Magdeburg l Marcus Urban zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto von 1985. Darauf zu sehen: Drei Jungs in Fußball-Trikots. "Hier freuten wir uns gerade über den Sieg des FC Rot-Weiß Erfurt, unseres Vereins", erzählt Urban seinen Vortragsgästen im Magdeburger Rathaus. Doch zu dieser Zeit, im Teenager-Alter, kämpfte er auch mit ganz anderen Gefühlen: "Ich merkte, dass ich nicht auf Mädchen stehe. Trotzdem wagte ich kaum zu denken, dass ich schwul sein könnte." Er sei doch ein Fußballer, und Fußballer interessierten sich nicht für andere Männer.

So fing der 43-Jährige an, seine Persönlichkeit an den Nagel zu hängen. "Die Kluft zwischen mir, meinen Emotionen und der Rolle, die ich im Verein spielte, wurde immer extremer. Das Mobbing meiner Mitspieler wurde größer, die Beschimpfungen immer schwulenfeindlicher", erinnert sich Urban. 1993 war er ausgebrannt und verschwand von der Bildfläche. Er outete sich. Von da an gelangte er zu sich selbst zurück. In den vergangnenen zwei Jahrzehnten hat sich in Urbans Karriere einiges getan: Vom Fußballer über Ingenieur bis hin zum Designer und Coach. Urban ist vielfältig. Doch genau die Vielfalt fehle bis heute in den meisten Sportvereinen. Homosexualität werde meist vertuscht und Berater empfehlen Profispielern stattdessen, Heterosexualität vorzutäuschen. "Bisher gab es etwa 5500 Bundesligaspieler. Prozentual müssten davon 300 bis 500 Fußballer auf Männer stehen", erzählt Urban. Nationalspieler Thomas Hitzlsperger outete sich im Januar 2014. "Es ist schade, dass sich bisher noch nicht mehr deutsche Sportler getraut haben, offen zu ihrer Homosexualität zu stehen", sagt Urban. Auch Helge Tiede vom Projekt "MuT - Menschlichkeit und Toleranz im Sport" setzt sich für mehr Akzeptanz ein: "Es interessiert doch auch niemanden, dass ich heterosexuell bin. Also kann doch genauso toleriert werden, dass manche Sportler Männer lieben." Zusammen mit Tiede entwickeln Urban und das Landes-Innenministerium demnächst ein Programm gegen Homophobie im Sport. Vielfältigkeit im Verein soll ganz normal sein. So wie es mittlerweile in Urbans Hobby-Mannschaft ist: Zu Spielen bringt er regelmäßig seinen Freund mit. "Meine Mannschaft hat das vollkommen akzeptiert, für sie ist das nicht ungewöhnlich. Neben Spielerfrauen muss es einfach auch Spielermänner geben."