Schönhausen l Regenschauer prasseln auf das Deichvorland, der Wind bürstet das Gras bald in diese, bald in jene Richtung. Kahl stehen vereinzelte Weiden in der Landschaft. Neben glitzerndem Wasser, einem Altarm der Elbe, harrt ein Reiher aus. Dahinter steigt der Deich auf. Er ist niedriger als der neugebaute Abschnitt, der sich nach Norden anschließt. Weniger breit und noch ohne die wasserseitige Dichtung aus Ton oder Lehm, auf die Ingenieure heute setzen.

Es ist Bismarcks Deich

Etliche Male wurde er erhöht, aber im Kern ist dies das Bauwerk, das der junge Landedelmann Otto von Bismarck anlegen ließ. 1845 hatte die Elbe die Landschaft überflutet, das Wasser stand in Schönhausen bis zu den Stufen des Bismarck´schen Herrenhauses. Im Dezember 1846 wird der Gutsherr zum Deichhauptmann für das Ostufer der Elbe vereidigt. Energisch lässt er das marode Bauwerk auf Vordermann bringen - und vor allem überall auf gleiche Höhe.

Was damals niemand ahnt: Dieser Posten ist der Beginn eines kometenhaften Aufstiegs. Der Schutz der Fischbecker, Schönhäuser und Kamerner Bauern vor den Hochwassern der Elbe bietet Bismarck die Chance, sich in einem öffentlichen Amt zu beweisen.

Mit einer geharnischten Denkschrift hatte er in Magdeburg bei der königlich-preußischen Regierung den miserablen Zustand der Deiche angeprangert. "Das war ganz klar ein Bewerbungsschreiben", urteilt der Magdeburger Historiker Mathias Tullner. Aus Magdeburg, Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen, kommt diskrete Hilfe für Bismarck. Als dessen Kollegen Rittergutsbesitzer einen anderen zum Deichhauptmann wählen, wird der Streckenabschnitt der Elbe kurzerhand halbiert. Den nördlichen Teil, von Jerichow bis Sandau, bekommt Bismarck. Der hatte im Vorjahr nach einer gescheiterten Verwaltungslaufbahn eigentlich auf den Posten des Landrats im Kreis Jerichow II gehofft - war aber leer ausgegangen.

Ein Freund des Königs hilft

Tullner, ein Kenner der preußischen Politik des 19. Jahrhunderts, sieht hinter dem Karriere-Anschub am Deich eine einflussreiche konservative Kamarilla am Werk. Deren Kopf ist Ernst Ludwig von Gerlach, Chef des Magdeburger Oberlandes- und Appellationsgerichts. Ein Schulfreund des preußischen Königs, erzkonservativ, mit besten Kontakten in Staatsverwaltung, Kirche und Wissenschaft.

Dieser Zirkel ist es auch, der Bismarck ein Jahr später den Weg nach Berlin ebnet - auf höchst ungewöhnliche Weise. 1847 bestimmt die Ritterschaft in einer Nachwahl ihre Vertreter für den Landtag der Provinz, der in Merseburg tagt. Erneut geht Bismarck leer aus. "Üblicherweise wurde noch ein Stellvertreter gewählt, aber auch da klappte es nicht", sagt Tullner. Doch das ist nicht das Ende: Entgegen dem sonstigen Verfahren bestimmt der Landadel noch einen zweiten und einen dritten Vertreter - und im letzten Anlauf schafft es Bismarck. "Man hat so lange gewählt, bis das Ergebnis stimmte", urteilt Tullner, "das kann nur auf Druck der Magdeburger Regierung geschehen sein."

Schon ein Jahr später zahlt sich die Trickserei aus Sicht der Konservativen aus. 1848 gerät Preußen durch die Revolutionen in vielen deutschen Ländern in eine Staatskrise. Der König sieht sich gezwungen, die Landtage seiner Provinzen erstmals gemeinsam tagen zu lassen, in Berlin. Im Vereinigten Landtag geraten die Konservativen in die Defensive. "Sie waren zwar zahlenmäßig stark, aber auf Politik verstanden sie sich nicht, anders als die Liberalen", sagt Tullner.

