Magdeburg l Um 0,4 Prozent ist die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr gewachsen. Das Nachbarland Sachsen konnte dagegen ein Plus von 1,9 Prozent vorweisen, Thüringen lag mit einem Zuwachs von 1,6 Prozent im Bundestrend. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) hat nun in einer Studie die Wirtschafts- und Arbeitsmarktstrukturen der drei Länder verglichen und kommt zu dem Ergebnis, dass Sachsen-Anhalt schon seit Jahren aufgrund einer Reihe von Strukturdefiziten hinterherhinkt.

Ursprünglich sollten die Erkenntnisse bereits in dieser Woche der Öffentlichkeit vorgestellt werden, doch dazu ist es wegen des heftigen Streits, der auf Landesebene entbrannt ist, nicht gekommen. SPD-Fraktionschefin Katrin Budde hatte zunächst Wirtschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) scharf angegriffen. "Die Wirtschaftspolitik wird momentan nur verwaltet", schimpfte sie.

Öl ins Feuer goss anschließend der Hallenser Wirtschaftswissenschaftler Oliver Holtemöller, der unter anderem kritisierte, dass zu wenig in Bildung und Forschung investiert werde. Das brachte wiederum Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) auf die Palme, der fest davon überzeugt ist, dass Sachsen-Anhalt nicht das Schlusslicht der Republik ist.

Nichtsdestotrotz liegt die Studie der IAB-Forscher nun der Volksstimme vor. Demnach hinkt Sachsen-Anhalt wegen einer Reihe von Strukturdefiziten hinterher:

Strahlende Metropolen fehlen. Sachsen-Anhalt zählt mit 113 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den am dünnsten besiedelten Ländern. In Thüringen liegt der statistische Wert bei 134, in Sachsen bei 220 und bundesweit bei 229. Zum ländlichen Raum zählen in Sachsen-Anhalt 77 Prozent der Kreise. Und weil die Mobilität der Bewohner dort häufig eingeschränkt ist, haben sie größere Schwierigkeiten, Jobs zu finden. Magdeburg und Halle strahlen im Vergleich zu Leipzig und Dresden auch weniger wirtschaftliche Dynamik aus. Unternehmen bevorzugen aber in der Regel brummende Ballungszentren, weil sie dort neben einer funktionierenden Infrastruktur auch genügend Fachkräfte vorfinden. Und die wiederum leben gerne in Regionen mit attraktiven Arbeits- und Lebensbedingungen.

Die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt ist zu kleinteilig, die Forschung bleibt auf der Strecke. Fast jeder zweite Betrieb hat weniger als fünf Mitarbeiter. Wenn es um Produktivität geht, ist jedoch Größe entscheidend. Im Gegensatz zu kleinen Firmen können Unternehmen zum Beispiel beim Einkauf die Preise der benötigten Rohstoffe oder Vorprodukte drücken, weil sie größere Mengen einkaufen.

Darüber hinaus können sie sich eigene Forschungsabteilungen leisten. Sie sind dadurch eher in der Lage innovative Produkte auf den Markt zu bringen. Der Anteil von Großbetrieben mit mehr als 250 Beschäftigten lag zuletzt jedoch bei unter einem Prozent. Die wenigen großen Unternehmen, die es gibt, sind wiederum auch von großer Bedeutung: 25 Prozent aller Erwerbstätigen im Land sind bei ihnen angestellt.

Die Unternehmen exportieren vergleichsweise wenig. Nur am Rande bemerken die IAB-Forscher in ihrer Studie, dass die Exportquote mit rund 35 Prozent nach wie vor etwa zehn Prozent unter dem Bundesschnitt liegt. Ursache hierfür ist einmal mehr der Mangel an großen Unternehmen, wobei die Forscher betonen, dass die Ausfuhren in den vergangenen Jahren schon gestiegen sind.

Der Staat ist der größte Arbeitgeber. Im Vergleich zu Sachsen und Thüringen spielt der Staat als Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt eine vergleichsweise starke Rolle. Rund 63.000 Menschen arbeiten in der öffentlichen Verwaltung, der Anteil an der Gesamtbeschäftigung liegt bei 8,2 Prozent. Der hohe Anteil erklärt sich wiederum auch durch den Mangel an privatwirtschaftlichen Aktivitäten. Und da in der öffentlichen Verwaltung Jobs eingespart werden, wirkt sich das negativ auf die Gesamtbeschäftigung aus.

Die Forscher betonen allerdings, dass wegen der alternden Bevölkerung das Gesundheitswesen neue Beschäftigungsperspektiven bietet. Bereits jetzt arbeiten rund 59.000 Menschen in der Gesundheits- und Pflegebranche, der Anteil liegt inzwischen bei 7,6 Prozent. Aus Volkswirtschaftlicher Sicht können jedoch nur Teilbereiche der Branche hohe Wertschöpfungsraten aufweisen. Lukrativ ist etwa die Entwicklung und Herstellung von Medizintechnik und Medizinprodukten.

Arbeitslose sind oft nur schwer vermittelbar. Derzeit sind rund 120.000 Menschen in Sachsen-Anhalt arbeitslos, knapp 46.000 von ihnen schon länger als zwei Jahre. Nach Angaben der IAB-Forscher hat das Land damit zunächst einen größeren Pool von verfügbaren Arbeitskräften im vergleich mit den Ländern Thüringen und Sachsen. Dort haben es Unternehmen inzwischen deutlich schwerer, freie Stellen wieder zu besetzen.

Doch bei genauerem Hinsehen handelt es sich bei den Arbeitslosen hierzulande oft um Personen, die nur schwer wieder in die Arbeitswelt integriert werden können. Deshalb klagen auch Firmen in Sachsen-Anhalt darüber, dass sie für bestimmte Tätigkeiten keine geeigneten Mitarbeiter mehr finden.

Firmen betreiben zu wenig Fachkräftesicherung. Obwohl der Fachkräftemangel auch in Sachsen-Anhalt zunimmt, kümmern sich die Firmen hierzulande vergleichsweise wenig um ihre Personalentwicklung. Bewerbern mit Leistungsdefiziten geben sie seltener eine Chance als Firmen in Sachsen oder Thüringen. Darüber hinaus bilden Unternehmen hierzulande vergleichsweise weniger aus.