Magdeburg/Halle l Nein, dass Nickelback bei Radio SAW gerade hoch- und runterläuft, hat wirklich nichts mit ihm zu tun. Das versichert Mario Liese hoch und heilig. Dabei könnte man diesen Zusammenhang durchaus wittern. Der Programmchef ist nämlich großer Fan der kanadischen Rocker. Doch bei der Auswahl der Songs, die über den Sender laufen, spielt das keine Rolle, sagt er: "Wir machen Musik für unsere Hörer. Meinen eigenen Geschmack muss ich an der Garderobe abgeben."

Schließlich kommt es darauf an, was die Masse mag - und zwar nicht nur bei SAW, sondern auch bei den anderen großen Sendern in Sachsen-Anhalt. Wie dieser Geschmack im Detail aussieht, wird dort schon lange nicht mehr erahnt, sondern mit viel Aufwand wissenschaftlich ermittelt.

Bei Radio Brocken etwa ruft ein Berliner Marktforschungsinstitut jede Woche 120 Menschen an - alle repräsentativ ausgewählt - und spielt ihnen 50 Liedausschnitte vor, die sie dann auf einer Skala bewerten sollen. Ähnlich verfährt Radio SAW. Bei MDR Sachsen-Anhalt läuft es etwas anders. Dort gibt es interne Untersuchungen nur aller paar Monate, und dann auch nicht am Telefon. Ein paar Hundert Sachsen-Anhalter werden in Hotels eingeladen, dort hören sie sich die Ausschnitte am Computer an. Bei Radio Brocken wird das zweimal im Jahr zusätzlich gemacht.

"Unsere Befragungen haben ergeben, dass der Schlager zunehmend polarisiert."
Winfried Bettecken, MDR Sachsen-Anhalt


Warum der Öffentlich-Rechtliche seltener nachfragt als die beiden Privatsender, hat Programmchef Winfried Bettecken schnell erklärt: "Wir spielen vor allem ältere Musik, deshalb müssen wir weniger Aktuelles testen."

Bei manchen Liedern, sagt er, fällt das Urteil seit Beginn der Befragungen - das war vor rund 15 Jahren - konstant gut aus. "`Money, money, money` von Abba zum Beispiel funktioniert nach wie vor." Die Befragungen brachten aber auch Geschmacksveränderungen ans Licht. Am stärksten betroffen ist eine ganze Musiksparte. "Die Schlagerscholle schmilzt", so bringt es Bettecken sehr bildlich auf den Punkt. Immer weniger Hörer würden den klassischen deutschen Schlager mögen.

Der Programmchef sah darin ein "drängendes Problem des Senders". So beschloss er, diese Lieder nach und nach zurückzufahren. Seit vergangenem Sommer sind Roland Kaiser und Co. ganz aus dem Tagesprogramm verbannt, stattdessen gibt`s Oldies aus den 60er- und 70er-Jahren und Soft-Pop aus den 80ern.

Diese Entscheidung hat dem Sender teils heftigen Gegenwind beschert. Der Anhalt-Bitterfelder Schlagerfan Denny Schönemann drehte sogar eine Dokumentation namens "Die Abrechnung", in der auch hochkarätige Künstler wie Jürgen Drews zu Wort kommen. Auf der Internetseite Youtube wurde sie schon 7000 Mal angeklickt. Bettecken gibt offen zu, dass "immer mal wieder" Beschwerdeanrufe eingehen. Zu seinem Entschluss steht er dennoch: "Wir müssen die Masse ansprechen. Und unsere Befragungen haben ergeben, dass der Schlager zunehmend polarisiert", argumentiert er. Zwar würden ihn viele mögen; doch für andere sei er ein Grund, abzuschalten.