Da besinnt man sich auf den konservativen Heißsporn aus der altmärkischen Provinz: Der reguläre Abgeordnete und seine zwei Stellvertreter verzichten auf ihr Mandat. Bismarck betritt die Berliner Bühne.

Doch egal, wo er in den folgenden Jahren wirkt: Der einstige Deichhauptmann bleibt einer, der Dämme baut. Dämme gegen die Liberalen und ihre Forderung nach Parlamentarismus. Gegen die Kritiker des preußischen Königshauses. Gegen alle, die er später als Reichsfeinde ausmacht: Sozialisten, Katholiken, Polen, Dänen. "Dieses Bild vom Dämmebauen hat Bismarck sein ganzes Leben lang verwendet", sagt Andrea Hopp, Leiterin der Otto-von-Bismarck-Stiftung Schönhausen. "Er betrachtete die Kräfte der Moderne als Gefahr, die den Staat zum Einsturz bringen konnten."

Gegen echte und vermeintliche Feinde geht Bismarck mit rabiaten Mitteln vor. Doch anders als andere Konservative ist er in der Wahl seiner Mittel flexibel. "Er versuchte, das Hergebrachte auch durch Wandel zu sichern, weil er verstand, dass es mit Unterdrückung allein nicht geht", sagt Hopp. Seine epochalen Sozialgesetze etwa sind der Versuch, die wachsende Arbeiterschaft mit dem Staat zu versöhnen.

Auch wenn Bismarck den Rest seines Lebens anderswo verbringt: Seiner Heimat bleibt er stets verbunden. Bis heute wärmt man sich in der Altmark an Bismarcks Diktum, von diesem Landstrich sei die Kraft ausgegangen, die erst Brandenburg und Preußen, dann das Deutsche Reich entstehen ließ.

"Er ist in der altpreußischen Adelswelt tief verwurzelt", sagt die Historikerin Hopp, die an einer Neuausgabe von Bismarcks Werken mitarbeitet. Im 14. Jahrhundert hatten die Bismarcks erstmals ein Lehen erhalten. "Aus dieser langen Tradition heraus versteht sich Bismarck als loyaler Diener des Landesherrn."

200 Jahre nach Bismarcks Geburt rollen derzeit in Schönhausen Busladungen mit Bismarck-Interessierten vor, um den altmärkischen Wurzeln des Staatsmanns nachzuspüren. In der Dorfkirche bestaunen sie die hölzerne, wappengeschmückte Familienloge und jahrhundertealte Särge. Vom Schloss, in dem der Reichsgründer geboren wurde, steht noch ein Seitenflügel - der Rest war 1958 auf Geheiß der SED gesprengt worden. Das Museum zeigt vor allem Devotionalien des Bismarck-Kultes. Die Stiftung sieht sich dennoch einem nüchternen Blick auf den Reichskanzler verpflichtet. "Wir wollen ihn in seine Zeit einordnen, jenseits aller Glorifizierung, Dämonisierung und auch Trivialisierung", sagt Museums-Chefin Hopp.

Bis heute ist an Bismarck nichts unumstritten. Nicht einmal sein Gesellenstück, der Elbdeich. Seit dem Hochwasser von 2013 wird in den Dörfern am Fluss diskutiert: Hat ein Planungsfehler von Bismarck den Deich bei Fischbeck brechen lassen? Oder haben spätere Planer ein geniales Bauwerk durch einen Knick verpfuscht?

Reinhard Kürschner, beim Hochwasserschutz als Leiter des Flussbereichs Genthin quasi der Deichhauptmann von heute, will sich lieber nicht festlegen. Eines ist sicher: Der Bismarck´sche Deich hat nach der Katastrophe von 2013 ausgedient. Die gesamte Strecke wird nach neuesten DIN-Normen ausgebaut, geophysikalisch abgesichert. Das bringt Ärger mit Naturschützern, ahnt Kürschner - Probleme, die Bismarck nicht hatte.

"Um die Menschen zu schützen, konnte der damals planen, wie er wollte", sagt der Deich-Experte mit einem Hauch von Neid. "Manchmal wünsche ich mir schon ein bisschen, ich wäre an Bismarcks Stelle."