Traditionsreicher Zweiradhersteller - die Mitteldeutschen Fahrradwerke
Seit dem 11. Dezember des vergangenen Jahres hat die Zukunft der Mifa ein neues Gesicht. Heinrich von Nathusius übernahm das Fahrradwerk in Sangerhausen und rettete 600 Angestellte vor der Arbeitslosigkeit. Das Unternehmen im Kreis Mansfeld-Südharz hat eine bewegte Geschichte hinter sich.

1907 gründeten Emil Schütze und Emil Hesse die Fahrradfabrik. 1939 wurde die Fahrradproduktion eingestellt und auf Kriegswirtschaft umgestellt. In Sangerhausen entstanden nun unter anderem Leitwerke für Junkers-Flugzeuge. 1946 erfolgte die Enteignung der Besitzer. 1950 wurde Mifa in einen Volkseigenen Betrieb umgewandelt.

In den Fünfzigerjahren wurden in Sangerhausen vor allem klassische Tourenräder, Sporträder und Kinderräder produziert. 1969 wurde die Fertigung der bisherigen Diamant-Sporträder durch Mifa übernommen. In den Achtzigerjahren wurden auch Gepäckräder, Rennräder für Kinder, Saalsporträder, Tandems und BMX-Fahrräder hergestellt. Doch Mifa war auch aufgrund fehlender Weiterentwicklungen weit hinter den Weltstand zurückgefallen.

Mehr als 9 Millionen Fahrräder wurden bei Mifa in der Zeit als volkseigener Betrieb produziert. 1996 erwarben Peter Wicht und Michael Lehmann Mifa von der Treuhandgesellschaft. Fortan konzentrierte sich das Unternehmen auf den Vertrieb für Handelsketten und Versandhäuser.

Seit Mai 2004 wurden Aktien von Mifa an der Börse gehandelt. Zukäufe von Konkurrenten wie Biria, Grace und Steppenwolf ließen Umsatz sowie Absatz steigen.

Mitte März 2014 wurde bekannt, dass Mifa im Geschäftsjahr 2013 einen Fehlbetrag von 15 Millionen Euro erwirtschaftete. Zudem waren die Bilanzen seit Jahren fehlerhaft. Die Verluste summierten sich auf 28 Millionen Euro. Der Einstieg eines indischen Investors scheiterte. Ende September meldeteMifa Insolvenz in Eigenverwaltung an. (ba)

Sangerhausen l Heinrich von Nathusius mag das. Das Händeschütteln mit den Mitarbeitern, die ihm unglaublich dankbar sind, dass in Sangerhausen weiter Fahrräder gebaut werden. Die kurze Konversation mit seinen Angestellten, die am Band stehen und ihn mit wachen Augen und einem Lachen auf den Lippen grüßen. Da fühlt er sich auch ein wenig geschmeichelt.

Ohne von Nathusius, der mit seinem eigenen Geld Mifa vor dem Untergang bewahrte, stünden viele der Mitarbeiter jetzt in der Schlange beim Arbeitsamt, das sich nur 200 Meter die Straße runter befindet. 600 Beschäftigte hätten ihren Familien zu Hause erklären müssen, warum das mit der Fahrradproduktion in Sangerhausen nicht mehr funktioniert.

Wenn Heinrich von Nathusius durch die Mifa-Hallen streift, bleibt er stehen, guckt sich um. Er sieht den grauen Fußboden aus den Neunzigerjahren, der nicht mehr ganz eben ist. Er blickt an die Wände, von denen die weiße Farbe abblättert. Dann geht er weiter. An den Frauen und Männern vorbei, die am Band stehen und derzeit gut zu tun haben. Und zur Lackiererei, wo die Fahrradrahmen ihren Anstrich bekommen, die Mitarbeiter aber gerade eine Mittagspause machen. Das Butterbrot dürfte ihnen wieder schmecken. Von Nathusius lächelt. Durch die Mifa-Hallen weht ein neues Gefühl. Es ist, als ob ein Geist vertrieben wurde und die Zuversicht zurückgekehrt ist.

Als von Nathusius das erste Mal vor die Belegschaft trat, läutete er das Ende der alten Dämonen ein. Das war am 12. Dezember des vergangenen Jahres. Nur wenige Stunden nachdem der neue Chef die Verträge mit Insolvenzverwalter Lucas Flöther unterschrieb. "Jetzt kriegt keinen Schreck. Ihr sollt innovative Produkte bauen und bekommt einen Opa als Geschäftsführer", sagte von Nathusius, der 71 Jahre alt ist. Die Lacher hatte er damit auf seiner Seite. Die Herzen noch nicht.

Am Anfang herrschte Skepsis gegenüber dem neuen Eigentümer. Zu oft standen in den letzten Monaten Männer vor den Mitarbeitern, die ihnen Rettung versprachen, aber nicht umsetzten.

"Mich ärgert, dass hier Finanzinvestoren tätig gewesen sind, die dem Unternehmen sehr geschadet haben", sagt der neue Besitzer und fügt hinzu, dass es nicht die Mitarbeiter gewesen wären, die in Sangerhausen Fehler gemacht hätten.

