Schönebeck/Magdeburg l Die letzten Minuten vor dem Operationstermin ist der Patient allein. Allein mit seinen kreisenden Gedanken. Zu früh oder gar nicht mehr aufwachen? Kein Bewusstsein mehr und keinen Einfluss darauf haben? Der letzte Blick an die weiße Decke des Raumes. Das Narkosemittel wird venös gesetzt. Es macht willenlos, entschärft das Bewusstsein.

Über die Lebensfunktionen des schlafenden Patienten wacht nun mindestens ein Anästhesist und mindestens eine Schwester mit Fachausbildung. Rund 80 Ärzte der Fachrichtung Anästhesiologie des Universitätsklinikums Magdeburg nehmen diese Verantwortung während der Operationen auf sich. Neun Anästhesisten sind 24 Stunden lang im Einsatz. Eine Tätigkeit, die eine langjährige Ausbildung voraussetzt.

"Anästhesie ist wie Flugzeug fliegen"


Zunächst ist ein Medizinstudium im zeitlichen Rahmen von sechseinhalb Jahren notwendig, dem die Facharztausbildung folgt. Deren Dauer richtet sich nach der Abarbeitung eines Kataloges, nachdem die Assistenzärzte eine bestimmte Anzahl berufspraktischer Arbeitsweisen nachweisen müssen, ähnlich den Flugstunden eines angehenden Flugkapitäns.

"Anästhesie ist wie Flugzeug fliegen", sagt der Assistenzarzt Benjamin Balkaner. "Es gibt den Start, den hoffentlich ruhigen Flug und die schwierige Landung. Ist der Flug ruhig, ist der Patient stabil. Gibt es ein chirurgisches Problem oder einen Zwischenfall, ist das, wie durch ein Gewitter zu fliegen."

Der angehende Arzt absolviert seit einem Jahr die Facharztausbildung am Uniklinikum. Hier werden jährlich rund 22500 Anästhesien durchgeführt. Sofern es sich nicht um eine Notoperation handelt, werden in einem Beratungs- oder Aufklärungsgespräch ausführlich Risiken und Ängste mit den Patienten besprochen.

Subjektives Schmerzempfinden bei Narkose


Die mit Abstand häufigste Angst sei es, nicht mehr aufzuwachen, dicht gefolgt von der Befürchtung, während der Operation wieder wach zu werden. Dabei, so Balkaner, sei es schon sehr unwahrscheinlich, dass jemand während der Operation wach werde. Das zeichne sich vorher an den angeschlossenen Geräten ab und man könne sofort mit veränderter Dosierung gegensteuern.

Verbreitet ist auch Angst vor Erbrechen und anderweitigen Schmerzen nach der Behandlung. Gegen die Übelkeit nach der Narkose werden Medikamente verordnet. Die Schmerzempfindung sei dabei grundsätzlich sehr subjektiv und hänge mit dem eigentlichen Operationsgrund zusammen, die Narkose an sich verursache keine Schmerzen.

Ohne Bewusstsein und ohne Atmung legen die Patienten ihr Leben in die Hände der Ärzte. Die Komplikationen sind oft aber nicht lebensgefährlich: Heiserkeit und Schäden an Kehlkopf, Zähnen, den Stimmbändern oder allgemein im Rachen- und Mundbereich, hervorgerufen durch die Intubation, also die Einführung des Luftschlauchs in den Körper. "Während der Narkose kann es zu Herzrhythmusstörung kommen, die im Extremfall zum Herzstillstand führen können", erklärt der Assistenzarzt.

Risiko bei Herz-Kreislauf-Problemen


Prinzipiell lässt sich das Risiko für die Patienten nur verallgemeinern. Um es besser einstufen zu können, nutzen viele Anästhesisten die ASA- (American Society of Anaesthesiologists) Klassifikation. "Eine Narkose bei einem gesunden, jungen Menschen ist nicht mit viel Risiko behaftet. Bei einem Patienten mit starken Herz-Kreislauf-Problemen allerdings schon eindeutiger", erzählt Balkaner.

Krankengeschichte und gesundheitlicher Zustand des Patienten sind entscheidend für das risikofreie Gelingen. "Eine Narkose ist ein bisschen wie Bergsteigen fürs Herz", sagt der Assistenzarzt. Wer zwei Stunden mit dem Hund spazieren gehen kann, ist gut gerüstet. Wer dagegen beim Treppensteigen nach jeder Etage aus der Puste ist und anhalten muss, schon weniger."

* Der Text ist im Rahmen eines von Volksstimme-Redakteuren betreuten Seminars an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg entstanden.