Halberstadt l Ahmed Suleiman ist seit zwei Wochen in Halberstadt. Sein neues Zuhause ist das Zimmer 219 in einem der grauen Wohnblöcke der Zentralen Aufnahmestelle (ZASt) für Asylbewerber. Mit fünf anderen Männern teilt er sich den Raum. Suleiman ist Syrer. Schon vor Monaten floh er aus seinem Land, das vom Bürgerkrieg und von Kämpfern des Islamischen Staates noch immer zerrieben wird. Die Provinzhauptstadt Qamishli nahe der türkischen Grenze war seine Heimat. Suleiman arbeitete dort als Einzelhändler und lebte mit seiner Familie in einer Wohnung nahe dem Stadtzentrum. Hals über Kopf mussten sie sich in Sicherheit bringen. Der 47-jährige Syrer schlug sich bis nach Deutschland durch.

Jeden Monat kommen derzeit 800 Flüchtlinge auf dem ehemaligen Kasernengelände an. "Wenn der Zustrom so weitergeht, gelangen wir an unsere Grenze", befürchtet Leiter Eckhard Stein. Vor wenigen Monaten erst wurde ein weiterer Wohnblock saniert. Dafür stellte das Land 1,5 Millionen Euro bereit. Rechnerisch finden nun 1000 Menschen ein Bett. Tatsächlich aber weniger, weil bei der Zimmerverteilung auf Familien und Religionszugehörigkeit geachtet werden muss. Stein spricht von 800 Menschen, die er beherbegen kann.

Sachsen-Anhalt nimmt drei Prozent der bundesweit eingereisten Asylbewerber auf. In Halberstadt kamen von Januar bis Ende Oktober 4704 Ausländer an. Das sind rund 80 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Deutschlandweit beantragten von Januar bis Oktober 2014 mehr als 158000 Menschen Asyl. Die Zahl dürfte im kommenden Jahr weiter ansteigen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rechnet für 2015 mit 230000 Asylanträgen.

In den Landkreisen und kreisfreien Städten wird angesichts dieser Zahlen händeringend nach Wohnraum gesucht. Denn nach wenigen Wochen in Halberstadt werden die Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt verteilt. Wie viel Menschen die Kreise und Städte aufnehmen müssen, errechnet sich nach der Einwohnerzahl: Nach Halle kommen 11,4 Prozent der Flüchtlinge, nach Magdeburg 11,3 Prozent, in den Altmarkkreis Salzwedel 4,3 Prozent.

An vielen Orten im Land sind die Gemeinschaftsunterkünfte ausgelastet. Aufgrund des Zustroms entscheiden sich immer mehr Kreise und Städte dafür die Menschen in Wohnungen unterzubringen. Das habe nicht nur Vorteile für die Flüchtlinge, sondern auch im Zusammenleben mit der Bevölkerung, sagt die Integrationsbeauftragte des Landes, Susi Möbbeck (SPD). Etwa 63,3 Prozent der Asylbewerber sind derzeit landesweit in Wohnungen untergebracht.

Magdeburg: In der Landeshauptstadt leben 1148 Asylbewerber und Flüchtlinge. Davon 589 in Gemeinschaftsunterkünften und 559 in Wohnungen. Im kommenden Jahr rechnet die Verwaltung mit Kosten in Höhe von elf Millionen Euro. "Sammelunterkünfte in Zelten oder Turnhallen wollen wir ausschließen", sagt Sozialbeigeordnete Simone Borris. Derzeit rechnet die Stadt 2015 mit 1500 neuen Flüchtlingen. Noch im Dezember muss Platz für 160 Asylbewerber geschaffen werden. Bis Jahresende öffnen deshalb noch zwei Unterkünfte. Im Sozialdezernat wird derzeit eine Liste mit weiteren möglichen Unterkünften erstellt. Auf dieser Liste befinden sich leerstehende Immobilien, Wohnungen, aber auch ein Hotel. Probleme gab es zuletzt bei einer geplanten Unterkunft im Stadtteil Neu-Olvenstedt. Dort schwenkte die Stadt nach Protesten eines Großvermieters, von Anwohnern und nach einer hitzigen Einwohnerversammlung auf einen anderen Wohnblock um.