Ein unerfreulicher Rückblick: Im März vergangenen Jahres klaffte in den Mifa-Büchern ein unerwartet riesiges Loch. Wegen lückenhafter Bilanzen fehlten nahezu 30 Millionen Euro. Die Geschäftsführung wurde innerhalb weniger Monate gleich mehrfach ausgetauscht. Doch die neuen Chefs brachten keinen frischen Wind. Der geplante Einstieg eines indischen Fahrradherstellers scheiterte. Hero Cycles sollte rund 15 Millionen Euro mitbringen. Das geplatzte Investment war der letzte Schlag für diejenigen, die noch an eine Mifa-Rettung geglaubt hatten.

Die Angst vor dem Totalausfall ihrer Investitionen trieb auch die Anteilseigner um. Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer war vor zwei Jahren beim Fahrradbauer eingestiegen. Rund 20 Millionen Euro soll sein Aktienpaket wert gewesen sein. Seit der Schieflage versuchte er über mehrere Monate, seinen Einfluss im Unternehmen zu steigern. Doch Maschmeyer verlor den Machtkampf und gab auf. Insolvenzverwalter Lucas Flöther übernahm.

Der Rechtsanwalt aus Halle wollte das Unternehmen nicht zerschlagen, sondern die Arbeitsplätze im Werk retten und hatte dafür bereits einige Aufträge an Land gezogen. Wirtschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) hielt die Augen auf und suchte für Mifa einen Investor. Dabei erinnerte er sich an einen alten Freund. Möllring und von Nathusius kennen sich seit Jahren aus gemeinsamen Aufsichtsratssitzungen bei der Norddeutschen Landesbank. Der Minister vertraut dem Unternehmer in wirtschaftlichen Fragen. Als Möllring 2013 Minister in Sachsen-Anhalt wurde, rief er von Nathusius an und ließ sich erste Details zur Wirtschaft zwischen Harz und Altmark erklären.

Einen Anruf gab es auch dieses Mal. "Es ehrt, wenn man angesprochen wird, ob man helfen kann", sagt Heinrich von Nathusius, der in Sachsen-Anhalt für sein gewissenhaftes Management geschätzt wird. Aus dem Automobilzulieferer Ifa in Haldensleben machte er nach dem Kauf von der Treuhand den größten Hersteller von Gelenkwellen weltweit. Ifa war 1992 faktisch tot. Keine Aufträge, keine Kunden. "Dort mussten neue Produkte und eine neue Kundenstruktur aufgebaut werden. Mit Mifa habe ich ein Unternehmen mit wesentlichen, gebuchten Aufträgen für das kommende Jahr übernommen", erklärt von Nathusius. Zehn Millionen Euro privates Geld investierte von Nathusius in die Rettung von Mifa, als er in Form eines "Asset Deals" sämtliche Wirtschaftsgüter des Fahrradherstellers übernahm.

Von Nathusius ist so etwas wie der letzte Mohikaner in Sachsen-Anhalt. Ein Unternehmer der alten Schule. Zuerst muss es dem Betrieb gut gehen. Erst dann kommt sein persönliches Wohl. Von seiner langjährigen Erfahrung soll Mifa profitieren. Mit ihm als Gallionsfigur soll es vorwärts gehen.

Mifa verändert sich. Der gräulich-gelbe Empfangsbereich im Firmensitz in Sangerhausen bekommt einen neuen Anstrich. Eine Beratergruppe hat Produktionsabläufe im Werk unter die Lupe genommen. "Wir sind mit unserem Wissen aus der Automobilindustrie auf Kostenjagd und werden Verschwendungen im Betrieb korrigieren", sagt von Nathusius. Durch Umstellungen in der Produktion sollen 10 bis 15 Prozent der Herstellungskosten eingespart werden.

Die Bücher sind mit Aufträgen der Discounter gut gefüllt. Etwa eine halbe Million Fahrräder wird Mifa bis Jahresende produzieren. Das Geschäft mit den günstigen Rädern will von Nathusius weiterführen. "Das ist eine starke Gruppe, die uns hilft, andere Abnehmer günstig zu beliefern. Ich kann dadurch günstiger einkaufen, weil ich große Mengen abnehme", so der Unternehmer. Auch der Fachhandel wird weiter mit Rädern beliefert. Das Geschäft mit den Mifa-Eigenmarken Grace und Steppenwolf soll ebenso ausgebaut werden wie der Absatz von E-Bikes.

Seine neue Firma bereitet von Nathusius schon heute auf eine Zeit nach ihm vor. "Ich mache das keine fünf Jahre", sagt er. "Meine Aufgabe ist die Sanierung durchzuführen und eine Geschäftsführung zu etablieren." Vor einigen Wochen warb er Olaf Flunkert vom Wettbewerber Derby Cycle aus Cloppenburg ab. Mit ihm und von Nathusius soll Mifa wieder auf die Beine kommen.