Über Magdeburgs Glücksforscher

Jan Delhey (45), geboren in Südbaden, ist ein renommierter Glücksforscher. Er saß sogar in einer Expertenkommission des Kanzleramts zum Thema Lebensqualität.

Zuletzt arbeitete er an der Jacobs University Bremen.

Studiert hat Delhey Soziologie in Bamberg und den Niederlanden. Danach ging er nach Berlin (Freie Universität, Wissenschaftszentrum für Sozialforschung).

In diesem Jahr wurde er an das Institut für Soziologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg berufen. Er wird zu Themen wie Lebensqualität, soziale Ungleichheit und Europäische Integration lehren und forschen.

Jan Delheys Formel zum Glück - das könnte glatt als Titel für eine Telenovela durchgehen. Tatsächlich handelt es sich aber um eine Erkenntnis des Glücksforschers, den die Magdeburger Universität jetzt beschäftigt. Im Interview mit Volksstimme-Reporterin Elisa Sowieja verriet Delhey, wie man sein Rezept anwendet.

Volksstimme: Herr Professor Delhey, Sie haben eine Glücksformel gefunden. Dann müssten Sie doch jetzt ständig ein Grinsen im Gesicht haben.
Jan Delhey:
Nein, das habe ich zum Glück nicht. Bei meiner Forschung interessiert mich weniger das momentane Glück, sondern eher das längerfristige Gefühl, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Und das muss sich nicht notwendigerweise in einem Grinsen äußern.

Worin äußert es sich dann?
Sozialforscher nähern sich dem langfristigen Glück meist durch Umfragen. Dabei stufen sich die Teilnehmer auf einer Skala ein, wie glücklich sie sind. Mit diesem Material arbeiten wir.

"Ab einem Alter von etwa 35 Jahren geht es mit der Lebenszufriedenheit nach unten."

Aus Ihrem Material haben Sie abgeleitet, dass man zum Glücklichsein Dreierlei braucht ...
Genau. Meine Formel ist eine Kondensation der Vielzahl von Studien zu diesem Thema. Sie besagt, dass die Lebenszufriedenheit eine Kombination ist aus Lieben, Sein und Haben. Mit dem Lieben sind soziale Beziehungen gemeint, besonders die zum Partner, zu Familie und Freunden. Das Sein bezieht sich auf das, was wir mit unserem Leben anfangen - zum Beispiel, ob es etwas gibt, wofür wir "brennen". Haben bedeutet, das Glück ist nicht völlig unabhängig von Einkommen und Lebensstandard.

Heißt das, der Buddhismus liegt falsch? Dort braucht man zum Glück nur das Lieben und das Sein.
So gesehen blendet der Buddhismus einen wichtigen Pfeiler des Glücks aus. Wobei er insofern recht hat, dass bei Menschen auf dem gleichen Einkommensniveau diejenigen glücklicher sind, die geringere materielle Ansprüche haben. Im Übrigen spielt aber gerade in den Gesellschaften, die dem Buddhismus zuzuordnen sind, heutzutage das Haben eine große Rolle.

Zurück zu allen drei Säulen: Wie sind sie gewichtet?
Man kann zwischen den Bereichen in Grenzen hin- und herjonglieren. Wenn es einem also materiell nicht gut geht, lässt sich das zum Beispiel durch eine gute Partnerschaft etwas ausgleichen. Allerdings muss man von allen Dreien etwas haben. Wo jeweils das Minimum liegt, ist schwierig anzugeben und variiert von Gesellschaft zu Gesellschaft. Man sieht aber ein Muster: In den reichen, westlichen Ländern spielt das Haben eine geringere Rolle als in den aufstrebenden oder den ärmsten Nationen.

Aber auch innerhalb einer Gesellschaft gibt es doch Unterschiede. Geld ist schließlich nicht jedem Deutschen gleich wichtig.
Bisher haben wir über Daumenregeln für ganze Gesellschaften geredet. Das kann man natürlich noch feiner differenzieren, und Sie haben recht: Irgendwann kommen persönliche Lebensziele ins Spiel. Es gibt Leute, denen geben materielle Dinge wenig - Aussteigern etwa. Ihr Anteil ist bei uns allerdings recht gering.

Können Sie sagen, ob die deutsche Single-Frau, die im Penthouse lebt, zufriedener ist als die vierköpfige Familie in der Plattenbauwohnung?
Um das zu beurteilen, bräuchte man noch mehr Informationen. Grundsätzlich kommt es aber auch aufs Alter an. Wenn die Single-Frau sehr jung ist und Partnerschaft in ihrer Altersgruppe noch nicht die Norm, wird sie sicher eine sehr hohe Lebenszufriedenheit haben. Ist sie schon etwas älter und befürchtet, sie bekommt keinen Mann mehr ab, könnte es sein, dass das auf ihre Lebenszufriedenheit drückt - auch wenn sie sonst viele Ressourcen hat und ihr Leben frei gestalten kann.

