Scharpenlohe l Friedegard Koch hält das Schild "Scharpenlohe - Irgendwo an der Elbe" schmunzelnd in die Höhe. Die 62-Jährige wohnt dort mit ihrem Bruder Christoph, der in Ostorf für die Milchhof GmbH arbeitet. Ihre Nachbarn Ulrich Becker und Marlies Grandt kommen zum Kaffee. Zwei Wochenendhäuser gibt es noch im Ort, das war`s.

Zu der Runde gesellt sich Torsten Müller, der bis 1994 mit seiner Familie in Scharpenlohe lebte und sein Wochenendhaus gegenüber hat. Sein Vater Bernhard wurde dort geboren, seine Mutter Ursula stammte aus Legde/Brandenburg und musste sich erst an das Hochwasser gewöhnen. Mit Landwirtschaft wuchsen die Brüder Torsten, Holger und Ronald Müller auf. Nach der Wende zog die Familie nach Beuster, der Vater hatte sich bereits 1990 als erster Landwirt im Altkreis Osterburg selbstständig gemacht. Wegen des Hochwassers in Scharpenlohe kaufte er 1992 mit den Söhnen das ehemalige Volksgut Esack auf und widmete sich dort mit ihnen gemeinsam Ackerbau und Viehwirtschaft. Um die Kälber kümmerte sich liebevoll bis zu ihrem Tod Mutter Ursula. Heute gehören zum 800 Hektar großen Betrieb der Brüder in Esack namens Milchhof Müller GbR 250 Kühe, und in Seehausen floriert der Landmaschinenersatzteilhandel der Landservice Müller GbR. Im Sommer weiden die Jungtiere in Scharpenlohe. Der nährstoffreiche Boden ist seit jeher der Überflutung zu verdanken. Dort brauchte die LPG nie Dünger wie in Erxleben oder Polkau, berichten die Scharpenloher.Bootfahren sind sie gewöhnt. Friedegard Kochs Sohn Marko drückte mit Torsten Müller die Schulbank.

Bei Eis mussten die Jungen in Beuster übernachten

Oft ging es mit dem Milchwagen bis Werder und von dort weiter zur Schule. "Als mein Sohn Marko in der 8. Klasse war, kam er mit Torsten im Winter bei Eis einmal nicht zurück. Beide haben zwei Wochen in Beuster bei den alten Tanten übernachten müssen", erinnert sie sich. Erst 2004 wurde die Straße gebaut, "ein Quantensprung", meint Müller. Ulrich Becker gehört laut Kirchenbuch mit Familie Koch (seit dem 17. Jahrhundert) zu den ältesten Familien in Scharpenlohe. Zu zwölft lebten Beckers auf dem Mehrgenerationenhof. Als der Deich 1993/94 gebaut wurde, fragte er spontan nach Arbeit und konnte sofort anfangen. Seitdem ist der gelernte Landmaschinen- und Traktorenschlosser für die Cuxhavener Firma als Baumaschinist für Recycling und Tiefbau im Einsatz. Seine Lebenspartnerin Marlies Grandt arbeitet in der Bäckerei Buchholz in Beuster und spricht sich bei Hochwasser mit ihrer Nachbarin Friedegard Koch ab, die täglich in der Volksstimme die Wasserstände nachliest. Wenn von sieben Metern die Rede ist, kommt das hin, weiß diese genau. Und von Dresden bis Scharpenlohe braucht das Wasser fünf Tage. Bis 2000 hatte sie selbst in der Milchviehanlage in Ostorf gearbeitet. Jetzt ist sie die Telefonzentrale im Ort, hält mit den Leuten aus Werder und Beuster Kontakt. Früher notierte Torsten Müllers Mutter die Wasserstände ins Heft, die kurz vor 12 im Radio (im Westsender!) durchgegeben wurden. Und Beckers hatten das einzige Telefon (mit Koppelzaundrahtleitung) im Ort.

Ab 4,80 Meter Hochwasser geht`s ab ins Boot

Bei 4,80 Meter nimmt Friedegard Koch das Boot. "Bis 5,80 Meter ist normales Hochwasser", sagt sie. Morgens nach dem Dienst holt sie Marlies Grandt ab, nachmittags bringt sie sie nach Beuster. Übernachtung in Lichterfelde bei Verwandten.

"2002 wussten wir gar nicht, wie hoch das Wasser kommt. Da stand es bei Kochs bis zur Schwelle. 2013 war dann eine richtige Katastrophe", so Müller. Als erstes wurden die Maschinen und das Vieh gerettet. 15 Mutterkühe haben Kochs auf ihren 25 Hektar Elbwiese noch. "Mein Sohn brachte die Tiere nach Neukirchen zu seinen Nachbarn. Bei Gerickes konnten die Schweine und bei Christa Beiersdörfer Hühner und Hund erst mal bleiben", erzählt Friedegard Koch. Die Möbel kamen in Müllers Scheune oder ins Dachgeschoss oder auf Böcke, auch Mutters Klavier. Verwandte und Freunde halfen beim Ausräumen. Zwei Wochen wohnten Kochs bei Jörg Silaff und Familie in Ostorf. Dann begann erst die Arbeit: Schlick raus, Luft rein. Der trockene Sommer half. Friedegard Koch schlief in der oberen Etage, ihr Bruder im Bauwagen. Seit Weihnachten 2013 ist so ziemlich alles wieder gut. Dank Versicherung ging das Hochwasser für Beckers und Kochs noch mal glimpflich aus. "Wir brauchen Polderflächen bis Hamburg", steht für Landwirt Torsten Müller fest, "wäre der Deich in Kannenberg gebrochen, wäre hier alles abgesoffen. Eine Katastrophe kann nie ausgeschlossen werden."

Wenn in Scharpenlohe einer Geburtstag hat, kommt das ganze Dorf, scherzen sie jetzt in gemütlicher Runde. Und ein Spaziergang zur Elbe ist mit Besuch immer Pflicht. Dass seit der Wende das Schild für den 444. Elbkilometer statt in Scharpenlohe auf Prignitz-Seite steht, erwähnt Friedegard Koch nur am Rande. Ihre Schwiegertochter Dörte hat alles in einem Album dokumentiert. "Wir machen uns nicht verrückt", erklärt die Rentnerin, und Torsten Müller fügt hinzu: "Am schönsten ist es zu Pfingsten, aber ein bisschen schmerzfrei muss man hier schon sein."

 

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