25. Geburtstag

16.800 Mitglieder aus 190 Vereinen sind im Karneval Landesverband Sachsen-Anhalt organisiert, darunter knapp die Hälfte Kinder und Jugendliche. Zur Gründung im Jahr 1990 waren es noch rund 2900 Mitglieder.

Dass es nach der Wende noch so wenige Mitglieder gab, liegt daran, dass sich viele lose Gruppen erst später zu einem Verein formiert haben. In den Vereinen selbst ist die Mitgliederzahl in den vergangenen Jahren weitestgehend konstant geblieben.

Gegründet wurde der Verband in Aschersleben. Dort beschlossen 38 der damals 41 Clubs aus den Ex-DDR-Bezirken Magdeburg und Halle, sich zusammenzuschließen.

Am 25. April feierte der Verband seinen 25. Geburtstag mit einer großen Festveranstaltung in Aschersleben. 360 geladene Gäste waren dabei, darunter auch Ministerpräsident Reiner Haseloff.

Magdeburg l Was wirkt er doch seriös, der Herr Camin. Wie er da in seinem Arbeitszimmer sitzt mit einem dicken, grauen Aktenordner auf dem Schoß. Und so stilvoll gekleidet: Magentafarbener Wollpulli über hellblauem Oberhemd - Wolfgang Joop wäre verzückt.

Da würde man doch nie erwarten, dass der Mann plötzlich anfängt zu singen. Erst recht nicht diesen Text: "Mit uns spielt jeder Tutti Frutti, das kennt jeder, Vati, Mutti!" Huch, ein Lied über die Show, die einst Brüste im TV salonfähig machte. Eckhart Camin hat es sogar schon öfter gesungen. Sonst allerdings trug er dabei eine Narrenkappe auf dem Kopf. "In unserem letzten Programm kam das super an", erzählt der Präsident des Gommeraner Carneval Clubs, kurz GCC.

Bauchnapelpolitik statt Büttenrede


Damit will er sich gar nicht loben. Nur etwas veranschaulichen, das sich in den vergangenen 25 Jahren verändert hat. "Früher dauerten meine politischen Büttenreden zwölf Minuten", erklärt Camin, während er durch vergilbte Seiten mit Tausenden Paarreimen blättert. "Heute sind es noch acht, und trotzdem wird dabei gequatscht. Die Leute wollen lieber Bauchnabelpolitik." In den 90ern waren unanständige Witzchen zwar auch beliebt, sagt Camin - allerdings nur am Rande.

"Das Publikum ist politikverdrossen. Und Witze über die DDR sind langsam ausgeleiert."
- Jens Voigt, Kanufaschingsverein Barby

Dass Politik im Fasching hierzulande kaum noch eine Rolle spielt, beobachtet auch der Chef des Karneval Landesverbandes. "Till Eulenspiegel war oft Teil der Programme. Jetzt tritt er kaum noch auf", berichtet Dirk Vater. Er erklärt sich das so: "Viele trauen sich an das Feld nicht ran. Inzwischen gibt es so viel politische Comedy im Fernsehen. Da muss man erstmal einen Witz finden, den die Leute noch nicht kennen."

Jens Voigt vom Kanufaschingsverein Barby im Salzlandkreis hat noch eine andere Erklärung: "Das Publikum ist politikverdrossen", sagt er. "Und Witze über Wessis und die DDR sind langsam ausgeleiert." Kurz nach der Wende, als man endlich frei reden durfte und sich ein wenig drüben umgeschaut hatte, da funktionierten sie noch fabelhaft, erzählt Voigt. Zum Beispiel, wenn es darum ging, dass die im Westen aber auch alles einschweißen müssen.

Jetzt erntet man mit solchen Sprüchen nicht mal mehr einen müden Klatscher. Auch nicht beim WCC, dem Wahrburger Carneval Club Stendal. "Heute ist die Party wichtiger", sagt Präsident Frank Kruft. Reine politische Bütt gibt es gar nicht mehr. Aktuelle Themen aus der Welt, berichtet er, werden unkommentiert präsentiert und zum Beispiel als Sketcheinlage aneinandergereiht.

Beim Karneval dominiert der Tanz


Da eine Party bekanntlich am besten in Kombination mit Musik funktioniert, ist die Stimmung bei Sachsen-Anhalts Festsitzungen heute dann ganz oben, wenn der Witzbold singt oder die Grazien ihre Beine hochwerfen. Letztere sind Dirk Vater zufolge nicht mehr das, was sie mal waren - allerdings im positiven Sinne: "Die Tänzerinnen bieten dem Publikum viel professionellere Auftritte als noch 1990." Er führt das auf Angebote des Verbandes zurück: Seit 1996 gibt es landesweite Meisterschaften. Zudem werden seit elf Jahren Workshops angeboten - übrigens auch für Sänger und Redner.

