Armwrestling

Der Kraftsport Armwrestling hat nur entfernt mit dem klassischen Armdrücken zu tun. Im Gegensatz dazu stehen sich die Sportler an einem 1,04 Meter hohen Wettkampftisch gegenüber, halten sich an einer Stange fest und drücken mit dem gesamten Oberkörper.

Kämpfe gehen über mehrere Runden. Eine Runde dauert 20 bis 30 Sekunden. Sieger ist, wer den Handrücken des Gegners zuerst auf ein Polster gedrückt hat. Ein Schiedsrichter überwacht den Kampf bei Wettbewerben.

Matthias Schlitte aus Haldensleben ist einer der erfolgreichsten deutschen Armwrestler. Kampfname: "Hellboy". Schlitte startet in der Regel in der Gewichtsklasse bis 70 kg. 2013 wurde er Vize-Weltmeister in Polen. Siebenmal gewann er die deutsche Meisterschaft.

Sportler, die sich in Armwrestler-Vereinen organisieren, gibt es in Deutschland seit Ende der 1980er Jahre. Seit 2008 gibt es eine Bundesliga. Zentren des Sports sind Wolfsburg, Frankfurt/Oder und Frankfurt/Main. Derzeit gibt es nach Angaben des Bundesverbandes etwa 300 aktive Armwrestler in Deutschland.

Bebertal l Das Hoftor in Bebertal (Landkreis Börde) geht auf und Matthias Schlitte streckt dem Besucher seine rechte Hand zur Begrüßung entgegen. Die Pranke ist riesig, der Oberarm zum Fürchten. Der 27-Jährige lächelt freundlich: "Keine Angst. Da gewöhnt man sich dran." Nun ja. Er muss es wissen.

Lange genug hat er ihn schon, diesen rechten Hammer. Die ungewöhnliche Karriere des jungen Kraftsportlers war bislang aber eher in der Armwrestlerszene bekannt. In jüngster Zeit sorgt "Hellboy" - so sein Kampfname – jedoch auch in der breiten Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit. Zum Jahresende widmete ihm "Spiegel online" ein ausführliches Porträt. Und voraussichtlich am 28. Januar ist er in "TV total" bei Stefan Raab zu Gast.

Spaßiger Umgang mit dem Handicap


Den etwas spaßigen Umgang mit seinem einseitigen Handicap pflegt Matthias Schlitte schon seit vielen Jahren. Schließlich ist er die überraschten Blicke seit früher Kindheit gewöhnt. Genetisch bedingt ist sein rechter Armknochen ein Drittel dicker als der linke. Die Ärzte sprechen von "partiellem Riesenwuchs". Oberarzt Dr. Christian Stärke, Orthopäde am Magdeburger Uniklinikum: "Das kommt sehr selten vor. Betroffen können neben den Armen auch die Beine, Zehen oder Finger sein."

Auf die Gesamtgesundheit von Matthias Schlitte hat sein dicker Arm keine negativen Auswirkungen. Im Gegenteil: So kam das eigentlich schmächtige Kerlchen zu einer Rechten, die beim puren Anblick Respekt einflößt. Der absolute Hammer.

Das fand auch schon die Hebamme bei seiner Geburt in Haldensleben. "Sie meinte verdutzt, dass ich bestimmt mal Boxer werde", erzählt er bei Kaffee und Plätzchen im schick eingerichteten Wohnzimmer. Hier zu Hause in Bebertal ist er aktuell eher selten. Nach Abschluss seines Universitätsstudiums in Magdeburg arbeitet er zwar formell im Justizministerium von Sachsen-Anhalt. Zur Zeit ist er aber in die Verwaltung von Nordrhein-Westfalen abkommandiert.

Kein Ärger mit Raufbolden


Anfangs dachten seine Eltern wohl noch, dass sich das mit dem Arm schon verwachsen werde. "Bis ich dann mit drei Jahren meiner Mutter in den Keller gefolgt bin, weil sie Kohlen hochtragen wollte. Da hat sie sich auf dem Weg zurück nach oben herumgedreht und ziemlich erschrocken", erinnert sich Matthias. Der Grund: Der Dreijährige trug mit seinem "Ärmchen" ebenfalls einen vollgefüllten Kohleeimer die Treppe hinauf.

Ärger mit Raufbolden hatte Matthias in der Schule nie. Zu Prügeleien kam es nicht. "Die Aura, die ich verbreitet habe, hat ausgereicht. Man hat mich in Ruhe gelassen", erzählt er. 2004 legte der junge Mann sein Abitur ab. Zu dieser Zeit wog er 63 Kilogramm – ein schmächtiger Kerl mit einem dicken Arm. Da brachte sein Vater von der Tankstelle einen Werbeflyer mit nach Hause. In einer Diskothek wurden Interessenten gesucht, die an einem Armwrestling-Wettbewerb teilnehmen wollten.

Profi-Armwrestling (siehe Infokasten) hat mit herkömmlichem Armdrücken kaum etwas zu tun. Besagte Veranstaltung hatte die Armwrestler-Sportgruppe vom VfL Wolfsburg organisiert. Der Verein war auf Talentsuche.

Die Wolfsburger hatten wohl kaum vermutet, dass der Zufall ihnen Matthias Schlitte zuführte. "Na ja, was soll ich sagen. Ich habe dann an diesem Abend alle Fleischberge bis 95 kg besiegt", erinnert er sich schmunzelnd. So kam der Haldensleber zum Armwrestling und wurde Mitglied beim VfL in Wolfsburg.

Was heißt: Matthias Schlitte begann ein hartes Kraftsporttraining. Auch wenn seine körperlichen Voraussetzungen mehr als ideal für diesen Sport sind. "Erst das Kraftsporttraining und die richtige Technik haben aus mir einen Armwrestler gemacht", sagt er.

