Was tun, wenn man Biathlon-Fan ist und den Weltcup ab. 22.Januar in Antholz (Südtirol) zwar live, aber nicht im Fernsehen verfolgen möchte? Diese Frage hat sich Thomas Buch wie folgt beantwortet: man geht hin. Am 29. Dezember begann der Betreiber der Schankwirtschaft "Jakelwood" mit einem Rucksack samt Zelt, Gaskocher, Schlafsack, Isomatte und Wechselsachen auf den Schultern seinen Fußmarsch in Richtung München. Von dort, so der Plan, soll der Weg durch die Alpen mit dem Zug in die nördlichste Provinz von Italien fortgesetzt werden.

Dazwischen liegen allerdings 570 Kilometer, winterliche Temperaturen und Nächte im Schlafsack. Derzeit befindet sich Thomas Buch "irgendwo zwischen Bayreuth und München". Angestupst worden sei er von Lars Kropac, den er bei dessen Fahrradtour im vergangenen Sommer nach Bordeaux (Frankreich) bis Jena begleitet hat (Volksstimme berichtete). Motivierend sei auch der Ritt von Pauline Willrodt gewesen: Sie legte die Strecke von Magdeburg nach Salzburg (Österreich) im vergangenen Jahr mit dem Pferd zurück. Außerdem hätten ihn schon immer Reportagen über Expeditionen zum Nord- und Südpol fasziniert sowie das Vorhaben des Australiers Tim Cope begeistert, der binnen drei Jahren auf den Spuren des mongolischen Eroberers Dschingis Khan wandelte und zu Pferd von der Mongolei bis Ungarn reiste.

Die Antwort auf die Frage danach, warum Thomas Buch nun seine eigene Reise begann, läge zum Teil auch in seiner Krankheit. "Es sind auch die Depressionen, die mich motivieren, neue Wege zu gehen", sagt er. Daher käme der Titel "Eine Primel wandert nach Süden", unter dem er Freunde und Bekannte über das soziale Netzwerk Facebook in Tagebuchform an seiner Reise und den Erlebnissen teilhaben lässt, nicht von ungefähr. Buch: "Die Krankheit macht sensibel. Sie ermöglicht mir aber auch, das Leben von einer anderen Perspektive zu betrachten."

Vom Druck, pro Tag vorgegebene Strecken zu schaffen, hat sich Thomas Buch freigemacht. Eckpfeiler sind lediglich die Städte Jena, Bad Lobenstein, Bayreuth und eben München. "Selbst wenn ich es nur bis Nürnberg schaffe, ist es auch okay. Dann steige ich eben dort in den Zug", gibt sich Buch gelassen. Gegen 7.30 Uhr bricht er in der Regel zu seinen Touren auf und ist "bis es wieder dunkel wird" unterwegs. Als Grundlage seiner Routen dienen Wanderkarten. Am frühen Nachmittag beginnt er, sich Gedanken um einen geeigneten Schlafplatz zu machen. Die meisten Nächte hat er bislang im Zelt übernachtet. Lediglich dreimal habe er auf eine Pension zurückgreifen müssen. Buch: "Jeden Tag kämpfe ich mit mir, ob ich es nicht doch schaffe, die Pension zu umgehen. Wenn ich das schaffe und morgens aufwache, macht mich das schon etwas stolz."

Ein mentales und körperliches Tief führte dazu, dass er eine zweitägige Ruhephase einlegen musste: Am Dienstag blieb die stundenlange Suche nach einem Ort, an dem er seinen Hunger stillen konnte, erfolglos. Dem fehlenden Frühstück schloss sich eine fehlende Mittagsmahlzeit an. Oft steuert der Magdeburger eine Bäckerei an, deren Einkehr meist "der Höhepunkt des Tages ist. Danach läuft es sich viel besser." Dazu tragen auch die Begegnungen in den Geschäften bei. Doch nichts fand sich. "Ich war völlig am Ende. Dann traf ich doch noch auf eine kleine Pension, die im Dunkeln wie aus einem Märchen entsprungen leuchtete. Das war ein unglaublicher Glücksmoment", beschreibt er. Solche würden sich auch einstellen, wenn plötzlich der Regen aufhöre oder ein nettes Wort mit jemandem gewechselt werde, dem er während seiner Wanderung begegnet. "Und wenn es nur ein Lob für den Kaffee ist und die Bäckersfrau `Danke` sagt. Meist sind das die einzigen Gespräche über einen langen Zeitraum", so Buch.

Diese kleinen Gesten und die unterstützenden Worte von Freunden und der Familie würden ihm helfen, täglich von Neuem durch die Natur zu ziehen. Das Wichtigste an der Tour sei nicht das Ziel in Antholz zu erreichen oder den Zug in Richtung Alpen, sagt Thomas Buch: "Sondern das Losgehen am ersten Tag." (mp)

Auszug aus dem Tagebuch:

"Die vergangene Nacht war sehr unruhig. Der Regen spielte auf meinem Zelt Schlagzeug. Und zwar Punkrock. Der Wind setzte sich in die Baumkronen und blies so laut, er konnte Tuba. Nicht schön, aber laut. Er wollte mich wohl das Fürchten lehren ... hat er geschafft!

Beim Aufbruch in dieses Wetter heute am Morgen hatte ich Schwierigkeiten, mich bei Laune zu halten. Irgendwann hat der Wind dann versucht, mich von der Straße zu schubsen. Hat er nicht geschafft."

 

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