Integration und Sport

Statistik: Im Durchschnitt haben vier Prozent der Mitglieder der Sportvereine in Sachsen-Anhalt einen Migrationshintergrund - das sind etwa 17 000 Männer, Frauen und Kinder, die in den 3200 Sportvereinen integriert sind. (Stand: 2010 / über aktuelle Zahlen verfügt der LSB Sachsen-Anhalt nicht).

Seit 1991 gibt es das Bundesprogramm "Integration durch Sport". Das beinhaltet u.a. Aus- und Weiterbildungsleistungen, Schulungen für engagierte Migranten zur Einbindung in das einheimische Sportsystem, Aktionstage und Seminare.

Projekte in Sachsen-Anhalt: Tour der Möglichkeiten (Soccer Tour), Integrative Volleyballliga, Gorodkij als Sportart fremder Kulturen

Stützpunktvereine und Partner: Es gibt 30 Stützpunktvereine in Sachsen-Anhalt mit integrativen Projekten - darunter in Wernigerode (Harzer Schwimmverein), Wanzleben (Sportjugend Börde), Magdeburg (SCM), Gardelegen (Integrative Förderverein FFW Potzehne), und Schönebeck (PSV Schönebeck 1990). Diese werden von acht Netzwerken unterstützt. Quelle: LSB

Magdeburg l Das Leben ist ein Kampf - dies ist das Lebensmotto von Robin Krasniqi. Und es passt zu ihm wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Im Leben und im Boxring musste sich der 1987 im damals jugoslawischen Junik geborene SES-Profi auf seiner langen Odyssee immer wieder behaupten. Vor allem die Kindheit war in Kriegszeiten alles andere als unbeschwert.

Doch nun endlich sieht sich der 27-Jährige am Ziel seiner Träume angelangt. Das Kämpfen hat sich in jeder Beziehung gelohnt. Zweieinhalb Jahre nachdem er in Magdeburg die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hat, bekommt Krasniqi in seiner Wahlheimat die Chance, Weltmeister zu werden - in Rostock gegen den aktuellen WBA-Champion Jürgen Brähmer aus Schwerin.

"Gewinne ich den Gürtel", schaut Krasniqi sehnsüchtig voraus, "würde ein großer Lebenstraum in Erfüllung gehen. Denn mein Ziel war es immer, Spuren zu hinterlassen." Und das gelänge im Erfolgsfall gleich in doppelter Ausführung. "Ich würde in Deutschland Boxgeschichte schreiben und gleichzeitig auch in meinen Geburtsland. Denn ich wäre der erste Box-Weltmeister aus dem Kosovo und würde dieses leidgeprüfte kleine Land unendlich stolz machen", sagt der Interconti-Champion, der im Kosovo ein bekannter Spitzensportler ist und innig verehrt wird.

Eine Kindheit zwischen Krieg und Flucht


Die Erinnerungen an die Kindheit sind inzwischen verblasst, aber nicht vergessen. Dazu haben die Kriegsjahre zu tiefe Narben in der damals kleinen Seele hinterlassen. "Ich habe viel Leid und Tod gesehen. So schlimme Sachen, die ein Kind eigentlich niemals erleben sollte", schaut Krasniqi mit Grauen und Schrecken zurück. Der Tag, als der Krieg plötzlich auch seinen Wohnort Junik erreichte, hat sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. "Wir wollten raus zum Spielen, und auf einmal hörten wir so ein Donnern. Schüsse und Detonationen. Und da war Qualm und Rauch. Wir wussten gar nicht, was los ist, und warum unsere Mutter so voller Panik war und uns ins Haus zurückgezogen hat."

Während oben Kugeln durch Häuserwände flogen, versteckte sich die Familie im Keller eines Nachbarn. Im Schutz der Dunkelheit seien die Frauen, Alten und Kinder dann in einen Wald geflohen. "Dort haben wir uns eine Woche versteckt. Es war schrecklich für uns Kinder, von dort aus zu sehen, wie die Häuser in unserem Dorf brannten. Und ich weiß noch, dass ich mir immer die Ohren zugehalten habe, weil ich diese Schüsse nicht hören wollte." Zusammen mit seinen zwei Geschwistern und seiner hochschwangeren Mutter hat Robin Krasniqi das Land verlassen müssen. "Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt bereits nach Deutschland geflüchtet. Er war ein politisch Verfolgter und musste Hals über Kopf das Land verlassen, weil er um sein Leben fürchtete. Fünf Jahre haben wir ihn danach nicht gesehen."

Wie rund eine Million Flüchtlinge lebten die Mutter und die Kinder 14 Monate in Albanien und kehrten erst zurück, nachdem das Land von den Serben geräumt war. "Unser Haus war völlig zerstört, alles war in Schutt und Asche. Jeder Tritt hätte tödlich enden können, alles war vermint. Es war grausam. Und trotzdem, obwohl wir alles verloren hatten, war es ein schönes Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Und rundherum herrschte endlich wieder Stille. Wir waren frei."

