Sachsen-Anhalt hat es auf die Seite 1 der bedeutenden überregionalen Zeitungen in Deutschland gebracht. Im vergangenen Jahr waren 150 Asylbewerber- oder Flüchtlingsheime in ganz Deutschland - West wie Ost - Ziel von Übergriffen fremdenfeindlicher Art. Aber Tröglitz in Sachsen-Anhalt bekommt die ganz große Schlagzeile. Katapultieren nur die Vorurteile westlicher Medien ausländerfeindliche Aktionen östlich des ehemaligen Schutzwalls ganz nach oben?

Die Neigung, diese Frage zu bejahen, ist in Sachsen-Anhalt groß und führt in die Irre. Denn Tröglitz ist nicht überall. Tröglitz liegt aus der Perspektive auswärtiger Beobachter in Deutschland, Europa und der Welt in einer Region, in der am vergangenen Wochenende in einer Stadt wie Dresden noch über 7000 Menschen hinter einem Kriminellen herlaufen, dessen Attraktivität für die Massen sich aus unterschwelliger Fremdenfeindlichkeit, autoritärem Gehabe und der Verweigerung eines seriösen Diskurses speist. Tröglitz liegt in einer Region, wo Mitglieder von Bürgerinitiativen gegen Flüchtlingsheime wie in Eilenburg aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Tröglitz liegt von außen betrachtet in einer Region, in der sich in einer Stadt wie Magdeburg mehr als 1000 Menschen ganz offen hinter offen rechtsextremen Wortführern versammeln.

Wo Bürger ganz offen auf Facebook Verleumdungskampagnen gegen Flüchtlinge starten, die sich Kindern genähert haben sollen. Eine Region, wo bei Zeitungen viel mehr Leserbriefe mit Klarnamen eingehen, die offen ausländerfeindlich sind, als in Regionen, wo es nennenswerte Zahlen von Ausländern gibt. Umfragen zeigen, dass Ausländerfeindlichkeit keine exklusive Haltung des ehemaligen DDR-Bürgers ist. Sie ist leider in ganz Deutschland verbreitet.

Aber Tröglitz scheint in einer Region zu liegen, wo sich die Bürger ihrer Ressentiments gegen Ausländer offensichtlich weniger schämen müssen als woanders, wo sich zumindest im Bürgertum ein Tabu entwickelt hat, das durchaus segensreich wirkt. Wer im Osten Ausländerfeindlichkeit offenbart, muss weniger fürchten, ausgegrenzt zu werden. Der Auswärtige stellt dies in vielen Gesprächssituationen - sei es beim Friseur oder Politiker - verblüfft fest. Schulen werden als "rein deutsch" gepriesen, Fußballmannschaften sind "durchrasst". Augenzwinkernd wird eine Komplizenschaft vorausgesetzt: "Wir Ossis sind jetzt mal nicht so politisch korrekt".

Das ist in vielfacher Hinsicht ein Problem des Ostens. Der tabulose Umgang des ansonsten tadellosen Bürgers mit der eigenen Beschränktheit und Xenophobie ermuntert nämlich auch diejenigen, die keinen Tadel fürchten. Möglicherweise war es auch in Tröglitz so. Das fehlende Tabu birgt die Gefahr, dass jede Bürgerversammlung zum Thema Flüchtlingsheime zu einer ausländerfeindlichen Veranstaltung wird. Das lockt den Nazi-Abschaum aus ganz Deutschland an. Es ist kein Zufall, dass Neonazis immer wieder ostdeutsche Städte zu ihrer Bühne machen.

Noch schlimmer: Jede offen zur Schau gestellte Ausländerfeindlichkeit trifft bei Auswärtigen - ausländische Fachkräfte, Unternehmer, Studenten, Touristen - auf einen Resonanzboden, der sich in den 90er Jahren gebildet hat. Nicht die Anschläge waren es, die damals schockiert haben, sondern der offene Beifall. Vielleicht hätte die farbige Praktikantin der "Volksstimme" nach ausländerfeindlichen Unverschämtheiten in Braunschweig nicht gleich die Flucht ergriffen.

Aber Magdeburg liegt in einer Region, die eine Vorgeschichte hat, die jetzt fortgeschrieben wird. Die Tatsache, dass Tröglitz in einer Region liegt, die in den vergangenen Jahren nicht nur wirtschaftlich aufgeholt hat, sondern in der sich auch eine wachsame, demokratische Öffentlichkeit organisiert hat, schafft es leider nicht so schnell auf die Seite 1. Dass auch die Bürger in Tröglitz schnell ein Willkommens-Netz geknüpft haben, kommt hoffentlich in den kommenden Wochen zum Tragen. Dass offene Ausländerfeindlichkeit zum Tabu wird, ist eine Aufgabe von uns allen, die länger auf der Agenda bleibt.