"Der Musikgeschmack in Deutschland ist genauso eingeteilt wie die früheren Besatzungszonen."
Armin Braun, Radio Brocken


Komplett auf Englisch umgestellt wurde das Musikrepertoire aber nicht, im Programm laufen auch Hits à la Nena oder Udo Lindenberg. Denn grundsätzlich sind deutsche Texte bei den Radiohörern im Land gefragt. Die internen Untersuchungen der anderen beiden Sender bestätigen das.

"Die Hälfte unserer derzeitigen Top-Acht-Titel ist deutschsprachig", erzählt Brocken-Chef Armin Braun. Und das sei alles andere als eine Übergangserscheinung. Er hat auch eine Erklärung parat: "In den vergangenen 10 bis 15 Jahren sind hier viele gute Bands entstanden." Den Befragungsergebnissen seines Senders zufolge steht in Sachsen-Anhalt übrigens noch ein weiterer Musikstil hoch im Kurs: Synthie-Pop im Stil von Depeche Mode.

Aus seiner Erfahrung - Braun war zuvor bei Sendern in Bayern, Baden-Württemberg und Brandenburg - leitet der Programmchef sogar eine historische Theorie ab: "Der Musikgeschmack in Deutschland ist genauso eingeteilt wie die früheren Besatzungszonen." Wo einst die Amerikaner waren, ist heute etwa die US-Rockband Bon Jovi gefragt. In der Ex-Sowjet-Zone hingegen reißt die fast niemanden vom Hocker. Dann doch lieber Silly.

Titel, die in den Tests gut oder sehr gut ankommen, laufen bei den Privaten oft drei- oder viermal am Tag. Beim Öffentlich-Rechtlichen ist das Repertoire größer, dort wird ein Lied seltener gespielt.

"Die Leute wollen Neues heute schneller im Radio hören als noch vor ein paar Jahren."
Mario Liese, Radio SAW


Durch die Befragungen bestimmen Sachsen-Anhalter indirekt auch die Zeit mit, zu der ein Lied läuft. Morgens kommen die beliebtesten Titel, weil dann die meisten Menschen Radio hören. Weitere Premiumplätze sind die Minuten kurz vor und nach den Nachrichten, denn dann schalten Hörer am ehesten zu oder weg.

Einen Musikredakteur ersetzen kann allerdings keine Studie, da sind sich alle drei Programmchefs einig. Gefragt sind die Experten vor allem bei Neuerscheinungen, erklärt SAW-Chef Liese: "In den ersten zwei Wochen können wir einen Titel nicht testen, weil ihn viele noch nicht kennen." Trotzdem müsse man gleich entscheiden, ob er ins Programm genommen wird. "Denn die Leute wollen Neues heute schneller im Radio hören als noch vor ein paar Jahren." Schließlich machen in sozialen Netzwerken und Download-Portalen manche Lieder in wenigen Tage die Runde.

Um zu entscheiden, ob etwa der neue Robbie-Williams-Song genauso ins Ohr geht wie die alten, treffen sich Musikredakteure und Programmchef eines Senders ein- bis zweimal pro Woche und hören sich Lieder an, die ihnen die Plattenfirmen in einem Internetportal zur Verfügung stellen. Dabei zählt vor allem eines: Bauchgefühl.

Ob ihr Daumen nach oben oder unten geht, machen die Experten in erster Linie vom Klang der Titel abhängig. Manchmal aber ist auch der Text schlagendes Argument. Ein Paradebeispiel dafür gab`s vor 14 Jahren bei SAW. Erinnern Sie sich noch an Kai Niemann? Diesen jungschen Sangerhäuser mit der Hymne "Im Osten"? Der Sender spielte sein Lied damals schon vor der Veröffentlichung. Eine Woche danach war die Single in den Läden vergriffen.

Eigentlich konnte da ja auch nichts schiefgehen. Schließlich hat Niemann für seinen Text ebenfalls eine Art Untersuchung gemacht. Quasi eine Beobachtungsstudie - mit durchaus glaubwürdigen Ergebnissen, so wie diesem hier: "Dass die Mädchen im Osten schöner sind, weiß heutzutage jedes Kind."

   

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