Der "Lokomat"
Der Lokomat ist ein Gang-Roboter, der behinderten Menschen das Gehen und Laufen ermöglichen soll. Das Therapie-Gerät wurde in der Schweiz an der Universitätsklinik Balgrist zusammen mit Industriepartnern entwickelt.

Es ermöglicht gehbehinderten Patienten das Führen der Beine auf einem Laufband. Dabei soll die Steuerung der Bewegungen wieder erlernt oder verbessert werden. Ziel ist, den Patienten an das Tragen des eigenen Körpergewichtes heranzuführen.

In einem Gurtsystem hängt der Patient über dem Laufband. Elektromotoren treiben die Ober- und Unterschenkel an. Der Kraftaufwand für den Patienten ist exakt dosierbar. Sensoren erfassen genau, wie groß sein Eigenanteil an den Gehbewegungen ist, und teilen ihm dies über ein Smiley-Gesicht (Foto) in Echtzeit mit. Die Gehgeschwindigkeit kann zwischen 1 und 3,2 km/h eingestellt werden.

Der Geh-Roboter kostet etwa 150000 Euro. Weltweit sind nach Herstellerangaben etwa 250 Geräte im Einsatz. Als erste Einrichtung in Sachsen-Anhalt hat das ambulante Therapiezentrum Magdeburg kürzlich ein solches Gerät angeschafft.

Magdeburg l Neun Uhr früh im Therapiezentrum Magdeburg. Patrick fährt im Rollstuhl durch die Tür in den Sportraum. Sein Blick fällt auf den riesigen Lokomat-Roboter. Er lächelt. "Sich endlich mal wieder komplett aufzurichten. Wie sehr man das vermisst, wird erst klar, wenn man es nicht mehr kann", sagt er.

Heute ist es so weit. Das Therapiezentrum im Norden der Stadt hat den in der Schweiz entwickelten Geh-Roboter kürzlich angeschafft. "Nach Angaben des Herstellers ist es der erste Lokomat in einer Einrichtung Sachsen-Anhalts", erzählt Praxismanagerin Monika Förster. Das Gerät soll in Magdeburg im ambulanten Bereich nach der klinischen Rehabilitation eingesetzt werden. Patienten mit Querschnittslähmungen, Multipler Sklerose, Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma sollen damit Stück für Stück verloren gegangene Beweglichkeit zurückerlangen - soweit dies möglich ist.

Neuland auch für die Therapeuten

Der 26-Jährige Patrick Höckendorff ist der erste Patient, der mit dem Lokomat trainieren soll. Auch für die Therapeuten ist der große Geh-Roboter trotz Schulungen noch Neuland. Die Feinjustierungen des Gerätes und die Abnahme der Bewegungswerte des Patienten werden vor dem ersten Gebrauch fast eine Stunde dauern. Ergotherapeutin Nadine Jecho legt ihm schließlich die Hängegurte an, langsam hebt sich sein Körper über das Laufband, der Rollstuhl wird zur Seite geschoben. Mit den Armen kann sich Patrick auf beiden Seiten des Lokomaten abstützen.

Die Anstrengung, die das aufrechte Bewegen verursacht, steht dem jungen Mann ins Gesicht geschrieben. Trotzdem lässt er das aufwendige Prozedere fast mit Gelassenheit über sich ergehen. Immer wieder lächelt er. "Zu spüren, dass mein Becken nach unten hängt, ist ein unbeschreiblich gutes Gefühl", schwärmt er.

Es ist ein Moment Zeit, mit Patrick Höckendorff über sein Krankenschicksal zu sprechen. Sein altes Leben endete am 20. September 2013, ein Freitag. Da wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. Am Sonntag zuvor kündigten zunächst nur leichte Kopfschmerzen das bevorstehende Drama an. "Ich wollte mich nicht gleich krankschreiben lassen", erzählt er. Der Grund: Erst wenige Tage zuvor hatte er einen neuen Job angenommen. Zuvor arbeitete er jahrelang mit einem Freund in seiner eigenen Firma als Parkettverleger. Montag, der Kopfschmerz zieht sich am Hinterkopf entlang. Dienstag Unwohlsein, erste Anzeichen von Desorientierung. Sein Arzt hat ihn inzwischen krankgeschrieben. Patrick bleibt zu Hause, doch sein Zustand verschlechtert sich. Am Freitag ist er kaum noch ansprechbar und wird von den Eltern ins Krankenhaus gebracht. Diagnose: Meningitis. Hirnhautentzündung. Bereits Sonnabend wird sein Zustand lebensbedrohlich. 43 Grad Fieber. Intensivstation. Kühlakkus am ganzen Körper.