Robin Krasniqi war 17 Jahre alt, als er nach Deutschland kam. Sein Vater hatte ihn und seinen jüngerer Bruder Avdyl zu sich nach München geholt, wo er bis heute lebt und einen Obst- und Gemüsehandel betreibt. "Den 6. November 2004 werde ich nicht vergessen. Ich konnte nicht ein einziges Wort Deutsch. Alles war fremd in dem fremden Land. Ich hatte Angst." Der Teenager fühlte sich innerlich wie zerrissen. "Ich hatte Probleme damit klarzukommen, dass ich erst viele Jahre ohne meinen Vater auskommen musste, und nun auf einmal ohne meine Mutter, meine Geschwister und meine Freunde." Er konnte dem versprochenen neuen, besseren Leben im "Schlaraffenland" nicht viel abgewinnen, erinnert sich Krasniqi. Und das Heimweh war größer als der Wunsch nach Integration: "Ich habe meinen Vater angefleht, mich wieder nach Hause zurückkehren zu lassen. Aber er hat nur geantwortet: Junge, das wird schon. Du bist doch ein Kämpfer, in einem halben Jahr sieht die Welt schon ganz anders aus. Und er hatte Recht."

Zehn Jahre später denkt Krasniqi deutsch, spricht fließend deutsch, fühlt deutsch. Er hat eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandels-Kaufmann gemacht und im Boxen seine Berufung gefunden. "Der Kampf Mann gegen Mann hat mich immer fasziniert", erklärt der 1,85 Meter große Modellathlet, der im Kosovo als 15-Jähriger mit Karate angefangen hatte. Das Training in der Gemeinschaft im Box-Gym, das Ziel, erfolgreich zu sein und Titel zu gewinnen - das waren die Katalysatoren für Krasniqis Integration in der neuen Heimat Deutschland.

"Das Gute im Sport ist ja, dass es klare Regeln gibt. Dadurch geht es fair zu. Ich bringe jedem Gegner Respekt und Achtung entgegen - egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religion er ist. Das spielt im Boxring keine Rolle, da sind wir alle irgendwie gleich. Wir sind Sportler, das eint uns."

Seit 2010 läuft im Boxring alles nach Plan

Es hat sich schnell ergeben mit einer Profikarriere, und es ging in großen Schritten voran für den damals 18-Jährigen. Dank der Unterstützung seines Vaters konnte er sich voll und ganz aufs Boxen konzentrieren. Und der ehrgeizige Faustkämpfer verinnerlichte schnell die typisch deutschen Eigenschaften: "Disziplin und Ordnung, das brauchst du als Leistungssportler. Ohne funktioniert das nicht. Die Deutschen haben immer einen Plan, ein Konzept. Das gefällt mir. "

Seit 2010 gehört der Halbschwergewichtler zum Magdeburger Boxstall SES. Ulf Stein-forth nahm Robin Krasniqi unter Vertrag, der eigentlich Haxhi heißt - "aber den Namen konnte keiner richtig aussprechen".

Von da an ging es steil bergauf. Der "Kämpfer vor dem Herren, mit dem unvergleichbaren Aufwärtshaken" (O-Ton Stein-forth) sammelte erste Titel ein und wurde Europameister. Mit dem Promoter aus Magdeburg, so sieht es der Boxer heute, habe er einen "absoluten Glücksgriff" gemacht: "Ulf Steinforth ist ein sehr guter Mensch." Für ihn sei der Boxer keine Ware, er interessiere sich wirklich für den Menschen hinter dem Boxer und möchte, dass man sich wohlfühlt und dazugehört. "Ulf ist eine ehrliche Haut, er hat immer sein Wort gehalten. Mit seiner Unterstützung habe ich viel erreicht und stehe jetzt vor der Chance meines Lebens. Dafür bin ich ihm ein Leben lang etwas schuldig."

Und mit dem gleichen Gefühl der Dankbarkeit wird Robin Krasniqi auch am 21. März beim WM-Kampf in Rostock im Ring stehen und die deutsche Nationalhymne mitsingen. Mit der "vollsten Überzeugung", mit der er einst seine kosovarische Staatsbürgerschaft abgelegt und die deutsche beantragt hat. Er habe Deutschland von Anfang an als ein tolerantes, gastfreundliches und soziales Land erlebt, fügt der Boxer hinzu. "Für mich war und ist Deutschland das Land, das mir und meiner Familie das Brot reicht."

Für jemanden, der Krieg, Zerstörung und Fremdbestimmung erlebt habe, sei es das höchste Gut, in einem freien Land in Frieden zu leben und das Leben selbst in die Hand nehmen zu können. Dass er die deutsche Hymne mitsinge, sei für ihn eine Herzenssache: "Jeden Schritt, jede Bewegung, jeden Schlag - alles, was ich kann und bis jetzt im Ring erreicht habe, das habe ich Deutschland zu verdanken. Aber ich werde auch niemals vergessen, wo ich herkomme."