Wie der Krieg in Sachsen-Anhalt zu Ende ging

18. April 1945: Nach teils erbitterten Kämpfen wird der Westteil Magdeburgs von den Amerikanern eingenommen. Deutschen Widerstand von der Ostseite der Elbe gibt es noch bis zum 1. Mai. Im schwer umkämpften Harz werden Quedlinburg, Alexisbad, Mägdesprung und Friedrichsbrunn besetzt.

19. April: Amerikanische Verbände nehmen Halle ein. Elbingerode und Thale fallen, von Schierke aus gelangen die US-Truppen auf den Brocken.

20. April: Im Harz fällt mit Blankenburg die letzte Festung.

28. April: Amerikanische Verbände marschieren in das schwer zerstörte Zerbst ein.

2. Mai: Die Rote Armee rückt vom Berliner Raum aus in Richtung Elbe nach Havelberg vor.

3. Mai: Die deutsche Entsatzarmee Wenck zieht sich nach Tangermünde zurück. Erste Verbrüderungen zwischen Russen und Amerikanern an der Elbe bei Sandau.

4. Mai: Nach Kapitulationsverhandlungen in Stendal lassen die Amerikaner deutsche Soldaten auf das Westufer der Elbe. Tausende Verletzte werden über den Fluss gebracht. Den Flüchtlingstrecks bleibt dieser Weg versperrt.

5. Mai: Letzte Kämpfe der Wehrmacht in Schönhausen, die sowjetischen Truppen nehmen Jerichow ein. Die Spitzen der russischen 69. Armee erreichen den Osten von Magdeburg.

7. Mai: Die 1. Weißrussische und die 1. Ukrainische Front erreichen die Elbe. Deutsche Einheiten, die einen Elbübergang bei Wust verteidigen, ergeben sich. Von 9.15 Uhr an herrscht offiziell Waffenruhe zwischen der 9. US-Armee und der deutschen 12. Armee von General Wenck. Die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht wird im Alliierten-Hauptquartier in Reims unterzeichnet.

8. Mai: Die deutsche Kapitulation tritt um 23.01 Uhr in Kraft und wird um 0.16 Uhr am 9. Mai in Berlin-Karlshorst ratifiziert.

1. Juni: Das 117. US-Infanterieregiment im Westen Magdeburgs wird durch englisch-schottische Einheiten abgelöst.

1. Juli: Gemäß den Vereinbarungen der Alliierten übernehmen die Russen nach Abzug der westlichen Verbündeten die komplette Kontrolle über Magdeburg.

Magdeburg l "Ich bin waschechte Neustädterin", sagt Anna Braunschweig und lächelt. In ihrem Kiez im Magdeburger Norden hat die rüstige 90-Jährige auch über die Kriegszeit erlebt und überlebt, gemeinsam mit den Eltern und ihren beiden Schwestern. Die Schrecken jener Jahre haben sich der früheren Büroangestellten tief ins Gedächtnis eingegraben.

Wie jener 5. August 1944, als die elterliche Wohnung ausgebombt wurde. Die 20-jährige Anna fand Aufnahme bei den künftigen Schwiegereltern, die Eltern zogen in ihre Gartenlaube. Einen weiteren Angriff im September überlebte die junge Frau nur knapp - sie wurde im Keller verschüttet.

Dazu kam die Sorge um ihren Freund: er diente bei der U-Boot-Flotte. "13 Feindfahrten hatte er - und kam Gott sei Dank heil nach Hause!" Zusammengebracht hatte sie ihr kleiner Musikverein. Die jungen Leute konnten so das geltende Tanzverbot umgehen: "Wir haben in einer Tischlerei die Hobelbänke beiseitegestellt und getanzt!"

"Breiter Weg war von Leichen übersät"

Schließlich der Gipfel des Grauens: Der 16. Januar 1945, als Magdeburg zum zweiten Mal in seiner Geschichte fast ausgelöscht wurde. Anna Braunschweig überstand die Bombenhölle und machte sich mit ihrer Schwester zu Fuß auf den Weg zur Arbeitsstelle, der Firma Polte in Stadtfeld: "Uns flogen die Balken um die Ohren, der Breite Weg war von verkohlten Leichen übersät, furchtbar", erinnert sich die Seniorin.

Das Werk war kaputt, die Arbeitsstelle weg - das Ende nahte. Fortan fehlten ihr die Lebensmittelmarken. Der familiäre Zusammenhalt sicherte das Überleben. "Zu Anfang des Krieges habe ich noch Hitler geglaubt", bekennt Anna Braunschweig. Bekannte ihrer Eltern hätten ihr jedoch beschieden: "Du bist zu naseweis!" Sie sollten recht behalten. Über die Frontlage hätte die Familie stets Bescheid gewusst. Der Schwiegervater hörte verbotenerweise den englischen Soldatensender ab.

Der Einmarsch der Amerikaner in Magdeburg hat für Anna Braunschweig ein Gesicht: das eines dunkelhäutigen Soldaten. Der habe gefragt: "Where you sleep...?" Ihr Schwiegervater konnte Schlimmeres verhindern. "Man hat uns nichts zuleide getan." Gleiches gelte für die spätere russische Besatzungsmacht: "Negatives kann ich nicht sagen."

Die agile Zeitzeugin hebt den Zusammenhalt der Magdeburger in den schweren Jahren hervor. "Die Leute hatten ein gutes und nachbarschaftliches Verhältnis. Das Bestreben war, dass man materiell über die Runden kommt. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht." Dazu trug ein Schwager des Vaters bei: Er hatte eine Schafherde in Gübs östlich der Elbe.

"Habe Hammelfleisch eigentlich nie gemocht"

Nachdem es wieder einen Flussübergang gab - die Nazis hatten sämtliche Brücken gesprengt - konnte diese Nahrungsquelle angezapft werden. "Dabei habe ich Hammelfleisch eigentlich nie gemocht", lacht Frau Braunschweig.

Im November 1946 heiratete Anna ihren Fritz, der inzwischen verstorben ist. Zwei Jahre später wurde ihre Tochter geboren. Frau Braunschweig, stolze Großmutter und Urgroßmutter, liest gern Bücher von Helmut Schmidt. Auf dem Laufenden hält sie sich durchs Fernsehen - und die Volksstimme: "Ich lese heute noch das Schwarze aus der Zeitung!"

   

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