Salzwedel l "Du bist mein Kind" steht in goldenen Buchstaben auf dem großen braunen Stein geschrieben. In der Erde vor dem Stein stecken gelbe, rosa und weiße Papiersterne. Mitgebracht haben sie Eltern. Eltern, deren Kinder tot auf die Welt gekommen oder nach der Geburt gestorben sind. Sternenkinder werden sie genannt. An dem Stein auf dem Altstädter Friedhof in Salzwedel finden ihre Eltern einen Platz zum Trauern und Erinnern. Gestaltet wurde dieser Ort des Gedenkens auch von der Selbsthilfegruppe "Sternenkinder" des Familienhofs, deren Helferinnen den Eltern in ihrer schweren Zeit zur Seite stehen.

Gegründet wurde die Gruppe im Jahr 2005. "Totgeburt war sehr lange Zeit kein Thema, über das gesprochen wurde. Ein Kind war erst dann ein Kind, wenn es auf der Welt war", berichtet Inge Schnöckel. Die Sozialpädagogin und Leiterin des Familienhofs ist eine von drei Ansprechpartnerinnen, an die sich Eltern verstorbener Kinder wenden können.

"Früher waren tote Babys einfach weg." - Sozialpädagogin Inge Schnöckel

Trotz aller Tabus habe man damals gespürt, dass ein Bedarf besteht, über das Thema Totgeburt zu sprechen. Deshalb wurde eine Fortbildung angeboten. An dieser nahmen neben Ärzten, Hebammen und Krankenschwestern auch betroffene Eltern teil. Nach einem Gespräch mit ihnen wurde noch am gleichen Abend die Selbsthilfegruppe gegründet, erinnert sich Inge Schnöckel an die Anfänge.

"Früher waren tote Babys einfach weg. Heute können sich die Mütter und Väter von ihren Kindern verabschieden, wenn sie es wollen", sagt die Sozialpädagogin. Hebammen mit einer speziellen Ausbildung unterstützen sie bei der nicht leichten Entscheidung, ob sie ihr totes Baby sehen wollen. "Auf diese Entscheidung kann man sich schlecht im Vorfeld vorbereiten", erklärt Inge Schnöckel.

Abschied nehmen können Mütter und Väter auch auf einer von zwei Trauerfeiern, die jeweils im Mai und November stattfinden. "Es hat etwas mit Wertschätzung zu tun, wenn ein Kind beigesetzt wird. Von den Eltern wird dieses Angebot sehr dankbar angenommen", sagt Inge Schnöckel.

"Männer dürfen nicht ausgegrenzt werden." - Inge Schnöckel

Ein Pfarrer hält bei der konfessionslosen Feier eine Rede, Gedichte werden vorgetragen und wer möchte, kann ein Gebet oder einen Psalm für sein Kind mitsprechen. Anschließend folgt die Bestattung der kleinen Särge auf dem extra dafür eingerichteten Platz auf dem Friedhof. Wenn sie es wünschen, können Eltern kleine Platten mit den Namen ihrer Kinder darauf auf dem Platz verlegen lassen.

An mehreren Abenden im Jahr laden die Leiterinnen der Selbsthilfegruppe Betroffene zu gemeinsamen Treffen ein. Derzeit seien es bis zu acht Personen, die das Angebot zum Reden und Beisammensein nutzen. Eine feste Gruppe, die sich jeden Monat trifft, gibt es aber nicht. Es geht hauptsächlich um die Unterstützung in der ersten Zeit. "Manche kommen nur einmal, andere nehmen an mehreren Terminen teil", berichtet Schnöckel.

Wer nicht in der Gruppe über seine Gefühle sprechen will, kann sich auch in Einzelgesprächen den Betreuerinnen anvertrauen. Inge Schnöckel hat festgestellt, dass heute mehr Männer zu den Veranstaltungen kommen als früher. "Die Männer dürfen bei der Trauer nicht ausgegrenzt werden, nur weil sie das Kind nicht selbst im Bauch getragen haben." Wichtig sei es zu akzeptieren, dass jeder Mensch anders mit dem Verlust umgeht. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es schon hilft, einfach angesprochen zu werden. Es müssen nicht immer die guten Ratschläge sein. Das Schlimmste, was Trauernden passieren kann ist, dass man ihnen aus dem Weg geht", sagt Inge Schnöckel.

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