Der Forscher und sein Vortrag in Magdeburg
Hirnforscher Martin Korte (50) ist seit 2004 Professor an der Technischen Universität Braunschweig. Dort leitet er das Zoologische Institut. Studiert hat Korte in Münster und in Tübingen. Er hat ein Buch über die Einsichten der Gehirnforschung über das Älterwerden geschrieben und eines darüber, wie Kinder heute lernen.

Am 23. Februar ab 19 Uhr hält Korte im Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg einen Vortrag zum Thema "Wie lernt der Mensch heute?" Dieser eröffnet zwar eine Fachtagung, ist aber auch für Laien gedacht. Der Eintritt ist frei.

Das Älterwerden lässt sich aufschieben, sagt Hirnforscher Martin Korte - der Beginn von Alzheimer sogar um bis zu sieben Jahre. Wie das geht, erklärt er im Interview mit Volksstimme-Redakteurin Elisa Sowieja. Am 23. Februar hält der Braunschweiger einen Vortrag in Magdeburg.

Volksstimme: Herr Professor Korte, Sie werden dieses Jahr 51. Haben Sie Angst vor dem Altern?
Martin Korte:
Bisher nicht. Es gibt natürlich Dinge, die mit dem Alter schlechter funktionieren - das Laufen und auch das Denken. Aber gleichzeitig habe ich auch viele Erfahrungen gesammelt, die ich als junger Mensch nicht hatte. Und ich habe eigene Kinder, eine Frau. Das alles möchte ich nicht missen.

Sie sagen, im Alter geht einiges schlechter. Gleichzeitig schreiben Sie in einem Ihrer Bücher, das Älterwerden sei nicht gleichbedeutend mit körperlichem und geistigem Verfall. Das müssen Sie erklären.
Wir werden in der Tat älter. Aber dass diese Alterungsprozesse nur negativ behaftet sind, dagegen wehre ich mich. Es gibt auch kognitive Fähigkeiten, die im Zuge des Älterwerdens, wenn man sie denn trainiert, deutlich besser werden können.

Was konkret können Menschen im Alter denn besser als in jungen Jahren?
Sie haben die Fähigkeit, andere Menschen besser einzuschätzen und komplexe Zusammenhänge besser zu erklären. Zudem können sie in unübersichtlichen, teils widersprüchlichen Situationen die richtigeren Entscheidungen treffen - das, was wir gemeinhin als Weisheit bezeichnen.
Man hat Untersuchungen gemacht, bei denen Menschen in solch einer Lage vor Entscheidungen gestellt wurden. Ausnahmslos waren diejenigen, denen man Weisheit zugesprochen hat, jenseits des 65. Lebensjahres - ohne dass man vorher das Alter der Untersuchten kannte.

Beim Gedanken an einen weisen Menschen hat man meist jemanden voller Gelassenheit im Kopf. Ist auch das Alterssache?
Ja. Ältere Menschen haben eine bessere Fähigkeit, ihre Emotionen zu kontrollieren. Statistisch geht das mit einer größeren Gelassenheit einher. Wie wir alle wissen, sind zwar nicht alle alten Menschen gelassen, sie sind auch nicht alle gut drauf. Aber wenn Sie die gleichen Menschen im Laufe ihres Lebens vergleichen, sieht man, dass diese Eigenschaft für ihr Niveau etwas ausgeprägter wird.

Es ist also kein Zufall, dass der Dalai Lama kein Jungspund ist.
Genau. Und entsprechend wehre ich mich dagegen, dass man das Altern nur unter dem Gesichtspunkt des Verfalles sieht. Das scheint mir eine etwas verkürzte Sichtweise.

Bei einigen setzt der Verfall früher ein, bei anderen später. Welche Rolle spielen dabei die Gene?
Es gibt zwar Menschen, die Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer sehr früh treffen, weil sie eine genetische Veranlagung haben. Aber bis zum 80. Lebensjahr haben Umwelteinflüsse und die eigene Lebensgestaltung einen größeren Einfluss darauf, wie schnell wir altern, als die Gene. Bis dahin kann man das ganz massiv mitgestalten.

Kann ich also, wenn ich keine genetische Veranlagung habe, Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer austricksen?
Man kann sie nicht völlig austricksen, aber man kann den Beginn dieser Krankheiten um fünf bis sieben Jahre nach hinten verschieben. Das ist schon einiges. Denn wenn man mit 87 statt mit 80 Jahren erkrankt, heißt das für zwei Drittel der Bevölkerung, dass sie ganz verschont bleiben.

Wie kann ich denn tricksen?
Der beste bekannte Schutz gegen den geistigen Verfall ist die körperliche Betätigung. Denn die Muskeln setzen Stoffe frei, die auch im Gehirn positiv wirken. Zudem führt die bessere Durchblutung der Muskulatur dazu, dass auch das Gehirn besser durchblutet wird. Das ist wiederum wichtig, weil unser Gehirn besonders von einer optimalen Sauerstoffversorgung abhängt. Das Konzentrationsvermögen wird ebenfalls gesteigert, und die Bildung neuer Nervenzellen wird angeregt.

