Magdeburg l Am Freitag nächster Woche beginnt der Mond, sich um 9.36 Uhr vor die Sonne zu schieben. In Deutschland wird sie eine Stunde später bis zu 80 Prozent verdeckt sein. "Und dann beginnt das eigentliche Problem", sagt Johannes Kempmann, technischer Geschäftsführer der Städtischen Werke Magdeburg (SWM). Die Sonne geht nicht wie am Morgen langsam auf, sondern "kehrt zur Mittagzeit zurück und sorgt in kurzer Zeit für einen gewaltigen Stromschub".

Vorausgesetzt, die Sonne scheint. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) rechnet ab Montag mit sonnigem Hochdruckwetter mit bis zu 20 Grad Höchsttemperatur. Ab Donnerstag sieht es derzeit nach einer Bewölkungszunahme und Abkühlung aus. Doch die Hochdruckphase, so der DWD, könnte sich auch um ein, zwei Tage verlängern.

Stromschub entspricht 14 Atomkraftwerken

Der Stromschub, den Kempmann fürchtet, entspricht nach einer Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin einer gleichzeitigen Zuschaltung von 14 Atomkraftwerken. Bei Beginn der Sonnenfinsternis würde die Solarstromleistung von 17,5 Gigawatt auf 6,2 Gigawatt absinken, um dann in nur 75 Minuten auf 24,6 Gigawatt hochzuschnellen. Insgesamt werden im deutschen Stromnetz aktuell etwa 39 Gigawatt Solarstromleistung über rund 1,5 Millionen Photovoltaik-Anlagen eingespeist - überwiegend in Süddeutschland. Falls das Stromnetz dort aus dem Tritt gerät, wären davon aber die Abnehmer in ganz Deutschland betroffen.

2003 bei der letzten Sonnenfinsternis mit ähnlich starker Abdeckung gab es in Deutschland erst rund fünf Gigawatt Solarstromleistung. Der "Sonnen-Ausfall" fiel deshalb weniger ins Gewicht. "Diese Sonnenfinsternis ist aus Sicht der Stromnetzbetreiber ohne Beispiel", sagt Volker Kamm, Sprecher des Hochspannungsnetzbetreibers "50Hertz". Deshalb bereiten sich Mitarbeiter seit Monaten auf diesen Tag vor.

Baumaßnahmen werden rechtzeitig eingestellt

Das Personal werde am Freitag in allen fünf Schaltwarten der vier Netzbetreiber aufgestockt. Die Regelenergie wird um ein Gigawatt auf 4,5 Gigawatt erhöht. Das ist eine Reservekapazität, die Kraftwerke sofort liefern müssen, um Netzschwankungen zu kompensieren. Auch die SWM treffen Vorbereitungen. Kempmann: "Ab Donnerstag wird es keine Baumaßnahmen im SWM-Netz geben, die Sonderschaltzustände notwendig machen." In der Schaltzentrale wird ein Notstromaggregat installiert. Zweimal geübt wurde in den vergangenen Tagen die Kommunikation mit den Schaltzentralen von Avacon und "50Hertz" über stromunabhängige Satelliten-Telefone.

Vorausgesetzt, das Wetter wird sonnig und die Regelungsmaßnahmen der Netzbetreiber reichen zur Stabilisierung nicht aus: Was könnte passieren? Kempmann: "Wenn die Netzfrequenz so sehr gestört wird, dass sie Toleranzbereiche überschreitet, schalten sich Verbrauchergeräte und Stromerzeuger automatisch ab." Das könne Windkraftanlagen betreffen, aber auch konventionelle Kraftwerke. Ein Zusammenbruch des Stromnetzes - der Blackout - kann dann nicht ausgeschlossen werden.

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