Magdeburg l Die römischen Folterknechte hatten sich durchaus gemüht, Blasius doch noch zu überzeugen. Mit eisernen Wollkämmen fetzten sie seine Haut vom Leib. Vergeblich: Der Bischof weigerte sich, fremde Götter anzubeten. Als der Statthalter die Geduld verlor, ließ er den Gefangenen ertränken. Wunderbarerweise schritt Blasius trockenen Fußes an Land. Erst als ihm ein Henkersbeil das Haupt abtrennte, hauchte er sein Leben aus.

In der armenischen Stadt Sebaste soll sich das Martyrium zugetragen haben, sie heißt heute Sivas und liegt in der Türkei. Die 1,2 Milliarden Gläubige umfassende katholische Kirche verehrt Blasius bis heute als Heiligen.

Aber wie nur kommt sein Gebein in den Landkreis Harz?

Ein ehemaliges Kloster nahe Halberstadt im Dezember 2008. Wenige Tage vor Heiligabend sichtet der Kunsthistoriker Erik Ernst Venhorst Einrichtungsgegenstände, die die Nonnen im Lauf von Jahrhunderten zusammengetragen haben. Der Berliner ist im Auftrag des Bistums Magdeburg unterwegs. Mit einer Kamera dokumentiert er seine Funde, auf großen Karten hält er alle Details fest. Dann stößt Venhorst auf einen Schrank, den schon lange keiner mehr geöffnet hat. Venhorsts Auftrag ist umfassend. Er soll jeden Raum überprüfen: Kirchenschiffe und Sakristeien, Dachböden und Abstellkammern.

Venhorst öffnet den Schrank und findet eine Kiste aus Holz. In diesem ein Schaukästchen mit gläsernen Wänden. In einer staubbedeckten Stoffhülle, deren ursprüngliche Purpurfarbe kaum noch zu erahnen ist, steckt ein Knochen. Eine Reliquie. Beigelegt ist eine päpstliche Urkunde, die jedes Rätselraten unnötig macht: Venhorst hält einen Oberarmknochen des Heiligen Blasius in der Hand.

"Von dieser Reliquie wusste bisher kein Mensch", sagt der Kunstforscher heute. Ein unpubliziertes Artefakt. Venhorsts Spürnase hatte ihn an den richtigen Ort geführt. Höchst unerwartet kam der Fund - unerklärlich aber ist er nicht. Die Urkunde aus der Amtszeit von Papst Innozenz XII. wurde im Jahr 1699 ausgestellt. In dieser Zeit dürfte der antike Knochen auch ins Harzvorland gekommen sein. "In protestantischen Gegenden hat die katholische Kirche damals massiv Reliquien angeschafft", weiß Venhorst. "Das war Teil der Gegenreformation." Die Aura des Heiligen sollte die Anhänger Luthers zurücklocken in die römische Kirche.

Der Reliquienschrein ist geschmückt mit getrockneten Seidenblumen und Perlen - "Klosterarbeit" nennen die Experten derlei Kunsthandwerk. Kleine Taschen enthalten weitere Knochensplitter, mutmaßlich aus den Katakomben von Rom. Bis ins 19. Jahrhundert ließ der Vatikan Skelette aus der Zeit des frühen Christentums exhumieren, um sie mit einer frommen Legende versehen in die Gebiete nördlich der Alpen zu bringen.

Wo genau Venhorst den Schrein entdeckt hat, will er aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich sagen. Nur so viel: Er gehört zur Halberstädter Pfarrei St. Burchard.

Die steht damit plötzlich in einer Reihe mit Orten in ganz Europa, in denen Blasius-Reliquien verehrt werden. "Wenn man alle Knochen zusammensetzt, würde wahrscheinlich mehr als ein Blasius herauskommen", sagt Venhorst mit leisem Spott. Der gebürtige Rheinländer ist selbst Katholik. Er weiß aber, dass es in früheren Jahrhunderten nicht allzu schwer war, im Vatikan ein Echtheitszertifikat zu erhalten. Angebliche oder tatsächliche Überreste von Blasius werden heute in Dubrovnik verehrt, in St. Blasien im Schwarzwald, in Paris, im süditalienischen Städtchen Maratea.

Der in einem Schrank vergessene armenische Heilige zeigt: Das Bistum Magdeburg wusste bislang gar nicht, was ihm alles gehört. Sieben Jahre lang hat Venhost katholische Kirchen zwischen Arendsee und Zeitz durchkämmt, um das zu ändern.

