Magdeburg l Verlassen liegt die Grube am Breiten Weg, über der vor wenigen Monaten noch der Plattenbau Breiter Weg 261 bis 264 stand. Nachdem die Platte gefallen war, waren die Archäologen angerückt, hatten die Reste einer Straße und von Werkstätten entdeckt, aber auch Festungsanlagen und Menschenknochen.

Das war auf der Westseite der Grube. In den letzten Wochen vor dem Ende des Grabungsfensters im Zeitplan ging es um die Ostseite. Grabungsleiter Dr. Gösta Ditmar-Trauth sagt: "Die Funde auf der Ostseite in Richtung Leibnizstraße unterscheiden sich deutlich von denen auf der Westseite in Richtung Breiter Weg." Hier sind er und seine Kollegen auf eine Reihe von Fundamenten und Siedlungsgruben gestoßen. "Nach unserem derzeitigen Stand stammen diese von Häusern, die in der Zeit der Funde auf der anderen Seite errichtet wurden." Sie dürften also ab dem 12. Jahrhundert gebaut worden und damit nahezu um die 900 Jahre alt sein.

Ganze Keller bilden sich in der Erde drei bis vier Meter unter dem heutigen Niveau als Negativ im Boden ab. Alles, was die vier Männer vom Grabungsteam hier zutage fördern, nehmen sie genau in Augenschein. Sie dokumentieren die Lage von Keramik- und Glasscherben, von Knochen und Fischgräten, von verkohlten Holz- und verrosteten Eisenstückchen, von dem, was in Abfallgruben noch zu finden ist - kurzum von allem, was von der menschlichen Siedlung übrig geblieben ist.

"Auffällig", so der Grabungsleiter, "ist hier, dass die Häuser vor der Stadtmauer dicht an dicht standen ebenso wie im Inneren der mittelalterlichen Städte." Das gab es so nicht vor jeder Stadt vor 1000 Jahren. Und das ist ein Zeichen dafür, dass es viele Menschen zur Stadt Magdeburg gezogen hat. Ein Beweis, dass die Elbestadt damals besonders groß und besonders bedeutend war.

Und wie geht es jetzt weiter? Der Grabungsleiter sagt: "Jetzt müssen die Funde der vergangenen Monate erst einmal ausgewertet werden." Es geht darum, die einzelnen Fundstücke zu reinigen, ihre dank der Grabungszeichnungen genau bekannten Fundstellen in einen Gesamtzusammenhang zu bringen. Diese Auswertung, so der Wissenschaftler, kann zuweilen sogar mehr Zeit in Anspruch nehmen und noch viel spannender sein, als die eigentlichen Ausgrabungen.

Fakt ist jedenfalls, dass die Archäologen wohl lange vor Ende dieser Arbeit noch einmal umziehen müssen. Denn ihr Büro befindet sich in jenem Block ein paar Meter weiter neben dem in diesem Sommer abgerissenen, der im kommenden Frühjahr fallen soll. Auch wenn dieses Gebäude gefallen ist, wird das Archäologenteam wieder einen Blick auf den Boden werfen, den die Bagger beim Abriss des Fundaments unter dem fast 50 Jahre alten Plattenbau freilegen. Gösta Ditmar-Trauth sagt: "Es ist ja damit zu rechnen, dass wir in diesem Bereich eine Fortsetzung des Straßen- und Häuserzugs finden, den wir in der Baugrube zwischen Haeckel- und Danzstraße freigelegt haben."

Notwendig geworden war die Arbeit, da anstelle von Plattenbauten in diesem Bereich der südlichen Altstadt ein neues Viertel entstehen soll. In geschichtlich sensiblen Bereichen wie diesem südlich des mittelalterlichen Magdeburgs ist eine archäologische Begleitung Standard.

 

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