Schierke l An ihre jüngste Brockentour erinnert sich Sabine S. (Name geändert) gern zurück. Zumindest fast. Denn ein Punkt trübte das ansonsten perfekte Gesamterlebnis. Als die Wanderin in den Abendstunden auf der Brockenstraße talwärts unterwegs war, verspürte sie ein menschliches Bedürfnis. Kein Problem, dachte sich Sabine S., für die die jährliche Brockentour gute Tradition ist: Unterwegs gibt es ja schließlich das öffentliche Toilettenhäuschen. Ziemlich in der Mitte der Brockenstraße und damit eigentlich optimal gelegen. Aber denkste: Das in den 1990er Jahren gebaute Häuschen existiert zwar noch. Und es brannte, wie sich S. erinnert, darin auch Licht. Allein: Die Türen zum stillen Örtchen waren verrammelt und Sabine S. längst in akuten Bedürfnis-Nöten.

Wie ihr geht es jährlich Tausenden Besuchern, die unterwegs sind hinauf zum höchsten Gipfel in Deutschlands Norden. Egal, ob zu Fuß auf der Brockenstraße oder im Kremser. Wenn es unterwegs drückt, ist - oder besser: war - das Häuschen an der Brockenstraße eine Option. Im Herbst 2013 wurde die Anlage auf Veranlassung des Kreis-Gesundheitsamtes geschlossen. Seither stehen die Touristen vor einer Bedürfnis-Notlage.

Friedhart Knolle von der Nationalpark-Verwaltung kennt die Ursachen. Das Gebäude sei nach der Wende im Zuge des Anschlusses der Brockenkuppe an die zentrale Wasserver- und Abwasserentsorgung mit Aufbau-Ost-Mittel gebaut worden, um eine Pumpstation unterzubringen. "Dabei wurde auch gleich eine öffentliche Toilette mit integriert", so Knolle, der auch weiß, warum dort seit Herbst 2013 nichts mehr geht: "Die Anlage ist über die Jahre von uns bewirtschaftet worden - die Kosten sind aber einfach viel zu groß und von uns als Nationalpark allein nicht zu stemmen." Nicht zuletzt wegen der ständigen Verschmutzung.

Am Ende, sagt Knolle, sei die Anlage von der Kreis-Gesundheitsbehörde wegen der hygienischen Zustände per Verfügung geschlossen worden.

Was sich wie eine Bankrott-Erklärung liest, bedauert auch Nationalpark-Sprecher Knolle: "Allein ein Blick auf das Umfeld reicht, um zu sehen, wie nötig die Anlage ist." Trotz intensiver Suche habe sich kein Fremdunternehmen für die Reinigung gefunden. "Wir wissen, dass diese Situation misslich ist, sind aber hier nicht allein zuständig. Zumal es sich um eine Kreisstraße handelt."

Ein Hilferuf in Richtung Kreisverwaltung also? Dort kennt man die sprichwörtlich drängende Situation. Ein Sprecher beeilt sich jedoch, daran zu erinnern, "dass der Kreis weder Eigentümer noch Betreiber" des besagten Häuschens sei. Gleichwohl wisse man, wie heikel das Thema sei und wie wichtig die Sanitärzelle für den Tourismus.

"Die Toiletten-Anlage ist absolut notwendig - die Kosten können wir als Nationalpark allein nicht stemmen."

Friedhart Knolle, Nationalpark

Und nicht nur hier ist das Thema akut. Im Sommerhalbjahr wird es zuweilen auch auf dem Brocken selbst eng. Dort gibt es eine öffentliche Toilette am Brockenhotel, wie Betreiber Daniel Steinhoff sagt. Steinhoff ist Pächter, bewirtschaftet die WC-Anlage, kassiert pro Benutzer einen Euro und erntet längst nicht nur Lob.

Eine Besucherin aus Bad Harzburg hat sich im Herbst 2012 bei Friedhart Knolle beschwert: Die öffentlichen Toiletten seien katastrophal schmutzig - dafür noch einen Euro zu kassieren, schlicht unverschämt, heißt es in dem Brief.

