Magdeburg l "Ganz gefährlich!" Kerstin Kramp steht in der Lagerhalle vom Munitionszerlegebetrieb tief im altmärkischen Wald und zeigt auf eine mit Sand gefüllte Holzkiste. Da stecken Gewehrgranaten drin mit verrostetem "Klingelknopf". "So nennen wir die Zünder", erzählt sie schmunzelnd.

"Klingelknöpfe" gibt es in der Halle reichlich. Regale und Kisten voll mit Granaten, Patronen und Panzerfäusten. Fast kein Tag vergeht, an dem nicht ein Pilzsammler oder Baggerfahrer im Land auf eine Weltkriegshinterlassenschaft stößt. Kerstin Kramp sorgt als einzige Frau unter acht Truppführern des Kampfmittelbeseitigungsdienstes dafür, dass es nicht "klingelt".

Pechschwarzes Haar, riesige Ohrringe, Silberschmuck und der ganze Oberarm ein Tattoo-Gemälde - die Entschärferin - Mutter von zwei Kindern - sieht auch Bombe aus.

Lebensgefahr gehört zum Berufsalltag

Seit 1992 ist sie bei der Polizei angestellt. Zunächst Verwaltungsdienst. Doch: "Immer nur Büro, nein. Ich wollte auch körperlich arbeiten." 2007 geht sie zu den Bomben-Entschärfern."Ein bisschen anders als die anderen war ich schon immer", sagt die Truppführerin von sich. Die anderen lernen Moped, Teenie-Kerstin macht den Motorrad-Führerschein. Und der Lkw-Fleppen steckt auch in ihrer Brieftasche.

Beim Kampfmittelbeseitigungsdienst jagt zunächst ein Lehrgang den anderen. 2012 dann die erste große Bombe. 125 Kilogramm auf einem Acker bei Dessau. Ein erfahrener Kollege hilft ihr. "Mulmig war mir erst danach." Lebensgefahr gehört zum Berufsalltag. Ihr Freund habe sich inzwischen daran gewöhnt, sagt Kerstin Kramp.

Frauen erobern die letzten beruflichen Männer-Domänen. Und sie schrecken vor keiner Aufgabe zurück. Längst sind die Zeiten vorbei, als die smarten Fräuleins bei der Polizei vorrangig mit Schreibarbeit beschäftigt waren. Sie machen Jobs, bei denen so manches Männer-Knie zu schlottern beginnen würde.

Bei der Polizei ein Sechstel Frauen

Polizeioberkommissarin Kerstin Peter ist zum Beispiel Chefin der Tauchereinsatzgruppe bei der Landesbereitschaftspolizei. Diese Taucher haben so unappetitliche Aufgaben wie das Suchen und Bergen von Wasserleichen. Unter den sechs Tauchern sind aktuell zwei Frauen.

Generell ist die Verbrecherjagd keine Männerangelegenheit mehr. Laut Innenministerium sind aktuell unter den 6492 Polizisten von Sachsen-Anhalt genau 1309 weiblich (20,16 Prozent) - jeder fünfte "Bulle" ist also - pardon - eine "Kuh". Unter den Kriminalisten (22,43 Prozent) ist ihr Anteil höher als bei der Schutzpolizei (19,31 Prozent).

Bei der Landesverteidigung sind die Frauen - noch - nicht ganz so stark vertreten. Auch arbeitet SIE bei der Armee überwiegend im Sanitätsdienst. Nach Bundeswehr-Angaben gibt es aktuell in Sachsen-Anhalt 3300 Soldaten, von denen 430 Frauen (13,03 Prozent) sind. Etwa 19.000 Soldatinnen dienen bei der Bundeswehr in ganz Deutschland. Doch zurück in das zivile Leben.

Die Töchter-GmbH aus Gardelegen

Eine Frau mit Schweißer-Pass? Eine, die Treppen baut und Gartentore schmiedet? Muss man suchen. Und wird fündig in Gardelegen. Und zwar gleich im Doppelpack. Die Schwestern Kathrin Schulze und Kristin Wießel leiten schon seit acht Jahren einen Metallbaubetrieb. Vorgesehen war das so eigentlich nicht. Aber Vater Wilhelm Schulze, der die Schlosserei noch zu DDR-Zeiten 1980 gegründet hatte, stirbt mit nur 53 Jahren an einer schweren Krebserkrankung.

