Magdeburg l Bernd Wienig blättert in einer Mappe und runzelt die Stirn. "Bis 2050", sagt der Geschäftsführer von Heidewasser, "wird die Bevölkerung in unserem Versorgungsgebiet um etwa ein Viertel zurückgehen." Für den kommunalen Versorger, der momentan noch rund 100.000 Menschen in Teilen der Börde, im Jerichower Land und im Kreis Anhalt-Bitterfeld täglich mit Trinkwasser beliefert, ist der Rückgang ein riesiges Problem.

"Die Zahl der Wasseranschlüsse bleibt zwar gleich, doch der Wasserverbrauch sinkt dramatisch, weil weniger Menschen in einem Haushalt zusammenleben", erklärt Wienig. Und weniger Verbrauch bedeutet geringere Einnahmen bei gleichbleibenden Kosten. Schließlich müssen die Leitungen trotzdem gewartet und instandgehalten werden.

Personalkürzungen reichen nicht aus

Bereits in den vorigen Jahren hat Heidewasser reagiert. Um den Kostenanstieg nicht allein über Preiserhöhungen auf die Kunden abzuwälzen, hat der Versorger die Zahl seiner Mitarbeiter um ein Drittel auf 74 reduziert. "Wo immer es geht, graben wir statt große auch nur noch kleine Wasserleitungen in die Erde ein", betont Wienig. Das gesamte Netz umzurüsten, sei jedoch zu teuer.

In nächster Zeit will Heidewasser deshalb seine Kunden animieren, mehr Wasser zu verbrauchen. "Gerade in ländlichen Bereichen betreiben viele Haushalte auch noch einen privaten Brunnen, um die Wasserrechnung klein zu halten", erklärt Wienig. Sie würden damit jedoch inkauf nehmen, dass die Preise für Trinkwasser aus der Leitung noch schneller steigen. Und ganz auf das Wasser des Versorgers verzichten könnten auch sie nicht.

Dass Heidewasser nicht schon deutlich mehr als 10,50 Euro monatlich pro Hausanschluss nehmen muss, liegt auch daran, dass der Kommunale Versorger das Trinkwasser von seinem Lieferanten, der Trinkwasserversorgung Magdeburg (TWM), zu einem Solidarpreis beziehen kann. TWM beliefert nämlich neben Heidewasser noch 18 weitere kommunale Unternehmen im Norden Sachsen-Anhalts. Vor längerer Zeit haben sich alle zusammen auf ein Solidarsystem verständigt. Es funktioniert so, dass Abnehmer mit vielen Kunden, die eigentlich von der TWM günstigere Preise verlangen könnten, etwas mehr zahlen, um Abnehmer wie Heidewasser, die unter Kundenschwund leiden, finanziell zu unterstützen.

Land erlaubt Rabatte für Unternehmen

"Der Solidarpreis kann die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Versorger aber nur lindern", betont TWM-Geschäftsführer Alexander Ruhland. Unternehmen wie Heidewasser müssen seiner Ansicht nach versuchen, neue Abnehmer für ihr Wasser zu werben, insbesondere in der Industrie und Landwirtschaft. "Wenn Trockenzeiten wegen Klimaveränderungen zunehmen, könnte es für Landwirte attraktiv werden, ihre Felder mit Trinkwasser zu beregnen", erklärt Ruhland.

Verband denkt über Grundgebühren nach

Unterstützung kommt in dieser Hinsicht auch vom Land. Damit die Trinkwassernetze auch in Zukunft ausgelastet werden, hat die Landesregierung das Kommunalabgabengesetz geändert. Künftig dürfen Wasserversorger den Unternehmen Mengenrabatte anbieten, damit sie das öffentliche Trinkwasser für ihre Produktion nutzen. Für die Versorger ist das eine wichtige Neuerung, denn einige Firmen mit hohem Wasserverbrauch hatten zuletzt aus Kostengründen auf einen Anschluss an die öffentliche Wasser- und Abwasserversorgung verzichtet und lieber auf private Brunnen- und Klärsysteme gesetzt.

Der Verband kommunaler Unternehmen hat aber auch schon über eine andere Lösung für die Wasserkrise nachgedacht: die Einführung von Grundgebühren. Bislang zahlen Verbraucher nur für das Wasser, was sie tatsächlich nutzen. Künftig könnten die Versorger neben einem Mengenpreis aber auch eine Grundgebühr verlangen. Die Verbraucher müssten dann in jedem Fall einen Betrag zahlen.

Öffentlich wollte bislang kein Versorger zu dem Preismodell Stellung nehmen, doch gerade für Unternehmen wie Heidewasser, die massiv unter dem Bevölkerungsrückgang leiden, wäre das eine attraktive Lösung. Einerseits könnten Grundgebühren ihre Kostenexplosionen verringern, andererseits hätten die Kunden keinen Anreiz mehr, Wasser zu sparen.

Vorerst verschont von solchen Modellen bleiben wohl die Kunden in Ballungszentren wie Magdeburg, weil hier die Bevölkerung nicht so dramatisch abnimmt, wie in den ländlichen Gebieten.

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