Magdeburg l Wenn der damalige bayerische Ministerpräsident Max Streibl die neuen ostdeutschen Politiker als "Laienspieler" verspottete, so stand er mit dieser Meinung unter den westdeutschen Politiker-Kollegen nicht allein. Deshalb wurden quer durch die Lager im DDR-Wahlkampf alle Register für eine Unterstützung der Partnerparteien gezogen. Bonner Spitzenpolitiker tourten unermüdlich durch den Osten.

Auch Kanzler Helmut Kohl schonte sich nicht. Am 6. März hatte er seinen großen Auftritt auf dem Magdeburger Domplatz, der allerdings eher enttäuschend verlief.

Ewald König, damals Korrespondent der Wiener Zeitung "Die Presse", erinnert sich: "Es war kein guter Tag für ihn. Die Lastautos von ,Jägermeister` mussten halb voll wieder zurück in die BRD fahren. Für 75000 hatte die Firma Kräuterlikör zur Gratisverkostung gebracht, aber höchstens 25000 waren gekommen." Nieselregen und Wind taten ein übriges, das Interesse am Kanzler zu dämpfen.

König: "Als Kohl nach (trotzdem) eineinhalbstündigem Wahlkampfreden und fünfminütigem Wahlkampfschweigen (wegen des betörenden Glockengeläutes von Sankt Mauritius) seinen Auftritt in der traditionell roten Stadt zu Ende brachte, waren auf dem Magdeburger Domplatz nur noch ein paar Tausend Menschen." Die Volksstimme berichtet über einen "Wald von schwarz-rot-goldenen Fahnen der Bundesrepublik", aber auch von Eierwürfen in Richtung Tribüne. Diese treffen gleich zu Beginn den Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs, Wolfgang Schnur, der daraufhin das Magdeburger Wahlvolk mahnt: "Wir brauchen keine faulen, sondern frische Eier!" Genau eine Woche später entpuppt er sich selber als "faules Ei". Schnur musste als DA-Vorsitzender zurücktreten, nachdem er als langjähriger Stasi-IM enttarnt worden war.

Helmut Kohl lässt sich, anders als gut ein Jahr später in Halle, von Eiern und anderem Protest nicht beirren. "Wir wollen als ein Volk unsere Zukunft in Freiheit und Frieden gemeinsam mit den Völkern Europas gestalten", lautet seine zentrale Botschaft.