"Tja, da standen wir nun. Eigentlich wollte ich ja Innenarchitektur studieren", erinnert sich Kathrin, die Ältere. Dicke Jacke, dicker Schal, rote Nase. Kalt draußen in der Werkstatthalle. Nun sitzt sie am Computer, Stirnrunzeln, und macht am Telefon einen Zulieferer zur Schnecke. Energisch, nicht unfreundlich. "Ja, wir brauchen die Teile aber bis morgen früh! Nein, der Paketdienst war noch nicht da. Es ist aber schon 15 Uhr!" Sie legt auf. "Wo waren wir gerade?" Beim Vater.

Der steht bis heute im Firmennamen: "Wilhelm Schulze Töchter GmbH". Kathrin ist ausgebildete Stahl-Kauffrau. Kristin, die Jüngere, hat Schlosserin gelernt und später ihren Meister gemacht. Als der Vater stirbt, tourt die junge Frau gerade als Schmied durch Irland, um alte Handwerkstechniken wie das Schmieden von Hufeisen-Nägeln zu lernen. Über Nacht müssen die Schwestern den Betrieb übernehmen.

Klo ohne Pinkelbecken

Die Banken spielen mit. Die "Töchter GmbH" hat heute zehn Beschäftigte. Aktuell arbeiten sie an Aufträgen in Braunschweig und Hamburg. So ganz nebenbei haben sie noch die Sache mit der Partnerschaft geregelt und Familien gegründet - beide Frauen sind Mütter von zusammen vier Kindern. "Das reicht für einen Betriebskindergarten", scherzt Kathrin.

Vielleicht keine schlechte Idee. Zeit ist knapp. Die Metall-Muttis arbeiten regelmäßig in der Halle mit oder auf der Baustelle, wenn es eng wird. Zwei echt taffe Ladies sind das. Die Schlosserei ist eine wie jede andere. Nur das Klo hat kein Pinkelbecken.

Auch wenn die beiden Schwestern aus Gardelegen ein Vorbild wären: Der Beruf Schlosserin wird auch in naher Zukunft keinen Ansturm von jungen Frauen erleben. 2014 zählte die Agentur für Arbeit in Magdeburg und umliegenden Landkreisen 1220 Mädchen auf Ausbildungssuche. Platz 1 der Wunschberufe war Verkäuferin (13 Prozent). Unter den Top Ten waren mehrere kaufmännische Berufe und die berühmte Friseurin.

Was Frauen wirklich wollen

Aber was sagt diese Statistik darüber aus, was Frauen wirklich mögen? Nicht viel. Denn fast die Hälfte (49,5 Prozent) von den 1220 Mädchen interessiert sich nicht für einen der weiblichen Lieblingsberufe.

"Ich kann schon am Montag so dreckig sein, wie andere erst am Freitag. Das liebe ich an diesem Job." Nein, Anne Schneider, Lackiererin bei "BMW Schubert" in Magdeburg, ist kein Schmuddelkind. Im Gegenteil. Feuerroter Seitenscheitel, cooles Klimper-Piercing um die Nase rum - die Frau hat Stil.

Nur ihr Job ist staubig und klebrig. Trotzdem wollte sie ihn unbedingt. "Ich habe nach der Schule durch Zufall in einem Lehrbetrieb mit Lackieren zu tun gehabt. Da wusste ich sofort: Das ist es", erzählt sie.

Lackieren - aber nicht die Fingernägel

"Fünf Millionen Mal" habe sie um einen Ausbildungsplatz gebettelt. Aber immer nur verwirrte Blicke geerntet. Eine Frau in der Lackiererei? Geht nicht. Geht doch, fand man bei "BMW Schubert". Fünf Bewerber, vier Jungs. Und Anne macht das Rennen. "Das war schon cool, wie ich die Jungs alle rausgeschossen habe", feiert sie noch heute.

Und inzwischen sind sie sogar zu zweit. Kristin aus Niederndodeleben lackiert seit einem Jahr mit. Schuld ist ein Praktikum. "Eine Woche als Zahnarzthelferin hat mir gereicht. Diese Zickerei, nee." Sie wollte mit Männern arbeiten und lernte bei BMW Kfz-Schlosserin. Nach der Lehre wurde es ihr aber doch körperlich zu anstrengend - und nun lackiert sie.

Beide Frauen schwärmen. Wenn nach Spachtelei und Schleiferei der schicke Lack aufgetragen wird und die Unfallkarre aussieht wie ein neuer Flitzer, sei das einfach nur ein supergeiler Anblick. Und wie sie das so erzählen, steht Werkstattleiter Axel Schülke daneben und schmunzelt.

Diese Mädchen ...

 

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