollen. "Sobald Varianten vorliegen, stellen wir diese der Bevölkerung vor. Wir geben den Bürgern die Möglichkeit sich einzubringen", verspricht 50-Hertz-Sprecher Axel Happe. Denkbar ist, sich in Sachsen-Anhalt an den bestehenden Wechselstromleitungen von Wolmirstedt nach Bad Lauchstädt zu orientieren. Aber auch ein Verlauf entlang der Autobahn 9 hat der Netzbetreiber im Blick. Theoretisch ist es auch möglich, Teilstücke unterirdisch zu führen. Allerdings hat das seinen Preis. Die Kosten der Erdkabel sind fünf bis zehn Mal so hoch wie die der Freileitungen. Die Umweltverbände sehen die Pläne kritisch.

Naturschutzbund Nabu und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) halten das Projekt für überdimensioniert. "Es sollte in die Erforschung neuer Speichertechnologien als in den Netzausbau investiert werden", sagt Annette Leipelt, Landesgeschäftsführerin des Nabu. Wenn die Leitung gebaut werde, müssten Eingriffe in Natur und Landschaft so gering wie möglich gehalten werden, fordert Leipelt.

Oliver Wendenkampf vom Bund für Umwelt und Naturschutz plädiert für den Ausbau der regionalen Stromnetze. Sachsen-Anhalt mit einem Überschuss an Strom sei dafür gut geeignet. "Eine Trasse, die quer durch die Republik verläuft, brauchen wir nicht", sagt Wendenkampf.

Insgesamt sollen in den nächsten acht Jahren 2800 Kilometer an neuen Höchstspannungsleitungen gebaut werden. An Kosten werden mindestens 22 Milliarden Euro veranschlagt.

 

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