Volksstimme: Herr Professor Kleinstein, täuscht der Eindruck oder ist das Thema künstliche Befruchtung in den vergangenen Jahren immer stärker in Politik und Gesellschaft angekommen?
Jürgen Kleinstein: Nein, dieser Eindruck täuscht nicht. Das ist so. In Deutschland sterben leider immer noch mehr Menschen als neu geboren werden. Man kann dieses Problem natürlich über Zuwanderung lösen. Sinnvoller aber ist es, wenn die Frauen in Deutschland wieder mehr Kinder bekommen. Der Staat hat daran ein berechtigtes Interesse - und hat ungewollt kinderlose Paare deshalb in den vergangenen Jahren wieder stärker gefördert.

In Sachsen-Anhalt werden - das ist bundesweit einmalig - sogar nicht verheiratete Paare finanziell unterstützt. Ist das der richtige Weg?
Ja, das begrüße ich sehr. In Sachsen-Anhalt gibt es inzwischen mehr unverheiratete Paare als Ehepaare. Es ist gut, dass diese Lebenswirklichkeit in dem Förderprogramm Berücksichtigung findet.

Das Programm wäre überflüssig, wenn die Krankenkassen wieder wie früher 100 Prozent der Kosten bei künstlichen Befruchtungen abdecken würden. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig setzt sich dafür ein. Sehen Sie Erfolgschancen?
Ich bin skeptisch. Das Thema scheint innerhalb der Großen Koalition in dieser Legislaturperiode nicht konsensfähig zu sein. Aber Frau Schwesig ist ja eine taffe Frau, die weiß, was sie will. Vielleicht kann sie sich durchsetzen. Fakt ist jedenfalls eines: Das würde in Deutschland sicher einen neuen Boom auslösen.

Großen Andrang erleben Sie in der Uniklinik schon jetzt. Zu Ihnen kommen etwa 2500 Paare pro Jahr. Ist das Thema Finanzen bei ungewollt kinderlosen Paaren wirklich ein entscheidendes?
Und ob! Es ist für die Paare das dominanteste, wir helfen vielen beim Ausfüllen der Förderanträge. Die moderne Reproduktionsmedizin ist zwar nun auch schon 35 Jahre alt. Doch die Behandlungen sind immer noch teuer - obwohl wir in Deutschland teilweise deutlich unter dem Preisniveau anderer europäischer Staaten, der Schweiz oder den USA liegen.

Die Kosten sind das eine, die häufig enorme psychische Belastung das andere. Warum setzen sich so viele Paare mit ihrem Kinderwunsch unter Druck?
Für viele Menschen gehört es einfach zu ihrer Vorstellung vom Leben, eine eigene Familie zu gründen. Wenn das auf natürlichem Wege nicht gleich klappt, wächst die Anspannung. Doch neben dem eigenen Druck macht den Paaren vor allem der Druck von "außen" zu schaffen. Wenn irgendwo ein verheiratetes und unverheiratetes Paar zusammenzieht, kommt im Umfeld nach einer gewissen Zeit in der Regel die Frage auf: Na, wann kommt denn da der Nachwuchs? Ist er schon unterwegs? Diese neugierigen Fragen sind oft lieb gemeint - für das betroffene Paar, das sich sehnlichst Kinder wünscht, sind sie jedoch der Horror. Aber so ist der Volksmund nun einmal.

Das Alter der Mütter beim ersten Kind steigt stetig. Deutsche Frauen bekommen ihr erstes Kind im Durchschnitt mit 29 Jahren. Was hat das für Auswirkungen auf die Reproduktionsmedizin?
Gravierende! Als ich vor 20 Jahren in Magdeburg angefangen habe, waren die Frauen bei ihrem ersten Kontakt mit uns etwa 25 Jahre alt. Heute sind sie knapp 35 Jahre alt. Im Bereich der Fortpflanzung sind das Meilensteine. Jedes Jahr schmälert die Erfolgschancen.

Gehen Männer und Frauen mit ihrem unerfüllten Kinderwunsch eigentlich unterschiedlich um?
Ja, das liegt schon allein daran, dass sich die Frau viel mehr Untersuchungen unterziehen muss. Doch die meisten Männer sind schon lange keine Statisten mehr: 90 Prozent kommen zu den Behandlungen mit, wollen alles ganz genau wissen. Das Thema künstliche Befruchtung war eigentlich noch nie nur Frauensache. Durch unsere Behandlungen wissen wir: Beim unerfüllten Kinderwunsch liegt das Problem häufiger beim Mann als bei der Frau. Zwei Drittel der Behandlungen erfolgen wegen unzureichender Spermienqualität des Mannes.

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