Werbefilm für Elektrokonzern AEG


Neben seinem Studium in Magdeburg war "Hellboy" nun erst in Deutschland und dann weltweit unterwegs. Kämpfe führten ihn mehrfach nach Asien, nach Lateinamerika und in die USA. Vor allem in Japan, Südkorea und in den USA ist Armwrestling sehr viel populärer als in Europa. Kämpfe finden dort häufig vor großen Zuschauermengen statt. Ähnlich wie beim echten Wrestling vermischen sich Show und Sport. So trat Matthias Schlitte in Südkorea in einer Fernsehshow gegen einen Roboter an.

Erst im vergangenen Jahr reiste der Haldensleber nach Australien, um dort drei Tage lang einen Werbefilm für den Elektrokonzern AEG zu drehen. Darin zerdrückt er versehentlich Milchtüten und schneidet mit dem Messer Teller durch. "Unexpected Power" (dt. unerwartete Kraft) heißt der Spot, der Werbung für Handwerksgeräte macht. "Das waren drei tolle Drehtage in Australien. Hat sehr viel Spaß gemacht", schwärmt der Kraftsportler.



Und Geld gab es auch ausnahmsweise mal. Denn die Reisekosten rund um den Globus musste "Hellboy" fast gänzlich allein tragen. "Aber das war es mir wert. Ich habe viele Regionen kennengelernt, wohin ich sonst nie gekommen wäre", schwärmt er und beschreibt Gebirgsausflüge in Kasachstan.

Zehn Jahre lang Medaillen und Pokale gesammelt


In zehn Jahren hat Matthias Schlitte Pokale und Medaillen gesammelt, die in seinem Kraftraum zu Hause hohe Regale füllen. Zu seinen größten Erfolgen gehörte die Vize-Weltmeisterschaft 2013 in Warschau in der Gewichtsklasse bis 70 kg. Er wurde viermal in der Einzelwertung Deutscher Meister und dreimal mit seiner Wolfsburger Mannschaft. Außerdem konnte er seit 2004 insgesamt 14 internationale Titel gewinnen.

Entsprechend glücklich ist Olaf Köppen, Vorsitzender vom deutschen Armwrestlerverband, über seinen Mann aus Sachsen-Anhalt. "Es ist wichtig, dass unser Sport über ihn einem breiten Publikum bekannt gemacht wird", sagt er. Bislang zählt der Verband erst etwa 300 aktive Armwrestler. Die Zentren mit jeweils rund 30 Mitgliedern seien in Wolfsburg, Frankfurt/Oder und Hanau bei Frankfurt/Main.

In Sachsen-Anhalt hat sich noch kein Armwrestler-Verein gegründet. "Es gibt bei Kraftsportlern häufig Angst vor Verletzungen. Denn wenn Armwrestling falsch betrieben wird, kann es schon zu Oberarmbrüchen kommen", so der Verbandschef. Aus diesem Grund sei auch wichtig, dass professionelle Schiedsrichter Wettkämpfe kontrollieren.

Siegmar Klingenberg, Magdeburger Kraftsportler und Betreiber eines Fitnessstudios, möchte besser nichts mit Armwrestling zu tun haben. "Da wirken gewaltig hohe Kräfte in einem kurzen Zeitraum. Die Verletzungsgefahr ist extrem hoch." Gutes Aussehen, Fitness und Gesundheit sollten im Mittelpunkt des Kraftsports stehen, findet Klingenberg.

Kritik, die Matthias Schlitte verstehen kann, aber nicht teilt. "Auch ein Gewichtheber kann sich schwer verletzen, wenn er nicht aufpasst. Vom Fußballer will ich gar nicht reden." Er habe in zehn Jahren Armwrestling "vielleicht zwei, drei Oberarmbrüche" erlebt. Mehr nicht. Unter professionellen Bedingungen sei Armwrestling nicht gefährlicher als andere Sportarten auch.

In seiner Heimat Sachsen-Anhalt will der Haldensleber zukünftig das Armwrestling populärer machen. Eine dem Wolfsburger Verein angegliederte Trainingsgruppe gebe es bereits in der Lutherstadt Eisleben. Mit dem Maritim-Hotel in Magdeburg führe er Gespräche, um dort einmal die Deutschen Armwrestling-Meisterschaften austragen zu lassen. Schlitte: "Toll wäre auch, wenn wir mal einen Kampf beim SES-Boxen von Promoter Ulf Steinforth veranstalten könnten. Vielleicht in der Pause."

Maßanfertigungen vom Schneider aus Thailand


Nach Sachsen-Anhalt muss er sowieso regelmäßig zurück, der reisende "Hellboy". Nicht nur des Jobs wegen. Denn einmal im Jahr fährt er nach Halle, um dort beim Schneider Maßanfertigungen zu bestellen. "Hemden und Sakkos muss ich nähen lassen. Das geht nicht anders", erzählt er. Über ein Inserat der Volksstimme bekam er bereits vor Jahren den entscheidenden Tipp.

"Nach Halle kommt einmal im Jahr der thailändische Schneider Jack Khanijou. Der besucht regelmäßig mehrere Kunden in Europa." Für den "Hellboy" schneidert der Thailänder besonders gern, wie man sich vorstellen kann. Sechs Wochen nach der Anprobe bekommt der Kraftsportler dann sein ganz persönliches Kleiderpaket aus Thailand.

Denn Matthias Schlitte muss unbedingt gut aussehen. Schließlich ist er demnächst sogar bei Stefan Raab in der Show "TV total" im Fernsehen zu Gast.

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