Ende der Quote nach 31 Jahren
Als 1984 die Milchquote eingeführt wurde, gab es zu viel Milch auf dem europäischen Markt. Durch die Begrenzung des Angebots sollten die Preise - und damit das Einkommen der Landwirte - gesichert werden. Wer die erlaubte Quote überschritt, musste eine Abgabe zahlen.
Trotz der Quote verschwanden viele Höfe. So sank die Zahl der Milcherzeuger in Deutschland seit 1984 von 369 000 auf 77 000.

Nun rechnen Politik und Experten mit einer steigenden Nachfrage nach Milchprodukten weltweit. Von diesen Exportchancen sollen Europas Bauern profitieren. Vom Wegfall der Quote werden laut Branchenkennern vor allem Unternehmen profitieren, die auf Expansion setzen. Kleinere Milchbetriebe, die weniger als 400 Tiere halten, könnten das Nachsehen haben. (dpa/sh)

Kemberg l Wie eine Festung liegt die Milchgenossenschaft "Heideland" Kemberg in den Wittenberger Elbauen. Rings um das Gelände stehen Windräder wie Wachtürme. Ein Wall umschließt Stallungen und Nebengebäude. Es ist ein Hilfsdeich in dem hochwassergefährdeten Gebiet. "Den haben wir in Eigeninitiative gebaut", betont Richard Reiß, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft mit 47 Mitgliedern. Eigeninitiative ist eines seiner Schlüsselwörter.

So haben sie in Kemberg nicht lange gezögert, als sie vor ein paar Jahren Wind bekamen von den EU-Plänen zur Abschaffung der Milchquote. Sondern "sich mit brachialer Gewalt" in Form von Neubauten darauf vorbereitet, berichtet Reiß stolz: "Ende 2012 haben wir den Antrag eingereicht, im April 2013 mit dem Bau begonnen und im Mai 2014 die Milchproduktion in der neuen Anlage aufgenommen."

Entstanden sind zwei Ställe für je 600 Milchkühe, ein Melkhaus, eine Biogasanlage und ein Schulungs- und Besucherzentrum. Von dort aus können Gäste durchs Glas beobachten, wie die Kühe in aller Ruhe ins Melkkarrussell hineinmarschieren.

Dreimal Melken und achtmal Füttern am Tag
Die genügsamen Tiere sind es gewohnt. Sie werden dreimal am Tag gemolken, achtmal pro Tag erhalten sie frisches Mischfutter. Ihre Gülle wird in die Biogasanlage abgeleitet, was die Geruchsintensität minimiert. Außerdem hat der Betrieb eine eigene Kälber- und Jungrinderaufzucht, wofür bereits 2008 ein neuer Stall gebaut wurde.

Die Genossenschaft könnte zwar sogar bei Hochwasser autark weiterproduzieren, zeigt sich ansonsten aber aufgeschlossen gegenüber der Öffentlichkeit - im Gegensatz zu vielen anderen Landwirtschaftsbetrieben. Reiß sagt: "Wir sind offen für alle - vom Kindergartenkind bis zum Rentner."

"Heideland"-Geschäftsführer Bernhard Wagner erklärt denn auch ohne Umschweife, warum die Genossenschafts-Kühe zwar unter modernsten Bedingungen gehalten werden, aber von einer grünen Wiese nur träumen können. "Das wäre teurer, schon weil unsere Kühe bei Weidefutter weniger Milch gehen würden. Wir könnten das aber gern machen. Dann müssten die Verbraucher bereit sein, deutlich mehr für Milch zu bezahlen."

Kühe werden in der Kemberger Anlage bereits seit 1973 gehalten. In der DDR waren es in der Form einer volkseigenen Zwischenbetrieblichen Einrichtung (ZBE) 2000 Tiere. Der heute 72-jährige Reiß war hier seit 1988 Betriebsleiter. Nach der Wende gab es dann 1992 die Neugründung als "Mehrfamilienunternehmen Milchagrargenossenschaft ,Heideland` e. G. Kemberg." Der Familien-Verweis sollte dem Eindruck vorbeugen, es handele sich um eine LPG in neuem Gewand, so Reiß. Verarbeitet wird die in Kemberg genossenschaftlich erzeugte Milch vom genossenschaftlich organisierten Deutschen Milchkontor, dass 20 Prozent der gesamten deutschen Milch verarbeitet.

Geschäftsführer Reinhard Vogel-Lackenberg erklärt, dass die 9400 Erzeugerbetriebe, die zum Kontor gehören, sich für das Ende der Quote ausgesprochen hätten. "Der Weltmarkt wird die mehr erzeugte Milch aufnehmen", ist Vogel-Lackenberg überzeugt: "Milch ist im Verhältnis zu ihren Nährwerten ein kostengünstiges Nahrungsmittel."

H-Milch im Geschenkkarton in China ein Renner
Asien und Afrika sind die wachsenden Märkte, auf die die Milchwirtschaft in Deutschland hoffen kann. Allerdings nur, wenn die Produktpalette stimmt. Vogel-Lackenberg nennt ein Beispiel aus China: "Dort sind Ein-Liter-Packungen Oldenburger H-Milch in Achter-Geschenkverpackungen ein Renner." Kees de Vries aus dem Zerbster Ortsteil Deetz ist CDU-Bundestagsabgeordneter und selbst Milchbauer. Er glaubt an die Vorteile des Quoten-Wegfalls: "31 Jahren Milchmengenregulierung haben den Strukturwandel in der Milchwirtschaft nicht stoppen können, die Teilnahme am Welthandel erschwert und zu viel landwirtschaftliches Kapital gebunden. Ich denke, dass der Ausstieg aus der Milchquote neue Chancen schafft für die vielen Betriebe, die den ländlichen Raum prägen."

De Vries, bei einer Bundestagsdebatte zur Milchquote am Freitag Berichterstatter für die CDU, will die Kollegen nicht allein lassen: "Wir sollten aber sehr genau beobachten, was nach dem Ausstieg passiert und bei neu entstehenden Situationen die Möglichkeiten des Sicherheitsnetzes aktivieren."

Mit Richard Reiß und Bernhard Wagner hoffen 50 Mitarbeiter, dass sie in ihrer "Milch-Festung" bei Wittenberg weiter ihr Auskommen haben. Ein besseres als bisher vielleicht. Die untere Grenze für den Melker-Verdienst liege bei 1500 Euro Brutto im Monat, sagt Genossenschafts-Chef Reiß auf Nachfrage: "Ich würde den Leuten aber die 1500 Netto gönnen, die sie eigentlich heute zum Leben bräuchten."

 

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