IHK-Chef Klaus Olbricht glaubt nicht an eine Rückkehrwelle aus dem Westen. Die Firmen müssen ausländische Fachkräfte und Pendler gewinnen, um zu bestehen. Mit ihm sprach Volksstimme-Reporter Jens Schmidt.

Volkssstimme: Herr Olbricht, braucht die heimische Wirtschaft ausländische Fachkräfte?
Klaus Olbricht:
Wir brauchen auch deutsche Fachkräfte. Aber wenn ich mir die Einwohnerentwicklung anschaue, wird klar, dass wir ohne ausländische Fachleute in Zukunft nicht hinkommen werden. Noch ist der Leidensdruck nicht so groß, wie er mitunter dargestellt wird. Aber er wird kommen, spätestens in drei bis fünf Jahren. Die älteren, geburtenstarken Jahrgänge verabschieden sich mehr und mehr in die Rente. Und Jüngere kommen zu wenige nach. Als ich 2007 IHK-Präsident wurde, hatten wir noch 35.000 Schulabgänger im Jahr. Jetzt sind es 17.000. Mehr werden es nicht, im Gegenteil. Die jungen Leute, die wir bräuchten, wurden entweder gar nicht geboren - oder sie sind in den Westen gegangen.

Die Regierung wirbt um Rückkehrer. Vergebliche Mühe?
Wer vor zehn oder 20 Jahren in den Westen gegangen ist, dort Beruf, Familie und Häuschen hat, der wird in den allermeisten Fällen dort bleiben. Wir haben daher keine große Hoffnung, dass viele einstige Sachsen-Anhalter wieder zurückkommen. Anders sieht es bei den vielen Pendlern aus; die wohnen hier, mit denen können wir reden. In der Altmark und im Harz pendeln 30 Prozent der Arbeitnehmer.

Im Westen werden im Mittel immer noch 25 Prozent mehr gezahlt. Wie wollen Sie die Pendler da gewinnen?
Ich bin mir sehr sicher, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre hier genauso viel gezahlt wird wie 50 Kilometer hinter der Landesgrenze. Das wird gar nicht anders gehen, wenn eine Firma gute Leute bekommen oder behalten will.

Manche befürchten, mehr Ausländer könnten die Löhne drücken. Zu Recht?
Wir müssen keine Angst vor sinkenden Löhnen haben oder dass ausländische Ingenieure oder Facharbeiter den Deutschen die Arbeit wegnehmen. Erstens werden Ausländer nicht in Scharen nach Sachsen-Anhalt kommen und zweitens wird - wie gesagt - die Nachfrage nach Arbeitskräften in den nächsten Jahren deutlich steigen, so dass Firmen mit Billiglöhnen kaum eine Chance mehr haben werden.

134.000 Menschen sind in Sachsen-Anhalt arbeitslos; hinzu kommen 175.000 so genannte Unterbeschäftigte in Fördermaßnahmen. Wozu Ausländer werben und aufwendig integrieren?
Unsere Erfahrung zeigt: Es ist leider ganz, ganz schwer, Menschen einzugliedern, die seit fünf oder gar zehn Jahren in keinem Betrieb mehr beschäftigt waren. Auch wir haben das hier in unserem Unternehmen gemeinsam mit dem Arbeitsamt versucht - aber wir haben es aufgegeben.

Man weiß, dass etwa ein Drittel der Langzeitarbeitslosen als nicht mehr integrierbar gilt. Hinzu kommt, dass etliche zwar willig, aufgrund ihrer Fähigkeiten aber nur begrenzt einsetzbar sind. Und: Ein beträchtlicher Teil der Langzeitarbeitslosen ist schon älter und wird bald ohnehin das Rentenalter erreicht haben. Eher sehe ich schon Chancen, Schüler, die keinen Abschluss haben, zur Ausbildungsreife zu führen. Das sind immerhin zehn Prozent eines Jahrgangs. Da ist die Politik gefragt. Wir brauchen ja nicht nur Ingenieure und Meister. Wir benötigen auch Handwerker, Maschinisten oder Busfahrer.

