Magdeburg l Statistisch gesehen lag im Jahr 2013 jeder fünfte Sachsen-Anhalter einmal auf dem OP-Tisch. Die Zahl der stationären Operationen in den Kliniken ist im Fünfjahresvergleich auf rund 418.000 gestiegen. Im Jahr 2008 waren es laut Statistischem Bundesamt noch 396.000 gewesen. Im gleichen Zeitraum hat das Land jedoch rund 137.000 Einwohner verloren.

In keinem anderen Bundesland werden bei Kindern so häufig die Mandeln entfernt wie in Sachsen-Anhalt. Während im Bundesdurchschnitt bei 43 von 10.000 Kindern ein Eingriff vorgenommen wird, sind es zwischen Arendsee und Zeitz 59. Im Landkreis Harz (81), im Salzlandkreis (81), in Dessau-Roßlau (73) und im Landkreis Börde (72) sind die Werte noch deutlich höher, wie aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung hervorgeht. Dafür seien auch finanzielle Gründe ausschlaggebend, erklärte eine Sprecherin der Stiftung. "Die wirtschaftliche Bedeutung der Gaumenmandelentfernungen ist für die meisten HNO-Abteilungen hoch. Denn die Operation ist eine meist gut planbare Leistung."

Eingriffe rechnen sich

Während die Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt diesen Vorwurf zurückweist, sagte Professor Christoph Arens, Direktor der Magdeburger HNO-Universitätsklinik, der Volksstimme, dass wirtschaftliche Kriterien schon ein Grund für die lokale Operationshäufung sein könnten. "Die operative Entfernung der Gaumenmandeln ist ein Eingriff, der für uns in den meisten Fällen kostendeckend ist", so Arens. Viele andere Eingriffe sind das laut den Krankenhäusern nicht mehr.

Professor Gerhard Jorch, Direktor der Universitätskinderklinik, sieht besonders die gestiegene Zahl der Mandel-Operationen bei Kindern kritisch. "Es gibt kaum eine Studie, die belegt, dass eine Mandel-OP wirklich sinnvoll ist. Ich habe das Gefühl, in Sachsen-Anhalt werden die Kinder viel schneller zum HNO-Arzt geschickt als im Westen", sagte Jorch der Volksstimme. Ärzte und auch das familiäre Umfeld würden hier häufig zu einer Mandel-OP raten, wenn ein Kind oft krank ist. "Viele Eltern sind unsicher und sagen im Zweifelsfall eher Ja als Nein - weil sie sich dann besser fühlen. Medizinisch notwendig ist es sicher nicht in jedem Fall", so Jorch.

Kasse rät zu Zweitmeinung

Laut Berechnungen der AOK Sachsen-Anhalt kostet eine Mandel-OP im Schnitt 2300 Euro. Die Krankenkasse sieht die wachsende Zahl der Operationen - auch in anderen Bereichen - mit Sorge. So hätten sich beispielsweise auch die Wirbelsäulen-Eingriffe bei den AOK-Versicherten zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt. Die Kasse rät, vor Operationen eine Zweitmeinung einzuholen. Eine Sprecher erklärte: "Patienten müssen sicher sein, dass alle Operationen aus einer klaren medizinischen Indikation heraus stattfinden."

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