Registrierte Unfallfluchten in Sachsen-Anhalt

1. Magdeburg: 1945
2. Halle: 1774
3. Harzkreis: 1248
4. Burgenlandkreis: 1003
5. Saalekreis: 942
6. Salzlandkreis: 917
7. Anhalt-Bitterfeld: 905
8. Bördekreis: 843
9. Mansfeld-Südharz: 789
10. Landkreis Wittenberg: 681
11. Dessau-Roßlau: 621
12. Landkreis Stendal: 555
13. Altmarkkreis Salzwedel: 471
14. Jerichower Land: 352

Quelle: Innenministerium/ Statistik 2013

Magdeburg l Als der 19-jährige Philipp Kändler am 28. Oktober mit seinem Fahrrad an einer Kreuzung in der Magdeburger Innenstadt nach einem Zusammenstoß unter einem Transporter liegt, hat der Student zunächst keine Schmerzen. Er kann sich sogar selbst befreien. Der Transporterfahrer schimpft lauthals, will erst gar nicht aussteigen. Dann folgt er aber der Aufforderung des Radfahrers und fragt nach dessem Befinden.

Unter Schock und mit Adrenalin überschwemmt, sagt er dem schimpfenden Fahrer, dass ihm nichts fehle. Ohne zögern steigt der Unbekannte ein und fährt davon, ohne seine Personalien zu hinterlassen. Erst später in einer Vorlesung wird ihm klar, wie schwer er verletzt ist. Er kann kaum noch gehen, Becken und Knie schmerzen. Er geht zum Arzt. Zwar bleibt das Röntgenbild unauffällig, doch Schmerzen beim Treppensteigen hat er nach wie vor. Der Student macht sich nun Sorgen, ob sein Unfall nicht seine Zukunft im Sport vernichten könnte. Der flüchtige Fahrer hingegen ist noch nicht ermittelt. Es ist für Sachsen-Anhalts Polizei eine von jährlich rund 13.700 Unfallfluchten.

Männer begehen häufiger Unfallflucht

Kändlers Fall ist für die Magdeburger Verkehrsermittlerin Yvette Maurer kein besonderer: "Die Opfer können direkt nach dem Unfall oft schwer einschätzen, ob sie überhaupt verletzt sind. Man sollte deshalb immer die Personalien austauschen und die Polizei rufen." Ansonsten begehe man eine Straftat. Es drohen in solchen Fällen sogar Freiheitsstrafen, bei Blechschäden zumindest Fahrverbote und Geldstrafen.

Von rund 35.000 gemeldeten Zusammenstößen im ersten Halbjahr dieses Jahres, waren 6545 Verursacher vom Unfallort geflüchtet. Nach der Statistik des Innenministeriums sank die Zahl der Unfälle insgesamt in den vergangenen vier Jahren zwar kontinuierlich um fünf Prozent. Die Zahl der Unfallfluchten blieb aber konstant, meist nach Blechschäden.

Etwa 40 Prozent dieser Delikte konnten aufgeklärt werden. Nach der Statistik waren zwei Drittel der Flüchtigen übrigens Männer und jeder dritte ermittelte Beschuldigte älter als 65 Jahre.

Unfallflucht aus Angst vor höheren Versicherungsbeiträgen

Bundesweit nahmen nach einer Erhebung des Auto Club Europa (ACE) die Unfallfluchten nach Blechschäden zu. Die Zahl der angezeigten Delikte lag im vergangenen Jahr bei rund 500.000.

"Die Entwicklung ist schon dramatisch", sagt Polizeihauptmeisterin Yvette Maurer aus Magdeburg zu den Unfallfluchten vor allem nach Blechschäden. Seit 13 Jahren wertet die Beamtin Zeugenaussagen, Lackspuren und andere Untersuchungsergebnisse beim Ermittlungsdienst der Polizei aus.

Warum Autofahrer vor allem bei kleinen Remplern sich immer öfter aus dem Staub machen und dafür lieber eine hohe Geldstrafe, Fahrverbote und Punkte kassieren, dafür findet sie keine plausible Erklärung. Nur so viel: "Früher waren Alkohol oder Schamgefühl häufig Gründe für Unfallfluchten. Heute wollen viele nur, dass sich ihre Versicherung nicht erhöht." Die Ausreden, die die Polizisten dabei hören, seien nicht einmal originell.

Unfälle sind selten zu überhören

Im Gegenteil: Oft lautet sie immer gleich. Maurer: "Viele sagen uns, dass sie den Zusammenstoß gar nicht bemerkt hätten." Dabei ist dies oft kaum zu glauben. Sachverständige hatten bei einem Versuch, bei dem ein Lkw die Stoßstange eines Pkw abriss, einen Lärmpegel von 100 Dezibel gemessen. Das gleicht dem eines Flugzeuges. Maurer: "Selbst wenn die Musik voll aufgedreht ist, kann man vielleicht kleine Anstöße überhören. Aber eben nicht die Heftigeren."

Sie habe außerdem in den vergangenen Jahren die Entwicklung festgestellt, dass sich viele Autofahrer kaum noch von allein stellen.

Doch woran liegt es, dass sich so viele Autofahrer nach den Unfällen aus dem Staub machen? Michael Kraska vom Innenministerium Sachsen-Anhalt: "Nach Erkenntnissen von Unfallforschern sind die Motive der Flucht sehr vielschichtig. Genau das stellt für uns auch die Schwierigkeit dar, einen präventiven Ansatz zu finden."

Adresszettel reicht bei Unfall nicht

Es gibt zudem eine Reihe Fehler, die Autofahrer nach dem Zusammenstoß auch auf dem Parkplatz immer wieder begehen: Der häufigste sei, einfach einen Zettel oder Visitenkarte hinter dem Scheibenwischer zu hinterlassen. Yvette Maurer: "Damit kann man vom Staatsanwalt maximal strafmildernde Umstände erhoffen, mehr aber auch nicht."

Denn viele der vom Unfall betroffenen Autofahrer gehen mit dem Zettel dennoch zur Polizei. Diese muss dann automatisch eine Strafanzeige schreiben. Selbst wenn alle Angaben auf dem Zettel stimmen sollten. "Viele Autofahrer wissen das offensichtlich nicht und sind völlig überrascht, dass sie eine Straftat begangen haben", sagt die Polizistin. Ab einer Schadenshöhe von 1300 Euro müssen die ermittelten Unfallverursacher meist sogar ihren Führerschein abgeben. Die Länge des Einzuges hängt dann von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem dem Punktestand in Flensburg. Auch die Höhe der Geldstrafe, so die Erfahrung der Unfallermittlerin, richte sich nach der Höhe des Einkommens und Punkte gibt es dafür obendrein.

"Das Strafmaß wird dabei meist unterschätzt", sagt die Beamtin. Das Gesetz sieht bei Unfallfluchten übrigens neben Geldstrafen auch Freiheitsstrafen bis drei Jahren vor. Auch versicherungsrechtliche Folgen drohen für den Unfallflüchtigen. Die Kfz-Haftpflicht zahlt zwar zunächst den Schaden des anderen, holt sich aber das Geld beim Verursacher zurück. Die Höchstgrenze liegt laut ADAC bei 5000 Euro. Der Täter wird beim Schadensfreiheitsrabatt zurückgestuft.

Wer selbst Opfer geworden ist und eine Beule am Auto feststellt, sollte ebenfalls sofort die Polizei rufen. "Nur dann können wir vor Ort auch verwertbare Spuren finden", sagt die Beamtin.