Magdeburg (os) l Der Wind treibt den Nieselregen über die leeren Bahnsteige des Magdeburger Hauptbahnhofes. Kaum ein Mensch weit und breit. Unten in der Halle steht "Zug fällt aus!" am Ende fast jeder Spalte auf der Anzeigetafel. Oben auf der Bank sitzt einsam Ulrich Cremer. Rentner aus Bad Saarow in Brandenburg. Nieseltröpfchen auf der Brille. Ein schickes Tourenrad lehnt neben ihm. So sitzt er schon drei Stunden.

Kein Schienenersatzverkehr? "Geht nicht. Die Busse nehmen mein Rad nicht mit", sagt er. Immerhin: Er lächelt. "Da gibt mir meine Frau schon mal zehn Tage Urlaub, und dann sitze ich hier fest." Losgefahren am Morgen in Brandenburg mit Ziel Rothenburg ob der Tauber in Bayern. Gestrandet in Magdeburg. Auf Fahrradtour will er gehen. Altmühltal, Donau, Regensburg. 1000 Kilometer mit dem Rad und ohne Frau. Warum fährt er jetzt nicht einfach den Elberadweg? "Kenne ich schon."

Richtung Süden muss er. Vielleicht fährt am Nachmittag noch was nach Halle? Oder sofort? Ein Zug fährt ein. Plötzlich steht "Halle" oben an der Anzeigetafel. Zwei Männer stürzen die Treppe hinauf zum Bahnsteig. "Fährt der jetzt nach Halle?", fragen sie hechelnd eine Schaffnerin. "Nee", sagt sie. "Der soll jetzt in die Absteige."

Komfortables Arbeiten im Bus

Oder doch nicht? Anzeigetafel? Halle? Frau Schaffnerin ist verwirrt. Sie fragt vorn den Lokführer. "Fährst du nach Halle?" "Ich? Nee." Sie zeigt auf die Anzeigetafel. Halle! Der Lokführer telefoniert. "Nee. Der Zug geht in die Absteige, und ich mache Feierabend." Rentner Cremers Brille ist jetzt noch ein bisschen mehr zugenieselt. "Wo bitte geht es nach Rothenburg?"

Pünktlich um sieben Uhr rollt der Schienenersatzverkehr am Brandenburger Hauptbahnhof an. Da ist Dieter Thielemann schon eine Stunde im Reisebus unterwegs: "Ich habe eine Jahreskarte der Bahn von Potsdam nach Burg." Der Pendler arbeitet in der Burger Helios Klinik und erinnert sich an den letzten Streik. "Dieser Bus ist dagegen sehr komfortabel, hier kann ich nebenbei mit dem Laptop arbeiten."

Dann erzählt er Busfahrer Klaus Vieth von der dreistündigen Odyssee in der "harten Holzklasse", dem Linienbus, der vor gut zwei Wochen auf der Strecke zwischen Brandenburg und Magdeburg als Ersatz unterwegs war. In seinen elf Pendler-Jahren habe er viele Zugausfälle durch Sturm, eingefrorene Oberleitungen oder Streik erlebt. Ein knapp einwöchiger Ausstand ist aber selbst für ihn etwas Neues.

Stress auf dem Schulweg

Es geht vorbei an fleißigen Spargelerntern auf den Feldern Brandenburgs. Immer wieder zückt Thielemann den ausgedruckten Notfallfahrplan, vergleicht Ankunftsuhrzeiten und scheint zufrieden mit der Fahrt. Wie auch das andere Dutzend Ersatzverkehr-Fahrer. Niemand grummelt oder beschwert sich.

Acht Uhr: Nach Umleitung dank B-1-Ausbau fährt der Bus Genthin an. Eine Schülerin des Ökumenischen Domgymnasiums Magdeburg steigt ein. "Mein Bruder kommt auch gleich." Der 17-Jährige stürmt in den Bus und nimmt neben Philine Hertwig Platz. Die Fahrt der beiden begann in Neuenklitsche. Den Komfort, dass die Eltern sie zur Schule bringen können, haben sie heute nicht. "Wahrscheinlich werden wir die ganze Woche den Bus nutzen", sagt Bruder Moritz und lächelt müde.

Nächste Station: Burg. Dieter Thielemann verabschiedet sich. 9.10 Uhr: Magdeburg ist erreicht. 130 Minuten statt 50 mit der regulären Bahn. Jetzt nur noch mit dem Linienbus nach Barleben ins Druckzentrum der Volksstimme.

Ausfallende Züge nicht auf Anzeigetafeln

Keine Hektik, kein Gerenne, fast menschenleere Bahnsteige, wohin das Auge des Reisewilligen auch schaut. Der Streikdienstag zeigt sich auf dem Braunschweiger Hauptbahnhof ruhiger als ein typischer Sonntag. Der Blick auf die große Anzeigetafel offenbart allerdings keineswegs die erwartete Laufschrift "Zug fällt aus". Oh, Wunder! Kein einziger Zugausfall taucht dort auf. Wären nicht Aufsteller mit der Aufschrift "Streikinformation" platziert worden, könnte man auf den ersten Blick glauben, die Züge fahren alle wie geplant.

Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass auf der Anzeigetafel fast die gesamten Fernverkehrszüge und Teile der Regionalzüge einfach weggelassen wurden. "Was nicht fährt, fährt nicht", erklärte eine Bahnmitarbeiterin und bejaht mit einem Nicken sowie einem verschwörerischen Lächeln die Frage, ob die Bahn die ausgefallenen Züge vielleicht bewusst nicht anzeige?

Zumindest die Regionalbahnen zwischen Braunschweig und Magdeburg fahren - wenn auch nur einige und auch nur alle zwei Stunden.

