Das Tanzleben der Sachsen-Anhalter
1. Tanzvereine:
27 Vereine mit zirka 2000 Mitgliedern gehören dem Landestanzsportverband Sachsen-Anhalt an. Sie haben jeweils zwischen zehn und 250 Mitglieder. Fünf Vereine kamen allein 2014 dazu. Tendenz steigend.

Cha-Cha-Cha und Discofox sind die Dauerbrenner bei den Gesellschaftstänzen.

Neben Vereinen des klassischen Gesellschaftstanzes gehören Spartenvereine dazu, die zum Beispiel Jazz- Modern Dance oder auch Rock ´n´ Roll anbieten.

Der Tanztag Sachsen-Anhalts ist einer der Höhepunkte für die Tänzer im Land. Der Workshoptag findet in diesem Jahr zum dritten Mal am 7. November in Halle statt. Hier können Neugierige Tänze kennenlernen, ohne gleich einen Kurs buchen zu müssen. 2014 wurde West Coast Swing gezeigt.

2. Tanzschulen:
Neun Tanzschulen im Land gehören dem Allgemeinen Verband deutscher Tanzlehrer an. Etwa 80 Prozent der Kursteilnehmer sind Erwachsene, 20 Prozent Kinder.

Während junge Menschen häufig vor aktuellen Anlässen einen klassischen Tanzkurs belegen, ist es bei Erwachsenen ein beliebtes Hobby, bei dem sie neue Freundschaften schließen.

Das Angebot der Tanzschulen richtet sich meist nach aktuellen Trends. So ist Zumba (Kombination Fitness mit Tänzen) derzeit in vielen Tanzschulen sehr gefragt. Aber auch Salsa und Tango Argentino finden viele Interessenten.

(Quellen: Landestanzsportverband Sachsen-Anhalt; Allgemeiner Deutscher Tanzlehrerverband)

Paartanz gehörte früher zum guten Ton, heute ist er eher "alte Schule". Tanz-Flatrates, kreisende Promis im Fernsehen oder aktuelle Fitnesstrends locken aber auch junges Publikum wieder auf die Tanzflächen im Land. Ein Selbstversuch anlässlich des Welttanztages am 29. April beim Magdeburger Tanzklub Blau-Silber.

Magdeburg l Unsicher stehe ich am Rand des Parketts im eher schmucklos wirkenden weißen Saal des Tanzklubs Blau-Silber Magdeburg. Kaum hörbar gleiten Elisabeth Döringer und Partner Volker Henniges schon in der Aufwärmrunde an mir vorüber. Ihr lilafarbener Rock kommt ihr dabei nicht in die Quere, sondern umschmeichelt die vom Tanzen wohlgeformten Beine. Hatte Tanzlehrer Nils Ciechowski nicht von Anfängern gesprochen? Ich schaue an mir herunter. Für mein Debüt sind die Turnschuhe heute wohl die falsche Wahl.

Schmerzende Handgelenke, eingerostete Hüfte
Schon stehe ich vorm großen Wandspiegel und versuche, leicht peinlich berührt, die gleitenden Armbewegungen meiner Nachbarin Annette Bode nachzuahmen. Meine Hüfte sei dermaßen eingerostet, sagt Nils und scherzt über Schmerzen in den Handgelenken, während er versucht, meinen Schwung zu nutzen und auf die Spur einer imaginären Acht zu bringen. Für den Anfang sei ich schon ganz gut gewesen, beruhigt mich Magdeburgerin Annette. Ein kleines Lob kann ich jetzt gut gebrauchen. Gegenseitige Kritik gehört bei den Teilnehmern zwischen den Übungseinheiten dazu.


Etwa drei Minuten dauert eine Tanzrunde. Mit seiner witzigen Art und den lockeren Sprüchen könnte Trainer Nils Ciechowski auch als Komiker auftreten. Professionell zeigt er den Teilnehmern, was schrittmäßig bei ihnen noch nicht rund läuft - lässt dabei aber immer einen Tick Selbstironie mitschwingen. "Wenn wir nur eine ganz kleine Linksdrehung machen, kommen wir nicht vom Fleck", sagt der 33-Jährige und ahmt eben Gesagtes mit einem Mini-Schritt nach.

Inzwischen ist auch das jüngste Tanzpaar des Workshops vollständig. Mai Nguyen hatte zu Anfang, wie ich, schüchtern am Rand gewartet. Nun ist Freundin Laura Bethge eingetroffen. Man hört die Schritte der zierlichen 17-Jährigen kaum auf dem Boden. Sie haben sich für Ballerinas an den Füßen entschieden. Nach vier Wochen sehen die beiden schon recht harmonisch miteinander aus. "Es ist einfach mal was anderes im Gegensatz zu Hip-Hop", nennt Laura einen der Gründe für den Standardtanzworkshop. Beim Klub haben die Mädels eine Tanz-Flatrate gebucht und können entscheiden, wann und wie oft sie das Tanzangebot nutzen. "Jetzt lernen wir seit vier Wochen Standard- und Lateintänze. Das schult auch super die Koordination", fügt Mai hinzu.