Welche Sportart eignet sich besonders?
Das kann je nach körperlicher Konstitution zum Beispiel Joggen, Nordic Walking, Spazierengehen oder auch Gartenarbeit sein. Wer sich jetzt aufgefordert fühlt, etwas zu tun, sollte das aber mit seinem Arzt absprechen.

Wie oft sollte man Sport treiben?
Optimal sind dreimal pro Woche für je 30 Minuten, dabei sollte man einen Puls von 120 bis 130 haben. Um ihn zu erlangen, reicht für einige ein Spaziergang, andere müssen mit hoher Geschwindigkeit radfahren.

Was bringt geistiges Training?
Noch am wirkungsvollsten ist das Lernen. Außerdem zeigt sich, dass soziale Interaktionen eine herausfordernde Tätigkeit für das Gehirn sind. Man benutzt Sprache und Gedächtnisfunktionen.

Sie raten also zum Kaffeeplausch?
Oder man ist karitativ tätig. Es hat sich gezeigt, dass Menschen, die gemeinnützig arbeiten, besser geschützt sind vor kognitiven Erkrankungen. Sie können sich vorstellen, dass da die Epidemiologen lange gerätselt haben. Das lässt einen ja fast vermuten, dass der liebe Gott am Ende doch gerecht ist. In Wirklichkeit hängt es damit zusammen: Wer karitativ tätig ist, interagiert mit Menschen und muss Dinge planen. Er muss sich kognitiv sehr belasten. Das ist für den Erhalt des Gehirns gut. Denn im Unterschied zu Gelenken, die altern, wenn man sie viel belastet, hält das Gehirn umso länger, je mehr es belastet ist.

Wie viel bringen Kreuzworträtsel und Sudoku?
Sie regen nur eine kleine Hirnregion an. Zwar soll sich niemand demotivieren lassen, der das gern macht. Aber wer meint, ein Sudoku oder Kreuzworträtsel lösen zu müssen, um sein Gehirn jung zu halten, den muss man enttäuschen.

Hat es Sinn, der Oma einen Computer mit Internetanschluss hinzustellen?
Wenn sie sich darauf einlässt, ist es ein tolles Training, weil sie viel Neues lernen muss. Es ist aber nicht damit getan, jemandem einen Computer hinzustellen. Man muss sich schon Zeit nehmen, die Oma in die Bedienung einzuführen. Und vor allem muss es eine lebenspraktische Anwendung geben. Meine Mutter zum Beispiel besaß erst mit 70 zum ersten Mal einen Computer. Aber als ihre Enkel und Kinder anfingen, ihr Bilder und E-Mails zu schicken, hat sie es relativ schnell gelernt.

Ab wann altert das Gehirn überhaupt?
Die Psychologen sagen, man altert schon ab dem 25. Lebensjahr, weil dann das Arbeitsgedächtnis in der Leistungsfähigkeit schon kleiner wird.

Das ist ja niederschmetternd.
Wir brauchen diese Geschwindigkeit in dem Alter aber gar nicht, weil wir schon derart viel gelernt haben, dass wir nicht mehr so viele Informationen pro Zeiteinheit aufnehmen müssen. Da geht das Gehirn mit seinen Ressourcen schonend um. Außerdem würde ich das Altern eines Menschen nicht an einer einzigen Variable des Gehirns festmachen. Gesellschaftlich gesehen glaube ich, dass eher das 50. oder 60. Lebensjahr eine Markierung darstellt, weil ab dann auch die körperliche Entwicklung oft Alterserscheinungen zeigt.

Und wann sollte man beginnen, etwas dagegen zu tun?
Die Studien zeigen: In jedem Alter, in dem man anfängt, hat es einen Effekt. Je früher man anfängt, umso positiver der Effekt.

Was tun Sie denn?
Zum einen habe ich einen Beruf, der mich ständig zwingt, Neues zu lernen. Zum anderen mache ich gern Sport. Ich laufe, schwimme, spiele Fußball.

Haben Sie irgendwann bewusst begonnen, so viel Sport zu treiben, um das Altern zu verlangsamen?
Nein, einen großen Bewegungsdrang hatte ich schon immer. Zudem sollte man aufpassen: Der Sinn des Älterwerdens besteht nicht darin, seinen Tagesablauf damit zu verbringen, möglichst nicht älter zu werden. Mir haben schon nach Vorträgen 80-Jährige berichtet: "Wir machen alles, was Sie sagen: Morgens treffen wir uns zum Nordic Walking, mittags lernen wir Spanisch, nachmittags gehen wir zum Musikkreis." Da fragt man sich: Machen sie noch, was sie möchten? Die Bemühungen müssen in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Bei mir ist das der Fall, aber ich bin auch erst 50. Es kann sein, dass ich mich mit 60 aktiver darum bemühen muss, den Alterungsprozess zu verlangsamen.

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