Und dann brach der Sonntag an, der erste Tag im neuen Leben: "Ich habe am Morgen plötzlich meine Beine nicht mehr gespürt."

Patrick schweigt. Die Erinnerung an diesen Moment schnürt ihm die Kehle zu.

Wie kam es zu der Entzündung? Er schüttelt den Kopf. "Es konnte nicht ermittelt werden, wo oder von wem ich mich angesteckt habe." Ein Zeckenbiss - häufig Ursache von Meningitis-Infektionen - war nicht der Auslöser der Erkrankung.

Patrick überwand das Fieber, sprang dem Tod von der sprichwörtlichen Schippe und fand langsam zurück ins Leben. "Manchmal waren Freunde zu Besuch, die ich nicht erkannt habe. Anfangs hatte ich auch Schwierigkeiten, meine Hand zum Mund zu bewegen", erzählt er. Nach dem Krankenhaus kam die Rehabilitation. Inzwischen sind seine motorischen Fähigkeiten von der Hüfte aufwärts wieder weitgehend hergestellt.

Bei seiner seelischen Genesung konnte ihm aber kein Roboter helfen, nur die Gemeinschaft im heimischen Möckern. Seine Familie, seine Freunde und Jennifer, die Freundin, mit der er seit acht Jahren zusammen ist. "Wir haben inzwischen gemeinsam eine neue, behindertengerechte Wohnung gefunden. Und ab Januar fange ich wieder an zu arbeiten", erzählt er stolz. Als Verkaufsberater in der "Lebenswelten"-Modellwohnung bei Karstadt in Magdeburg.

In dem Kaufhaus können sich behinderte und alte Menschen über spezielle Möbel und technische Hilfsmittel informieren, die das eingeschränkte Leben erleichtern. Und wie kommt er aus Möckern zu seiner neuen Arbeitsstelle? "Mit meinem umgebauten Auto. Da kann ich selbstständig einsteigen, den Rollstuhl zusammenklappen und verpacken und losfahren." Mobilität und Sport sind Patrick wichtig. Im Sommer war der 26-Jährige auch schon das erste Mal mit einem Liegerad unterwegs.

Kehrt das Leben doch noch in Patricks Beine zurück?

Und nun also gehen. Die Therapeutin schnürt seine Ober- und Unterschenkel in den Halterungen fest und tippt anschließend Werte zur Einstellung des Roboters auf das Computerdisplay. Motoren summen, das Band läuft, erste Gehversuche. "Der Roboter bewegt zwar im Geh-Rhythmus die Beine. Aber der Patient unterstützt diese Bewegung", erklärt Nadine Jecho. Wie groß der Anteil dieser eigenen Laufleistung ist, wird von mehreren Sensoren an den Beingelenken erfasst und in Echtzeit auf einen Bildschirm vor ihm übertragen - als Smiley oder als Kurve in einer Grafik.

Nun berührt der junge Mann mit den Sohlen der Turnschuhe fest das Laufband. Aus der Hüfte heraus drückt Patrick die Beine nach vorn. Nur auf den zweiten Blick sieht der Betrachter, dass er nicht völlig allein und ohne Hilfe auf dem Laufband unterwegs ist. "Super!", ruft Therapeutin Nadine beim Blick auf ihr Display. Sie strahlt über das ganze Gesicht. "Irre!" Die Ausschläge der Kurve werden größer. Sie zeigen, dass Patrick nicht nur geführt wird, sondern einen messbaren Eigenanteil an diesem "Spaziergang" leistet.

Zukünftig soll er nach einem mit Ärzten abgestimmten Therapieplan mehrfach monatlich im Geh-Roboter laufen. Kehrt das Leben vielleicht doch noch in die Beine von Patrick zurück? Die Therapeutin zuckt mit den Achseln: "Das kann niemand vorhersagen." Aber wenn es nur zehn Prozent wären, nur vier Prozent Kraft, die zurückkehren, es würde ihm helfen. Von den positiven Effekten, die das Gehen im Lokomat für seinen Kreislauf, seine inneren Organe, für sein Körpergefühl insgesamt hat, ganz zu schweigen.

Patrick beißt sich auf die Lippen. Es ist ein schwerer Gang. Schritt für Schritt. Der doofe Smiley hat eben mal kurz gelächelt. Vielleicht lächelt er noch mal? Vor ihm liegt noch ein langer Weg. Patrick Höckendorff aus Möckern ist unterwegs. Wer ihn kennengelernt hat, spürt: Er hat noch viel vor.

   

Bilder