Der Notfallfahrplan funktioniert

Die Fahrgäste nehmen den Lokführerstreik gelassen, meint eine Zugbegleiter kurz nach der Ankunft der Regionalbahn in Magdeburg. "Es waren alle froh, dass ein Zug fährt", schloss sie an. Gemeckert habe noch niemand.

Nach außen gelassen nimmt auch Nils Füldner den Ausfall eines Großteils der Regionalbahnen nach Magdeburg hin. "Mich stört die ewige Streikerei", sagt der Auszubildene aus Harbke im Landkreis Börde, der jeden Tag mit dem Zug von Helmstedt zur Arbeit nach Magdeburg pendelt. Dieser Bahnhof liegt für ihn am nächsten.

Ein Lob für die Bahn hat der junge Mann dennoch parat: "Respekt, dass es einen funktionierenden Notfahrplan gibt." Und der funktioniere fast reibungslos. Das war beim ersten Streik der GDL anders, erinnerte sich der Lehrling. Damals sei nichts gefahren.

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Mit dem Fahrrad am Mittellandkanal entlang

Ich mag die tägliche Fahrt mit der Bahn. 18 Minuten rollt der Zug von meiner Heimatstadt Haldensleben bis zum Arbeitsort Barleben. Draußen zieht die Börde vorbei, drinnen lese ich entspannt Zeitungen - jedenfalls an normalen Tagen. Seit die Lokführer ihren epischen Kampf mit dem Arbeitgeber aufgenommen haben, häufen sich aber die Tage, in denen gar nichts entspannt ist. Meine Frau und ich sind nämlich der Überzeugung, dass für uns ein Auto ausreicht. Und mit dem ist sie unterwegs, meistens jedenfalls.

Herbst des vergangenen Jahres: Die Lokführer streiken. Morgens rollt der Zug noch, ich nehme das Fahrrad mit. Tagsüber immer wieder der Blick auf die Bahnauskunft: Fährt ein Zug zurück? Ja, sagt die Bahn. Nein, stelle ich fest, als ich abends am Barleber Bahnhof warte. Durchsagen gibt es nicht. Nach einer Stunde steige ich aufs Fahrrad. Die Strecke am Mittellandkanal ist überraschend schön, ich entdecke einen Kranich und zwei Kormorane. Zu Hause summen mir nach der einstündigen Fahrt über Schotterpisten die Hände.

<7>April 2015: Wieder geht gar nichts. Ich organisiere Mitfahrgelegenheiten. Irgendwie lande ich am Abend immer dort, wo ich hingehöre. Einmal entscheide ich mich für den Linienbus. Der entpuppt sich als Großraumtaxi, in dem es familiär zugeht. "Wat gifft´t Niet?", fragt der Fahrer, als ein alter Bekannter zusteigt - den Rest der Fahrt erörtern sie die Bestellung ihrer Gärten. Interessant!

Verständnis schlägt in Ärger um

Am Dienstagmorgen am Haldensleber Bahnhof: Kein Reisender weit und breit. Ein 20-jähriger Azubi wartet auf seinen Kumpel, der ihn im Auto zur Ausbildung nach Magdeburg mitnimmt. "Ich komme deshalb zwei Stunden später, aber das verstehen die Lehrer schon." Am Schalter erfahre ich, dass es einen Schienenersatzverkehr gibt.

Leider fährt der Bus erst anderthalb Stunden später, meinen ersten Termin schaffe ich so nicht. Mein Glück in dieser Woche: Ich kann das Familienauto nehmen. Und schiele von der Straße aus zu den Schienen, wo hoffentlich bald wieder Züge fahren.

Gähnende Leere herrscht am Dienstag um kurz vor sieben Uhr auf dem Stendaler Hauptbahnhof. Dort, wo sonst um diese Zeit die Pendler warten, passierte nichts. "Zug fällt aus!", verkündete die Anzeigetafel. "Ich bin echt stinksauer", sagt die Salzwedelerin Carolin Maquardt. Hatte sie anfangs noch Verständnis für die Streikenden, hat sich ihre Meinung komplett geändert. Sie kritisiert vor allem das schlechte Informationsmanagement der Bahn.

Kein Anschluss zum Bus

Das Service-Center im Bahnhof ist geschlossen, einzig die Fensterputzer sind drinnen am Werk. Für den richtigen Durchblick scheint die Bahn zumindest in dieser Hinsicht sorgen zu wollen.

Reisende, die sich in den vergangenen Tagen nach Zugausfällen erkundigen wollten, bekamen unterschiedlichste Antworten, um schlussendlich doch auf dem leeren Bahnhof zu stranden, wie eine andere Reisende erzählt.

"Es kann doch nicht sein, dass die Bahn nicht in Verbindung mit den Busfahrern bleibt, um eventuelle Anschlüsse zu schaffen", kritisiert zudem Holger Korsch, der ebenfalls aus Salzwedel nach Magdeburg fährt und in Stendal warten musste.

Wohl dem, der ein Auto hat

Sieben Gespräche mit sieben Reisenden, die in die unterschiedlichsten Richtungen unterwegs sind. Die Meinungen reichen von Verständnis über "Na ja, irgendwie geht´s schon" bis zu "totaler Mist".

Viele fahren mit dem Auto. Der 19-jährige Martin Schulze, der täglich zwischen Tangerhütte und Stendal pendelt, hat diese Möglichkeit nicht, erzählt er. Kein Auto und kein Führerschein. Noch nicht.

Es reicht! Genug gewartet. Rein ins Auto und schnell nach Magdeburg. Schnell? Die Bundesstraße 189 ist voll wie nie. Es geht nur zäh voran. Also ab auf eine Nebenstrecke über die Dörfer. Da geht es etwas besser. Wohl dem, der ein Auto hat. An Streiktagen der Bahn gilt das ganz besonders.

   

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