Kritik, die Steinhoff zurückweist: "Wir tun, was wir können. Aber an Hochdrucktagen mit 5000 bis 7000 Brocken-Besuchern gibt es einfach Grenzen." Steinhoffs Fazit: "Das mit der Toilette funktioniert zum großen Teil." Wenn angemeldete Wandergruppen kämen, lasse man sie selbst nachts offen.

Prominente Unterstützung bekommt Steinhoff aus dem Gesundheitsamt der Kreisverwaltung: Ein Gesundheitsaufseher stufte den Zustand der Toiletten, unter Berücksichtigung der hohen Besucherfrequenz, in der Vergangenheit als "erstaunlich gut" ein.

Im Gesundheitsamt gebe es immer wieder Beschwerden von Besuchern. Wenn das Amt daraufhin unangekündigte Kontrollen durchgeführt habe, hätten diese keinen Anlass für Beanstandungen gegeben, heißt es in einem Vermerk. Was freilich temporäre Probleme in Spitzenzeiten nicht ausschließe. Diese seien oft allerdings auch auf das "unschöne Nutzerverhalten" zurückzuführen.

"Solche Missstände werden gewöhnlich aber recht schnell vom Betreiber abgestellt", so die Aufsichtsbehörde. Und: "Eine öffentliche Toilette kann nie mit der Sauberkeit im eigenen Wohnumfeld verglichen werden, insbesondere nicht bei Tausenden Besuchern an einem schönen Herbsttag auf dem Brocken", so der Kreis-Gesundheitsaufseher.

Gleichwohl zieht der Kreisbedienstete insgesamt ein klares Gesamtfazit: "Unbestritten bleibt, dass die touristische Infrastruktur auf dem Brocken künftig noch deutlich verbessert werden kann."

Dass es sicher noch Optimierungsmöglichkeiten gebe, stellt auch Daniel Steinhoff nicht in Abrede. "Das kann man aber nicht uns allein aufgeben. Wir haben Gäste-Toiletten im Touristensaal und im Brockenbahnhof, dazu die öffentlichen", erinnert er. Er sieht auch die Harzer Schmalspurbahnen (HSB), die täglich viele Besucher auf den Brocken bringen, in der Mitverantwortung. Und: "Wenn man die Ein-Euro-Gebühr für unsere öffentlichen Toiletten kritisiert, sollte man wissen, dass ein Kubikmeter Wasser und Abwasser hier oben mit 23 Euro zu Buche schlägt. Hinzu kommen Reinigungs- und Materialkosten."

"Wir müssen uns alle an einen Tischen setzen - die Kosten müssen auf mehr Schultern verteilt werden."

Erdmute Clemens, Tourist-Information

Erdmute Clemens, Geschäftsführerin der Tourist-Information Wernigerode und damit auch für Schierke zuständig, weiß nur zu gut um das heikle Thema: "Wir haben in Schierke drei öffentliche Toiletten - in der Tourist-Info, an der Buswendeschleife und im neuen Parkhaus mit jeweils 50 Cent Gebühr. Die tragen sich alle nicht." Versuche, dafür Pächter zu finden, seien erfolglos geblieben. Gleichwohl lehnt sie den Rückzug der öffentlichen Hand ab: "Auch wenn sich das unterm Strich nicht rechnet, ist das für mich ein Stück Fürsorgepflicht."

Gegenseitige Schuldzuweisungen brächten nichts - "wir müssen uns alle an einen Tisch setzen, um Lösungen zu finden". Wohin die Reise gehen muss, ist für Erdmute Clemens klar: "Die Kosten müssen auf mehr Schultern verteilt werden." Das gelte auch für die gegenwärtig geschlossene Anlage an der Brockenstraße. Es müsse insgesamt eine Lösung her - bis zum Start der neuen Wandersaison. "Sonst droht ein Imageschaden, den wir uns alle nicht leisten können."