Für die leitende Theologin der mitteldeutschen Landeskirche haben die "Pegida"-Demonstrationen auch einen positiven Aspekt: Frustrierte beteiligen sich wieder an Politik. Hagen Eichler sprach mit Ilse Junkermann.

Volksstimme: Frau Landesbischöfin, in Dresden demonstriert die "Pegida"-Bewegung, die von sich sagt, sie wolle die Islamisierung des Abendlandes verhindern. Haben Sie eine Erklärung?
Ilse Junkermann:
Offenbar sehen die Demonstranten die Gefahr, ihre vertraute Umgebung zu verlieren - ich vermute, sie haben eine solche Erschütterung bereits erfahren. Es ist ja interessant, dass die Teilnehmerzahl in Dresden von Woche zu Woche steigt, während sie in den alten Bundesländern zurückbleibt. Da kommen Menschen mit vielen enttäuschten Hoffnungen und sagen: Jetzt ist die Grenze erreicht, wir können nicht noch mehr ertragen. Sie verleihen ihrer Unzufriedenheit Ausdruck und machen das nicht mehr nur mit sich allein aus.

Aber ist die Grenze wirklich erreicht? Es geht um Zuwanderung, dabei gibt es in Ostdeutschland kaum Ausländer.
Ja, aber dass der Ausländeranteil hier verschwindend gering ist, spielt dabei offenbar keine Rolle. Dieser Protest hat mit den Tatsachen und Fakten wenig zu tun. Es ist ein Protest, der in der Gefühlswelt dieser Menschen seine Wurzel hat. Sie wollen nicht, dass es in ihrer Stadt fremde geschlossene Gesellschaften gibt, wie es in einzelnen Vierteln in Berlin oder im Ruhrgebiet zum Teil der Fall ist. Hinzu kommt die Gleichsetzung des Islam mit Terroristen, obwohl diese den Islam für ihre gewalttätigen Fantasien und Machtgelüste nur missbrauchen.

Was ist der richtige Weg für den Umgang mit "Pegida"?
Es ist wichtig, dass die Menschen sagen können, was sie bedrückt. Nicht akzeptabel sind rassistische und fremdenfeindliche Äußerungen und das Redeverbot, das da verhängt wird. Ordner gehen dazwischen, wenn Menschen interviewt werden. Das ist antidemokratisch.

Aus Ihrer Sicht haben die "Pegida"-Demonstrationen also auch Gutes, weil sie etwas zum Ausdruck bringen, das bislang verschwiegen wurde?
Ja, Demonstrationen sind ein Weg, sich politisch zu beteiligen. Die geringe Wahlbeteiligung in den neuen Bundesländern zeigt ja, dass die Beteiligungskultur noch erheblichen Entwicklungsbedarf hat. Ich will das positiv sehen, als ein Ansatz, sich einzubringen und nicht mehr zu schweigen. Verstehen heißt nicht rechtfertigen. Es heißt aber, die Menschen in ihrem Anliegen ernst zu nehmen. Das heißt noch nicht, es gut zu heißen. Ernst nehmen muss man es auch deshalb, weil da Menschenfänger unterwegs sind, Rechtsextremisten, die das für ihre Ziele ausnutzen wollen.

Der Erzbischof von Bamberg sagt über Pegida, Christen dürften da nicht mitmachen.
Als Evangelische halte ich nicht viel von Verboten. Ich würde Christen empfehlen, zur Gegendemonstration zu gehen. Ich würde auch die Gemeinden bitten, Gesprächsforen anzubieten über das, was die Menschen belastet. Das ist auch ein Versäumnis der Politik, das sich in diesen Demonstrationen zeigt: Wir haben keine klare und aktive Einwanderungspolitik. Es fehlt das Eingeständnis, dass wir Fachkräfte brauchen und tatsächlich eine Einwanderungsgesellschaft sind. Wir bräuchten klare Kriterien, wie viel Integration wir verlangen können und wo wir andere Kulturen respektieren. Diese politische Gestaltung fehlt. Und die Demonstrationen zeigen, wie drängend eine solche Klärung ist.

Aber warum spitzt sich das gerade in Ostdeutschland zu?
Nach der Wende gab es viele Verlust-Erfahrungen und Verlierer-Erfahrungen. Die Anpassung an West-Verhältnisse und die erste und die zweite Umschulung haben für viele oft nicht zu einer durchgängigen Erwerbsbiografie geführt. Die Individualisierung der Wendelast muss deshalb als gesamtgesellschaftliches Problem noch einmal bearbeitet werden.

Vor den Landtagswahlen in Thüringen und Brandenburg haben Sie davon abgeraten, die AfD zu wählen. War es ein Fehler, sich derart politisch zu äußern?
Ich habe gesagt: Ich kann nicht dazu raten, die AfD zu wählen. Das ist kein Abraten, sondern ein Nicht-Zuraten. Dazu stehe ich auch heute. Die AfD ringt heftig darum, wie sie mit rechtsextremen Meinungen in ihren Reihen umgeht. Bei der uneingeschränkten Respektierung der Menschenwürde ist die Partei nach wie vor nicht eindeutig.

Sie haben die rot-rot-grüne Landesregierung in Thüringen aufgefordert, die DDR-Aufarbeitung fortzusetzen. Was genau muss passieren?
Die Erklärung zum Unrechtsstaat DDR ist zunächst nur Papier. Ein gutes Papier. Als nächster Schritt ist jetzt dran, dass konkrete Schuld eingestanden wird, von konkreten einzelnen Menschen.

Sie meinen die zweite und dritte Reihe der Partei? Ministerpräsident Ramelow ist ja nicht verstrickt in das DDR-Regime.
Ich denke an heutige Regierungsmitglieder, die in der DDR Verantwortung hatten, an Landtagsabgeordnete heute, die im früheren Apparat verankert waren, zum Beispiel bei der Polizei oder im Bildungswesen. Die müssen erklären, wie sie das heute beurteilen und wie sich ihre Positionen verändert haben. Und sie müssen anerkennen, dass Opfer bis heute an den Folgen leiden, weil sie den Fuß nicht wieder auf den Boden bekommen haben. Niemand darf sagen: Das ist vorbei. Nein, das ist nicht vorbei, so lange es für die von Unrecht und Willkür Betroffenen nicht vorbei ist.

In zwei Jahren feiern evangelische Christen aus aller Welt in Wittenberg 500 Jahre Reformation. Müssten Sie dazu nicht auch Papst Franziskus einladen, als Signal der Versöhnung nach so vielen Jahrhunderten der Kirchenspaltung?
Ich halte das nur dann für angemessen, wenn wir in der Ökumene einen Schritt weiter sind. Beim Papstbesuch in Erfurt gab es riesige Erwartungen, die der Papst auch gespürt hat. Er musste aber sagen, dass er keine Gastgeschenke zu verteilen hat. Man kann Fortschritte nicht als Event erzwingen, sondern man muss in beharrlichen Gesprächen dranbleiben.

Bis 2017 haben Sie dafür ja noch etwas Zeit. Was genau muss passieren, damit Papst Franziskus nach Wittenberg geladen wird?
Was uns am meisten trennt - schmerzlich trennt -, ist das Abendmahl. Nach katholischem Verständnis braucht es dazu einen besonders geweihten Menschen, der Brot und Wein verwandelt. Ein erster Schritt wäre eucharistische Gastfreundschaft. Wenn der Papst das mitbringen könnte, wenn die katholische Kirche die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen als Gäste zum Abendmahl einlädt - das wäre ein Gastgeschenk, das wir gemeinsam feiern können. Das wäre ein unglaublicher Durchbruch.