Über das Museum

Das Turmuhrenmuseum Seehausen ist das einzige seiner Art in Norddeutschland. Initiator war Uhrmachermeister Günther Haut. Er betreibt das Museum seit 2004 in einem Verein mit 23 Mitgliedern. Die ausgestellten mechanischen Uhrwerke stammen teils aus Hauts Privatsammlung, teils wurden sie dem Museum gespendet. Die Mitglieder haben sie alle aufbereitet. Die Uhrwerke tickten einst in Türmen in ganz Deutschland.

Geöffnet ist sonnabends von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr sowie sonntags von 14 bis 16 Uhr. Kontakt: (039386)51006.


Zeitumstellung

Jeden letzten Sonntag im März werden in der Europäischen Union die Uhren auf Sommerzeit gestellt - also eine Stunde vor. Die Winterzeit beginnt jeden letzten Sonntag im Oktober.

Erstmals vorgeschlagen wurde die Zeitumstellung schon 1907 vom Engländer William Willett. Eingeführt hat man sie zum ersten Mal 1916 - zunächst im Deutschen Reich, in Österreich-Ungarn, Großbritannien und Irland.

1977 führten die meisten Länder der damaligen Europäischen Gemeinschaft die Sommerzeit ein. Grund: Nach der Ölkrise 1973 sollte durch eine bessere Nutzung des Tageslichtes Energie gespart werden.

In Deutschland erlebte man eine Zeitumstellung erstmals 1916. In den Jahren von 1919 bis 1939 und von 1950 bis 1979 hatten wir hierzulande keine Sommerzeit. Dazwischen gab es unregelmäßige Wechsel.

Die heutige Regelung gilt seit 1996.

Seehausen l "Tick, tack, tick, tack" - für Menschen mit dünnem Nervenkostüm ist dieses Museum eine Herausforderung. Die ehemalige Brauereihalle steht voll von Holz- und Eisengestellen, auf denen Uhrwerke ein Dauerkonzert geben. Die einen sind eher Tenöre, die nächsten Bässe; manche ticken forte, andere piano - an sich eine stimmige Mischung. Würde ihnen doch nur mal ein synchroner Einsatz gelingen.

In den Ohren von Günther Haut klingt dieses Konzert trotzdem harmonisch. "Eine Uhr, die nicht tickt, ist für mich eben keine richtige Uhr", erklärt der Altmärker. 85 solcher alten, mechanischen Uhrwerke stellt sein Verein im Turmuhrenmuseum Seehausen aus. Sie stammen vor allem aus Kirchtürmen, in denen das Uhrwerk gegen einen Elektromotor getauscht wurde. Ziffernblatt und Zeiger sind dabei immer im Turm geblieben.

Im Winter werden die Uhren elf Stunden vorgestellt


Die Sammlung beschert Günther Haut heute einen ausgebuchten Sonnabend. Damit die Uhren auch am Sonntag noch richtig ticken, müssen der 65-Jährige und seinen Mitstreiter sie eine Stunde vorstellen - und das ist deutlich mühsamer als bei einer Armbanduhr.

In der Regel funktioniert es so: Man nehme einen Schraubendreher, löse die Schraube an einem Rad und trenne so das Räder- vom Zeigerwerk. Dann drehe man so lange am Rad, bis der große Zeiger auf dem kleinen Kontrollziffernblatt eine Runde rum ist. Schraube wieder drauf, fertig. Umgestellt wird rund die Hälfte der 85 Zeitmesser. Dabei hat der Uhrmachermeister vier Helfer. "Trotzdem brauchen wir einen ganzen Tag", sagt er.

Wenn die Winterzeit ansteht, ist das Prozedere noch aufwendiger: Dann müssen die Uhren elf Stunden vorgestellt werden. Der Fachmann erklärt, warum: "Mechanische Uhren darf man nicht zurückstellen, das kann ihnen schaden."

Und als wäre das nicht zeitraubend genug, muss man bei Exemplaren mit Schlagwerk auch noch bei jeder der elf Stunden kurz warten, bis die Glocke erklungen ist - eigentlich. Denn diesen Aufwand umgeht der Seehäuser mit einem Trick: "Solche Uhren halten wir einfach eine Stunde an." Ein pfiffiges Kerlchen, der Herr Haut.

Am Sonntag steht ein 190-Stufen-Lauf an


Dass etwa die Hälfte der Ausstellungsstücke nicht umgestellt wird, ist ihrem Alter geschuldet. Viele haben schon 300 bis 400 Jahre auf dem Buckel, ihre Eisenteile wurden einst noch im Feuer geschmiedet. Damit die Prachtexemplare laufen, müsste man sie jeden Tag aufziehen. "Aber wir wollen sie nicht ständig quälen", erzählt Haut. Nicht, dass sie das nicht überstehen würden. Es ist eher eine Herzenssache: "Ich habe Respekt vor ihrem Alter. Sie haben ihre Ruhe verdient."

Ob er die Uhren vor- oder zurückstellen muss, darüber denke der 65-Jährige schon lange nicht mehr nach, erklärt er. Auch, dass er mal eine Uhr vergessen hat oder gar das Umstellen gänzlich verschwitzt, sei ihm noch nicht vorgekommen.

Deshalb ist auch die Turmuhr in der Seehäuser St.-Petri-Kirche bei ihm in besten Händen. Sie gehört zu den wenigen Exemplaren mit mechanischem Uhrwerk, die in Deutschlands Kirchen noch im Einsatz sind. Im Westen begann der Austausch schon in den 70er Jahren, im Osten nach der Wende.

Um auch diese Uhr - ein in Magdeburg gefertigtes Stück aus den 50er Jahren - auf Sommerzeit umzustellen, muss Haut am Sonntag 190 Stufen hochkraxeln. Das sind nur rund 40 Stufen weniger als beim alljährlichen Uni-Hochhauslauf in Magdeburg. Das ist doch sicher mächtig anstrengend. "Naja, früher ging`s schneller", gibt der 65-Jährige zu. Ein paar kleine Päuschen müsse er schon machen.

Einst drehte Günther Haut auch immer pünktlich um 2 Uhr nachts am Zeiger. Heutzutage dreht er sich um diese Zeit noch mal im Bett um. Aber mal ehrlich: Bevor die Sonne aufgeht, läuft ohnehin keiner an der Kirche vorbei.

In Hauts Geschäft ticken noch mal 1000 Uhren


So viel Arbeit nur wegen der Sommerzeit. Da würde er doch sicher Luftsprünge machen, wenn man sie abschaffte. Doch Fehlanzeige: "Och, die Umstellerei belastet mich eigentlich nicht", sagt der Altmärker gelassen.

Die zwei Mitarbeiterinnen in seinem Uhrengeschäft dürften da ein deutlich größeres Interesse haben. Denn dort stehen und liegen noch einmal 1000 Zeitmesser herum. 600 müssen vorgestellt werden - der Rest wird zum Glück per Funksignal versorgt. Die Umstell-Arbeit im Laden überlässt Haut ganz den beiden Damen, vor einer Woche haben sie schon mal angefangen. Schön, wenn man Chef ist.