Bitterfeld/Magdeburg l Als Heidrun Heidecke noch politischen Einfluss hatte, als Ministerin und stellvertretende Regierungschefin in Magdeburg - da war die Natur stets um sie. Große Fotos von Libellen hingen in ihrem Büro. Oft hatte sie Stunden im Gebüsch gesteckt, um die zarten, flirrenden Tiere mit dem Teleobjektiv abzulichten. Diese Leidenschaft begleitete sie bis zum letzten Tag. Am vergangenen Freitag noch war Heidecke nahe ihrem Wohnort Bitterfeld an der Goitzsche unterwegs, um Fotofallen zu kontrollieren. Wenige Stunden später konnte ihr Sohn Falko sie nicht mehr erreichen.

Heidrun Heidecke, einziges grünes Regierungsmitglied in der Geschichte des Landes, ist tot. Sie starb am Freitag mit nur 60 Jahren.

Die Politikerin war eine Grüne aus ganzem Herzen. "So grün, wie viele andere es nicht mehr sind", sagt Cornelia Lüddemann, Landesvorsitzende der Öko-Partei. Aus der jetzigen Führungsriege ist sie die Einzige, die Heidecke noch als Politikerin erlebt hat. Beide waren damals Beisitzerinnen im Landesvorstand. Heidecke, seit 1994 Ministerin, musste in ihrer Partei immer wieder kämpfen. Erklären, wie praktische Politik funktioniert. Was eine Landesregierung ändern kann und was nicht. "Dabei hatte sie einen erstaunlichen Weitblick", sagt Lüddemann.

Heidecke war es, die darauf drängte, der Windkraft feste Gebiete zuzuweisen. Eine Analyse sollte ertragreiche Gebiete festsetzen. Heute drehen sich überall im Land die Rotoren und erzeugen sauberen Strom.

Machtlos gegen Merkel

Bei anderen Themen musste die Ministerin erkennen, dass ihr die Hände gebunden sind. Beim Atommüll-Endlager Morsleben etwa. Als Oppositionspolitikerin hatte sie sich noch eine Anzeige eingefangen, weil sie unerlaubt über den Zaun der Anlage geklettert war. Als Ministerin konnte sie nicht verhindern, dass die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel weitere Müll-Einlagerungen durchsetzte. Bei den Grünen wuchs das Misstrauen. "Die Basis hat mitunter an meinem aufrechten Gang gezweifelt", bekannte Heidecke damals - eine schmerzhafte Erfahrung.

Der Druck war enorm. Im Kabinett war sie die einzige Grüne, alle Erwartung richtete sich auf sie. In ihrem Ministerium war sie eine Exotin. Sie scheute sich nicht, einen einfachen Referenten persönlich anzurufen. "Ich will doch nicht, dass ein ganzes Haus Vermerke rumreicht, nur weil Frau Ministerin wissen will, wie viele Kühe auf der Weide herumstehen", erklärte sie spöttisch.

Heidecke war nimmermüde, eine Frühaufsteherin und rastlose Arbeiterin. Das schwarze Kostüm, das sie bei ihrer Vereidigung trug, kaufte sie erst wenige Minuten vor dem Amtseid.

Nach dem Tod von Reinhard Höppner vor weniger als einem Jahr folgt nun seine Stellvertreterin. Heidecke habe sich um Sachsen-Anhalt verdient gemacht, sagt Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Sonntag der Mitteldeutschen Zeitung. BUND-Chef Hubert Weiger rühmt Heidecke als "eine der engagiertesten Natur- und Umweltschützerinnen unserer Zeit".

Eine Mitstreiterin aus Magdeburger Tagen ist Steffi Lemke, die Bundestagsabgeordnete. Sie twittert: "Eine Kämpfernatur ist gegangen."