"Die Tänzerinnen bieten dem Publikum heute viel professionellere Auftritte."
- Dirk Vater, Karneval Landesverband

"Bei uns nehmen die Tanzauftritte seit 1990 den dominanten Platz im Programm ein", berichtet WCC-Chef Kruft. Dass die Tänzer dabei wie Profis wirken, sei unerlässlich, um den Saal zu füllen. Die Nachwuchs-Ausbildung ist ihm zufolge ein tragender Pfeiler des Vereins. So fahren die Junioren in diesem Monat sogar zum Trainingslager in die Landessportschule nach Osterburg. Professionalität, erzählt er weiter, bedeute auch, bis zur Vorbereitung auf die neue Saison keine große Pause zu lassen. Deshalb seien die Tanzeinlagen der Karnevalisten heute regelrechter Hochleistungssport.

Auch in Gommern sind die Tänzer seit der Wende professioneller geworden. "Unsere Trainer haben alle Trainerscheine", berichtet Camin. "Außerdem fahren die Tänzer zu Workshops und Wettbewerben."

Doch nicht jeder setzt auf Perfektion. Im altmärkischen Kläden schwimmt man gegen den Strom. In dem 200-Einwohner-Dorf regiert einer der ältesten Karnevalsvereine in Sachsen-Anhalt. Seine Nachwuchs-Tänzer nutzen die Workshops des Landesverbandes nicht. "Sie mögen ihren eigenen Stil", erklärt Vereinschef Christian Streiter, während er seelenruhig an dem Holz-Orden dreht, der an einem roten Band um seinen Hals baumelt. "Viele sagen, dass solche Veranstaltungen nichts für sie sind. Die Tänzer seien oft so gut, als wäre es eine Bundesliga."

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Kreative Karnevalsorden sind passé


Auch in einem anderen Punkt bleibt der Klädener Karnevals Club bewusst altmodisch: Alle Mitwirkenden fertigen ihre Kostüme selbst. Schließlich ist das gut fürs Gemeinschaftsgefühl: Regelmäßig findet man sich in Grüppchen zum Basteln und Üben zusammen. Dabei geht\\\\\\\'s urig zu, verrät Franko Pieper vom Elferrat: "Bei den ersten fünf Treffen reicht es, wenn wir eine Kiste Bier leer haben und ein Thema finden." In Barby näht man ebenfalls vieles noch selbst. "Die Kostüme für die Tänzerinnen müssen ja sitzen, das funktioniert bei denen von der Stange nicht", sagt Voigt.

<7>Bei den Orden hingegen geht der Trend zum Fertigprodukt. Kreative DDR-Versionen aus Gips, Kork oder Bierdeckeln sind landesweit längst passé. "Gleich nach der Wende waren jede Menge Firmen da", erzählt GCC-Präsident Camin. In Werbebriefen und Zeitschriften-Anzeigen boten sie ihre Dienste an. Da griff man gern zu.

Das Improvisieren haben die Vereine trotzdem nicht verlernt. Als zum Beispiel beim WCC mal die Prunksitzungen in einem Tenniscenter abgehalten wurden, verkleideten große Dekostoffe vom Theater die kargen Wände, Kaffeearomaverpackungen wurden zu glitzernden Girlanden umfunktioniert. "Es war sehr aufwendig, in der Sporthalle überhaupt Atmosphäre entstehen zu lassen", erinnert sich Kruft.

Karnevalskassen sind knapp


Doch auch wenn die Faschingsvereine jetzt weniger basteln müssen und besser tanzen: Einiges wurde mit der Wende auch schwieriger. Längst ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Säle voll werden. Der WCC gab zu DDR-Zeiten noch acht bis neun Veranstaltungen, heute sind es drei.

In Barby speckte man von fünf auf vier Shows ab. "Unsere Sitzungen sind zwar immer noch voll, aber nicht mehr proppenvoll", sagt Jens Voigt. Dirk Vater führt das auf zwei Gründe zurück: die Abwanderung und das große Kulturangebot seit der Wende. Entsprechend habe man auf dem Land weniger Probleme, da es dort nicht so viele Konkurrenzveranstaltungen gibt wie in der Stadt. Seit fünf Jahren aber, sagt Vater, seien die Besucherzahlen überall stabil.

Auch mit den Vereinsfinanzen sieht es seit 1990 eher mau aus. Da die Kommunen immer mehr aufs Geld gucken müssten, erklärt Vater, würden zunehmend die Nutzungsgebühren erhöht.

In Gommern zumindest hat man dieses Problem gut im Griff. Dem adretten Herrn Camin sei Dank. Denn der hat gute Kontakte zur Wohnungsgesellschaft. Die Herrschaften dort hat er überzeugt, den Tänzerinnen einen Raum zum Üben zu geben. Ob er in den Verhandlungsgesprächen zur Stimmungsaufhellung auch sein "Tutti-Frutti"-Lied zum Besten gegeben hat, ist nicht überliefert.

   

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