Ihre Kollegen haben ein Geld-Glückslimit von 65.000 Euro errechnet. Was halten Sie davon?
Ich bin vorsichtig mit der Angabe eines Limits, denn es verschiebt sich ständig nach oben. Aber den Grundgedanken teile ich: Man muss nicht superreich sein, um sehr glücklich zu sein. Ausreichend ist ein Einkommen leicht über dem Durchschnitt. In den westlichen Ländern tut sich von der mittleren zur oberen Einkommensschicht glücksmäßig nicht mehr viel, es ist also kaum ein Zufriedenheitssprung erkennbar.

Sie sprachen bereits das Alter an. Ist man in manchen Lebensphasen glücklicher als in anderen?
Das gibt es tatsächlich, und zwar in Form einer U-Kurve. Dabei startet man relativ zufrieden. Ab einem Alter von zirka 30 Jahren geht es etwas bergab, bis zum Tiefpunkt, der in den westlichen Gesellschaften zwischen 45 und 50 Jahren liegt. Danach steigt die Kurve wieder an, um erst im ganz hohen Alter erneut abzusinken.

Die Midlife Crisis gibt es demnach wirklich. Wie ist das zu erklären?
Eine Erklärung ist die Rush Hour des Lebens: Wenn man um die 45 Jahre alt ist, hat man familiär und beruflich viele Verpflichtungen. Diese Zeit ist also sehr stressig. Zudem ist es eine Zeit, in der man sich von Lebensträumen verabschieden muss. Wenn man beruflich noch nicht gezündet hat, kann man sich ab einem gewissen Alter nicht mehr sagen, das wird noch. Ähnlich ist es mit dem Kinderwunsch.

Und ab 50 hat man sich mit seiner Situation abgefunden?
Ja. Außerdem hat man im Alter immer weniger materielle Wünsche. In der Lebensmitte hingegen schaut man noch stark auf Status. Die jungen Erwachsenen sind wiederum auf Freunde und auf Aussehen fixiert.

Welchen Einfluss haben denn die Gene auf die Zufriedenheit?
Ein gewisses Talent zum Glück hängt auch mit der Persönlichkeit zusammen, die wir bekanntlich zum Teil genetisch mitbekommen. In Bezug auf die Persönlichkeit bestätigen Forschungen immer wieder, dass extrovertierte Typen ein höheres Glücksniveau haben als die neurotischen.

Sie haben definiert, was glücklich macht. Was löst im Gegensatz dazu Unglück aus?
Am stärksten ist es die Einsamkeit, gefolgt von Armut.

Wie sieht es mit Krankheiten aus?
Sie haben auch einen Einfluss. Allerdings können wir vieles bis zu einem gewissen Grad abfedern. Positive Lebensereignisse lassen unsere Zufriedenheit nur kurzfristig ansteigen; wir haben nicht über Jahre einen Honeymoon-Effekt, wenn wir heiraten. Genauso verhält es sich oft mit Negativem. Der Mensch hat die Fähigkeit, Schicksalsschläge zu verarbeiten. Ausnahmen sind schwere Beeinträchtigungen, die bleiben, und gerade bei älteren Leuten der Tod eines Partners.

"Regelmäßige Spaziergänge können zum Glücklichsein beitragen."

Die Magdeburger Universität hat mit Ihnen neuerdings einen Glücksexperten. Helfen Sie jetzt den Sachsen-Anhaltern, glücklicher zu werden?
Das müssen sie auch selbst schaffen. Glücklichwerden hat immer zwei Komponenten. Die eine sind die Lebensbedingungen, auf die man wenig Einfluss hat - etwa die Arbeitslosenquote und die Wirtschaftskraft einer Region. Die andere Komponente ist das, was jeder tun kann, um zufrieden zu sein.

Was konkret kann jeder tun?
Bei der Säule des Habens ist man stark auf Gelegenheiten angewiesen. Besser bestimmen lässt sich, was wir in den Bereichen Lieben und Sein tun. So zahlt es sich immer aus, wenn man Freundschaften oder die Partnerschaft pflegt. Außerdem sollte man sich fragen: Was fange ich eigentlich an mit meinem Leben? Mache ich etwas für mich und meinen Körper? Regelmäßige Spaziergänge etwa können zum Glücklichsein beitragen. Oder man sucht sich ein Hobby - ob Briefmarken sammeln oder Gitarre spielen. Denn ein Grundergebnis der Glücksforschung lautet: Wenn man etwas gut kann, hilft das immer dem Wohlbefinden.

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