Magdeburg l Heiterkeit und Frohsinn überwindet auch den kleinsten Zweifel: Nein, es ist nicht zu kalt zum Baden. Schließlich sind die Eisröwer überzeugte Winterbader und kommen dann auf Betriebstemperatur, wenn das Thermometer Minusgrade anzeigt. "Daher ist es uns heute fast zu warm", frohlockt Wolfgang Rudolf, besser bekannt als "Pudding", am Sonntag nach dem traditionellen dreifachen Ausruf "Eis-frei!" beim Gang in den Neustädter See. Bei drei Grad Celsius und dem anerkennenden Beifall von Zuschauern. "Ich friere schon beim Hinsehen", merkte einer von ihnen an.

Skurrile Moden gehören zur Kleiderordnung

Das war am 12. Januar 1985 anders: Zu Beginn hätten die Eisröwer bei den Treffen noch ein Loch in die Eisschicht des Sees hacken müssen, um ins Wasser zu steigen, heißt es. Siegfried Lange, der "Siggi" gerufen wurde, Wolfgang Rudolf sowie Reinhard "Gazelle" Schilling hatten einst gewettet, sich im Winter am See zum Baden zu verabreden. Dies taten sie dann tatsächlich gemeinsam mit ihren Frauen. Mehr und mehr Wagemutige schlossen sich ihnen an. Darunter auch Klaus-Dieter Ziese, ein ehemaliger Schwarzeisbader. "Auch ich habe mich am Eisbaden probiert und heimlich das Wasserloch der Eisröwer genutzt. Bis ich aufflog und in die Gruppe aufgenommen wurde", so Ziese, der vor allem das freundschaftliche Miteinander sowie die Stimmung während der Treffen schätzt.

Von November bis Ende April verabreden sich die Eisröwer am FKK-Bereich des Neustädter Sees mit Zugang über die Straße "Am Schöppensteg" jeweils am Sonntag. 11 Uhr ist Ankunft, eine halbe Stunde später folgt eine kleine Ansprache und dann geht es ins Wasser. Vorzugsweise kostümiert. Weihnachts- und Karnevalsfeiern werden von den mehr als 20 Winterbadern beispielsweise in passender Kleidung im See begangen. Auch sonst bestimmen skurrile Moden wie Ponchos, Fußballtrikots und Sonnenschirme die Kleiderordnung der Gruppe, die sich über die Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) organisiert. "Wenn schon verrückt, dann richtig", so die Devise. Diese Verrücktheit teilt die Gruppe, deren Mitglieder auch aus Schönebeck sowie dem Harz anreisen, mit Gleichgesinnten, denen sie u.a. bei einem bundesweiten Treffen in Ferchland begegnen.

Kalte Duschen ab Herbst sind ein guter Anfang

Über die Jahre haben sich Ausflüge in den Harz und ein Abbaden in Warnemünde als gern wahrgenommene Tradition etabliert. Der Feier am Neustädter See zum 30-jährigen Bestehen wohnten Winterbader aus Brandenburg bei, die Eisbären.

Bei aller Freude über das 30-jährige Bestehen, gibt es auch einige Sorgenfalten. Mit der Umsiedlung vom Strand-areal nahe des Restaurants "Seeblick" hin zum FKK-Badebereich sind die Eisröwer etwas aus dem Blick geraten. Fanden sich einst zu den festlichen Treffen in den 1990er Jahren wie dem Weihnachts- und Neujahrsbaden teilweise bis zu 2000 Zuschauer ein, mehr als bei so manchen Spielen des 1.FC Magdeburg zu dieser Zeit, so sind es heute deutlich weniger. Außerdem fehlt es den Winterbadern an jungen Mitgliedern.

Daher bereiten den Mitgliedern jene Zuschauer eine besondere Freude, die kurzerhand ihre Badehose auspacken und mit ihnen ins Wasser steigen. Zum guten Ton der Eisröwer gehört es, dass es dafür ein kleines Präsent als Belohnung gibt. So einfach sei es aber nicht, wie es ausschaue, so Reinhard Schilling. Winterbaden bedürfe einer guten Vorbereitung, "um seinen Körper an die kalten Temperaturen zu gewöhnen", sagt das Gründungsmitglied, mit 76 Jahren ältester Eisröwer. Regelmäßige kalte Duschen ab Herbst seien ein guter Anfang.

Kontakt zu den Eisröwern gibt es über Marlies Ziese unter Telefon 0171/783 41 82.