Halle: Die Stadt hat in diesem Jahr 40 neue Wohnungen angemietet, in denen vor allem Familien leben. Insgesamt gibt es vier Gemeinschaftsunterkünfte in zentralen Lagen. 2015 plant die Stadt 400 neue Plätze zu schaffen. Derzeit leben etwa 1400 Asylbewerber in Halle.

In Dessau-Roßlau werden die Flüchtlinge ausschließlich in Wohnungen untergebracht. "Die Gemeinschaftsunterkunft wurde 2010 aufgelöst", sagt Sprecher Carsten Sauer. Schwierigkeiten bei der Unterbringung gebe es nicht. "Es besteht eine kooperative Zusammenarbeit mit den Wohnungsunternehmen", so Sauer. 350 Flüchtlinge sind in der Stadt beheimatet.

Börde: Neben der Gemeinschaftsunterkunft in Harbke, die ausgelastet ist, wurden Gebäude in Haldensleben und Weferlingen hergerichtet. In Wolmirstedt wurde zunächst eine Notunterkunft eingerichtet. Sie soll ab April 2015 als weitere Gemeinschaftsunterkunft Flüchtlingen und Asylsuchenden Platz bieten. Zurzeit leben 721 Asylbewerber im Landkreis.

Jerichower Land: In Genthin ist vor einigen Wochen ein Wohnblock für 60 syrische Flüchtlinge hergerichtet worden. Zerbst hält Wohnungen für weitere Asylbewerber vor. Wegen der höheren Nachfrage nach Wohnungen steigen die Mietpreise leicht an. Derzeit leben 300 Asylbewerber im Landkreis.

Salzlandkreis: Pro Monat muss der Salzlandkreis rund 80 Asylbewerber aufnehmen. Die Kapazitäten reichen nicht aus. Deshalb werden im kommenden Jahr zwei Wohncontainer in Bernburg und Aschersleben platziert. Fünf Gemeinschaftsunterkünfte gibt es derzeit im Landkreis, hinzu kommen mehr als 80 Wohnungen. Die Kosten für den Salzlandkreis steigen im kommenden Jahr auf neun Millionen Euro, fünf Millionen mehr als noch 2014.

Altmarkkreis Salzwedel: Der Kreis ist auf der Suche nach neuem Wohnraum, sagt Sprecherin Birgit Eurich. In diesem Jahr sind 32 Wohnungen angemietet worden. Ein Wohnblock mit 27 Wohnungen in Gardelegen soll dazukommen. Zudem wurde die Kapazität der Gemeinschaftsunterkunft in Salzwedel um 30 Plätze auf 90 erhöht. Der Kreis rechnet mit Mehrkosten von 1,7 Millionen Euro im Vergleich zu 2013.

Stendal: Die Gemeinschaftsunterkunft ist von 250 auf 300 Plätze erweitert worden. Im Landkreis leben derzeit 447 Asylbewerber, allein 2014 kamen bislang 263 dazu. Sie werden auch in Wohnungen untergebracht. Das Angebot reiche derzeit aus, sagt eine Sprecherin.

Im Burgendlandkreis ist die Suche nach Wohnraum ein Kraftakt. "Aufgrund von hohem Leerstand wurden viele Häuser abgerissen", erklärt eine Sprecherin. 329 Asylbewerber wohnen im Landkreis, bis Jahresende müssen noch etwa 150 Personen aufgenommen werden. Zudem werden Wohnungen angemietet. Auch der Saalekreis berichtet von Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Immobilien, ebenso die Kreise Mansfeld-Südharz und Anhalt-Bitterfeld.

Die Budgets der Städte und Landkreise zur Unterbringung und Betreuung der Asylbewerber sind überschritten. In Magdeburg fehlen im kommenden Jahr 5,4 Millionen Euro. Bund und Land stellen in den kommenden Jahren zusätzliches Geld zur Verfügung. Ob das ausreicht, um die Belastung zu decken, ist fraglich. Nach bisheriger Planung fließen 2015 und 2016 jeweils 13,7 Millionen Euro nach Sachsen-Anhalt. Der langfristige Bedarf sei aber nur schwer zu beziffern. "Wie es über 2016 hinaus weitergeht, ist offen", so Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU).

   

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