Wie ihre Freunde das wohl finden, frage ich mich. Zu meiner Schulzeit haben die Abiturienten kurz vorm Abschlussball noch schnell ein paar Grundschritte gelernt, um wenigstens mit den Eltern eine Runde Walzer hinzubekommen. "Aber in die Disco gehen wir natürlich trotzdem", sagt Laura Bethge. Wie Stubenhocker sehen die beiden auch nicht aus, eher trendbewusst.

Für junge Menschen ist neben dem Flatrate-Angebot auch die Ausstrahlung des "Let`s dance"-Formats im Fernsehen immer wieder ein Grund, sich zu einem Workshop anzumelden. In der TV-Sendung tanzen Prominente mit professionellen Tänzern um den ersten Platz. Dass besonders viele Anfänger kommen, wenn eine neue Staffel "Let`s dance" läuft", kann auch Tanztrainer Nils Ciechowski bestätigen. "Die Leute schauen sich das an und denken `Toll, das möchte ich auch können` und melden sich bei uns." Tendenziell ist im Sommer weniger los, dafür drehen sich im Winter mehr Paare auf der Tanzfläche in den Übungsstätten.

Mein Anfängerauftritt ist noch nicht vorbei. Gut gelaunt gibt der ehemalige Turniertänzer Nils geduldig weitere Anweisungen. Es geht mit einer Rumba weiter. Ein kubanischer Paartanz, der in den 1930er Jahren unter anderem ein Renner in New York war.

"Und den `New Yorker` machen wir jetzt", sagt der 33-Jährige. Ich habe keine Sorge, dass mein erfahrener Partner mich Holzbock schon in die passende Richtung schieben wird. "Das Bein richtig durchdrücken, die Oberschenkel mehr zusammen", sagt Nils. In der Strickjacke wird es mir langsam zu warm, aber jetzt erstmal konzentrieren. Welche Musik im Hintergrund läuft, nehme ich schon gar nicht mehr wahr. Als er mich nur noch mit einer Hand führt, wie es bei diesem eigentlich erotisch anmutenden Tanz üblich ist, bringt mich das gleich wieder aus dem Konzept. Mit prüfendem Blick entdeckt er meine Fußfehlstellung und beginnt geduldig von Neuem. Erotisch kann das von mir fabrizierte Taumeln beim besten Willen nicht aussehen.

Wer beim Tanzen führt, wird nicht diskutiert
Um mich herum schweben beschwingt die Paare des Tanzklubs Blau-Silber vorbei. Es scheint, als wären die jeweiligen Partner ganz unter sich, versunken in ihrer eigenen Aufführung. Ganz ohne auf die Schrittfolge zu achten rempeln sie sich nicht an und treten sich gegenseitig nicht auf die Füße. In der Pause versuche ich herauszufinden, was die Klubmitglieder dazu bewegt, sich jede Woche aufs Parkett zu wagen. Elisabeth Döringer ist mit 67 die Älteste im Tanzklub.


Seit fünf Jahren tanzt sie regelmäßig. Es gebe ihr ein positives, rundum glückliches Gefühl und beuge vor allem der Altersdemenz vor. "Bevor ich zum Klub kam, konnte ich mich nicht mal drehen", erinnert sie sich. Tanzpartner Volker Henniges ist gut zwei Köpfe größer als Elisabeth, ist muskulös und hat ein breites Kreuz. Wer beim Tanzen führt, ist für den 47-jährigen Magdeburger keine Frage - nämlich er. "Darüber wird nicht diskutiert", scherzt er. Elisabeth lächelt ihm zu und nickt. Ein bisschen "alte Schule" gehört beim Lernen von Standardtänzen bis heute einfach dazu.

Aleksandra Schmeier und Ronald Hedwig geben mir den Tipp: Einfach anfangen, der Rest ergibt sich von selbst. Die Philosophie, die auch Tanztrainer Nils vertritt. Das Standard- und Lateintanzangebot ist ihre zweite allwöchentliche Verabredung. Kennengelernt haben sie sich über den Salsa-Workshop. Wie viel Geduld muss ein Übungsleiter haben, wenn Menschen einem Profi aus "Let`s dance" nacheifern wollen? "Es gab hier schon Leute, die haben erstmal alles falsch gemacht", erinnert sich der 33-Jährige. Nach ein paar Monaten Training kommen aber auch diese mit einem ganz anderen Auftreten in den Klub.

Mit neun begann Nils Ciechowski zu tanzen. Insgesamt 15 Jahre tanzte er Turniere. Seit vier Jahren zeigt er auch Anfängern wie mir und den Paaren des Klubs Schrittfolgen der Standard- und Lateintänze. 230 Mitglieder zählt der Verein Blau-Silber Magdeburg aktuell. Dass der 33-Jährige einmal als Trainer hier landen würde, hätte er nicht gedacht.

Beim Abschied habe ich nicht das Gefühl, als Tanztrottel zu gelten. Irgendwann hat jeder in der Truppe schließlich mal angefangen. "Wir machen noch mal einen Cha-Cha-Cha oder seid ihr schon kalt?", höre ich Übungsleiter Nils Ciechowski noch beim Verlassen der Tanzfläche fragen.

   

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