Naphthalin in vielen Behörden

Die Chemikalie ist ein farbloser aromatischer Kohlenwasserstoff, der nach Mottenpulver und Teer riecht. Ausdünstungen erfolgen bereits bei Raumtemperatur . Naphtalin wird als gesundheitsschädlich und umweltgefährlich eingestuft.

Auftreten: Als Quelle der Ausdünstungen gelten teerhaltige Feuchtsperren, Dachpappen und Anstriche wie Steinkohlenteeröl. In Sachsen-Anhalt befand sich das Gift unter anderem bereits im Landesamt für Verbraucherschutz, im Landesrechenzentrum, im Umweltministerium, einer Außenstelle des Finanzministeriums und in einem Finanzamt. Aktuell mussten Räume in einer Schule in Landsberg (Saalekreis) gesperrt werden.

Die Gesundheitsgefahr: Naphthalin kann die roten Blutzellen schädigen und steht auch in Verdacht krebserregend zu sein. Beim Einatmen kann es zu Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen und Übelkeit, Erbrechen und Verwirrtheitszuständen führen.

Magdeburg l Zehn Zimmer sind inzwischen im Hauptsitz von Sachsen-Anhalts Verfassungsschutz im Magdeburger Stadtteil Cracau versiegelt. In den restlichen Räumen herrscht ein strenges "Lüftungsregime". Die rund 100 Mitarbeiter müssen zehn Minuten pro Stunde ihre Fenster weit zum Stoßlüften öffnen. Bei den niedrigen Temperaturen ist dies nicht immer angenehm, vor allem wenn wie in der vergangenen Woche die Heizung ausfällt.

Durch den Fußboden der Geheimdienstler wabert bereits seit längerer Zeit die giftige Chemikalie Naphthalin. Über den muffigen Geruch von Mottenpulver und Teer klagten die Mitarbeiter immer wieder.

Doch amtlich haben sie es erst nach einer Untersuchung von Gutachtern Anfang April vergangenen Jahres. Die Messungen im gesamten Gebäude ergaben unterschiedliche Belastungen. In zehn Räumen stellten Gutachter sogar eine Überschreitung der Grenzwerte fest, sagt der Leiter des Verfassungsschutzes Jochen Hollmann.

Teer in der ehemaligen Kaserne unter Verdacht

Das ehemalige Mannschaftshaus der Sixt-von-Arnim-Kaserne wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts von den deutschen Truppen und später auch von der Wehrmacht sowie den sowjetischen Streitkräften genutzt. Wann die Chemikalie aber in den Fußboden gelangt ist, hat auch der Inlands-Nachrichtendienst noch nicht herausfinden können.

Aus dem für Liegenschaften des Landes zuständigen Finanzministerium heißt es dazu nur: "Die Ursachen für die Naphthalin-Belastung sind vermutlich in der Benutzung von Teerpappen- und Beschichtungen begründet. Diese wurden im vergangenen Jahrhundert häufig verwendet."

Immerhin kann Jochen Hollmann, was eine mögliche Vergiftung seiner Mitarbeiter betrifft, Entwarnung geben: "Es haben alle von uns die Möglichkeit erhalten, sich untersuchen zu lassen. Dabei wurden zum Glück bei keinem eine erhöhte Belastung festgestellt."

Angesichts der Ausdünstungen von Naphthalin in der Raumluft ist für die Verfassungsschützer dennoch Eile geboten. Die Gutachter sprachen nach den Messungen im Sommer von einer dringend empfohlenen Lösung des Problems innerhalb eines Jahres.

Wenn das Gebäude leergezogen ist, soll eine Sanierung erfolgen. Im laufenden Geschäftsbetrieb wäre dies so nie möglich gewesen. Zumal die Behörde auch über abhörsichere Bereiche verfügt und auch sonst darin hunderte Meter geheimer Akten dort lagern.

Auch eine Containerlösung kam nicht in Betracht. Eine Mietimmobilie ist nach einer Wirtschaftlichkeitsberechnung kostengünstiger, so das Finanzministerium.

Sanierung wird Millionen Euro kosten

Wie teuer die eigentliche Sanierung am Ende wird, steht nach Angaben des Finanzmisteriums aber noch nicht fest. Es seien "noch weitere Untersuchungen und Wirtschaftslichkeitsbetrachtungen" nötig. Man darf aber von einer Investition in Millionenhöhe ausgehen. Als vor einigen Jahren das Dienstgebäude des Umweltministeriums in der Olvenstedter Straße in Magdeburg saniert werden musste, investierte das Land rund 1,3 Millionen Euro.

Das Kabinett muss nun am Dienstag noch dem Mietvertrag für das neue Gebäude zustimmen. Es befindet sich nach Volksstimme-Informationen in der Nachtweide im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt. Dort wird sich der Verfassungsschutz wohl für länger einrichten müssen. Denn die Sanierung eines belasteten Gebäudes dauert "erfahrungsgemäß mehrere Jahre", wie eine Sprecherin im Finanzministerium sagte.

Auch der Umzug ist aufwändig. Zumal nicht irgendeine Behörde die Gebäude wechselt. "Nach dem Umbau der neuen Mieträume muss dann das Gebäude noch gesondert auf Herz und Nieren überprüft werden", so Hollmann. Abhörsicherheit dürfte dabei nur ein Punkt sein. Zudem müssen außergewöhnlich große und mehrere hundert Kilogramm schwere Panzerschränke von einem Ort zum anderen gefahren werden. Die Kosten sollen sich auf einem fünfstelligen Betrag belaufen.

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