Aber unter dem Strich bleibt die Erkenntnis: Aus eigener Kraft können wir den auf uns zukommenden Fachkräftemangel nicht beseitigen. Wir benötigen Zuwanderer aus dem Ausland. Nach aktuellen Berechnungen braucht Deutschland im Jahr gut 130.000 ausländische Fachkräfte.

"Es ist leider ganz, ganz schwer, Langzeitarbeitslose zu integrieren."

In der Politik mehren sich Rufe nach einem moderneren Zuwanderungsrecht. Wie sieht es die Wirtschaft?
Es gibt Länder wie Kanada oder zum Teil auch die Schweiz, die das seit Jahren klug hinbekommen. Die haben ein gutes Regelwerk und kaufen sich mit Geld kluge Köpfe ein. So etwas haben wir nicht. Wir haben eine solide Wirtschaft, stabile politische Verhältnisse, eine gute Entlohnung. Die größten Hürden aber sind das zu komplizierte Regelwerk sowie die Sprache. Die meisten können Englisch, aber kein Deutsch.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit ausländischen Arbeitskräften?
Einige IHK-Mitgliedsunternehmen beschäftigen Spanier. Das läuft sehr gut. Wir wollen jetzt auch schauen, ob wir Flüchtlinge aus der Ost-Ukraine herholen können. Wir haben seit gut 15 Jahren enge Kontakte zur Region Dnjepropetrowsk. Zu den Flüchtlingen aus Syrien können wir noch nichts sagen, die meisten sind erst seit wenigen Wochen hier. Wichtig ist uns eine schnelle und intensive Sprachausbildung. Ohne gute Deutschkenntnisse geht nichts. Das sollte Sachsen-Anhalt pragmatisch regeln und auch Geld in die Hand nehmen: Gesuchte Fachleute müssen schnell Deutschkurse bekommen - gleich, ob sie schon einen Aufenthaltsstatus bekommen haben oder nicht. Wir schlagen zudem ein Willkommens-Zentrum im Land vor, eine erste Anlaufstelle, wo sich Ausländer hinwenden können.

Wir hoch ist der Aufwand an Nachqualifizierung bei Ausländern?
Also ein Ingenieur ist ein Ingenieur, gleich, ob er aus Polen oder Indien kommt. Anders sieht es bei Facharbeitern aus. Ein duales System aus theoretischer und umfassender praktischer Berufsausbildung wie in Deutschland haben die meisten anderen Länder nicht. Manche sind theoretisch ganz gut ausgebildet, haben aber in ihren Betrieben nur zwei, drei nötige Handgriffe erlernt. Die Leute sind aber nachqualifizierbar.

"Gesuchte Fachleute müssen schnell Deutschkurse bekommen."

Noch vor einigen Jahren waren genug junge Leute da - doch da haben Firmen sie ziehen lassen. Hat die heimische Wirtschaft selbst Schuld am Dilemma?
Von Schuld würde ich nicht reden; denn es ist teuer, junge Leute auszubilden, die man eigentlich erst in einigen Jahren braucht. Wir haben in unserer Firma solch eine Reserve aufgebaut - das kostet Geld, aber es lohnt sich. Doch das kann sich nicht jeder leisten. Und man muss auch die psychologische Seite sehen. Bis vor zehn Jahren hatten wir ein Riesenreservoir - die jungen Leute standen um eine Lehrstelle Schlange. Dass sich das ändern würde - das muss auch erst einmal durch die Köpfe. Die Zeiten, in denen sich Unternehmer für einen Facharbeiterplatz sogar Abiturienten herauspicken können, sind nun vorbei.

Wie ist die Qualität der Schulabgänger heute?
Besser geworden ist sie nicht. Unsere Unternehmen sagen, sie müssen viel investieren, um das nachzuholen, was in der Schule nicht geklappt hat.

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