Wer denkt, im Kernland der Reformation habe der Katholizismus materiell nichts zu bieten, liegt falsch. Zwar gibt es Kirchen, die nichts weiter sind als einstige Kuhställe, nach dem Krieg eilig für die vertriebenen Katholiken aus dem Osten hergerichtet. Doch es gibt auch uralten Besitz: Immerhin 16 Klöster hatten die Reformation und den Dreißigjährigen Krieg überstanden. Zu den Schätzen, die Venhorst gefunden hat, gehört auch ein Kelch, dessen Fuß aus dem 13. Jahrhundert stammt. Wie die Blasius-Reliquie bietet auch er Rätsel. Eingraviert sind 30 gotische Majuskeln, die bislang niemand deuten kann. "Damit ist jeder Lateinlehrer bis ins Grab beschäftigt", vermutet Venhorst.

Sein Auftrag war, zum ersten Mal ein Inventar über sämtliche Kulturgüter des Bistums zu erstellen. Glocken, Altäre, Kelche, kostbare Gewänder, Skulpturen und Gemälde: Jedes einzelne Teil sollte erfasst werden. Jetzt, im Dezember 2014, hat er den Auftrag abgeschlossen. 199 Gebäude hat er durchsucht. 13972 Objekte erfasst. 42307 Fotos angefertigt.

Immer wieder entdeckte er Schätze, von denen keiner etwas ahnte. Im Nebenraum einer Sakristei fanden sich in einem Schrank zwei barocke Ziborien - prächtige Gefäße zur Aufbewahrung der gewandelten Oblaten, nach katholischer Lehre der Leib Christi. "Der Pfarrer war schon sehr lange in der Gemeinde. Aber in diesen Schrank hatte auch er noch nie hineingesehen."

Neben einem soliden Wissen zur Kunstgeschichte brauchte Venhorst einiges an Spürsinn. Viele Hinweise kamen von langgedienten Ehrenamtlichen, etwa den Küsterinnen. Ertragreich waren Dachböden, wo vieles abgestellt wurde, das nicht mehr dem Zeitgeschmack entsprach. Etwa jene Skulpturengruppe, die irgendwann in der Pfarrei St. Elisabeth in Tangermünde aussortiert worden war. Dargestellt ist das Emmausmahl, Jesus im roten Umhang segnet im Beisein von zwei Jüngern Brot und Wein. Die Farben sind abgeplatzt, entstanden ist das Werk vermutlich in den Jahren nach 1910. Solche Arbeiten, aber auch barocke Meisterwerke wurden nach dem II. Vatikanischen Konzil Mitte der 1960er Jahre massenhaft aus den Kirchen verbannt. Venhorst erzählt von Pfarrern, die Skulpturen einfach ins Osterfeuer warfen. "Das war vergleichbar mit dem Bildersturm der Reformation, da wurde viel rausgehauen. Man wollte sich von Ballast befreien und Anschluss finden an die Moderne." Im bayerischen Marktl am Inn warf man 1964 ein historisches Taufbecken aus der Kirche - um es 2006 vor dem Besuch von Papst Benedikt XVI. still zurückzuholen. Der war 1927 über eben jenem Stein getauft worden.

Das Bistum Magdeburg will durch das neue Inventar sicherstellen, dass nichts mehr so leicht verschwindet. Denn erneut sind die Zeiten nicht gut für den Erhalt von Überliefertem. Die alten Gemeinden sind zu größeren Pfarreien zusammengelegt, Gotteshäuser wurden geschlossen, Pfarrer zerteilen sich zwischen mehreren Kirchen. Venhorst warnt vor einer "schleichenden Erosion" von Kulturgütern, zumal es für deren Betreuung im Bischöflichen Ordinariat keinen hauptamtlichen Mitarbeiter mehr gibt.

In diesen Tagen hat Venhorst im Bistumsarchiv eine Kiste mit den letzten ausgeliehenen Arbeitsmaterialien abgegeben. Sein Auftrag ist abgeschlossen. Was ist das Überraschendste, das er bei seiner Reise durch die Pfarreien entdeckt hat? Venhorst nennt nicht Augsburger Goldschmiedearbeiten, nicht gotische Skulpturen oder barocke Gemälde. "Die größte Überraschung waren die Menschen, denen ich begegnet bin." Mit seinen vier Mitarbeitern hat er meist im Pfarrhaus übernachtet, es gab viele Einladungen zum Kaffee oder Mittagessen Alte Menschen erzählten von Vertreibung und schwerem Neuanfang.

Heute schrumpfen die Gemeinden dramatisch, es gibt nur noch wenig Taufen. Den Eindruck, dass die winzige katholische Minderheit im Land vor der Auflösung steht, hat Venhorst jedoch keinesfalls. "Das katholische Leben wandelt sich. Aber es wird nicht zugrunde gehen, weil die Kraft des Glaubens so groß ist."

   

Bilder