Stendal l Es ist bundesweit einer der aufsehenerregendsten Vermisstenfälle in Deutschland: Das spurlose Verschwinden der fünfjährigen Inga Gehricke. Seit Sonnabend, 2. Mai, sucht die Polizei fieberhaft nach einem Ansatzpunkt, der zu dem Mädchen führt.

Es ist zwischen 18 und 19 Uhr, als die Kinder mehrerer Familien zusammen das Abendbrot in Wilhelmshof bei Stendal vorbereiten. Seit mehreren Jahren treffen sich Ingas Eltern aus Schönebeck und einige Freunde regelmäßig zur privaten Feier, auch im Diakoniewerk Wilhelmshof. Dabei spielen mehrere Kinder des Freundeskreises mit Inga und ihren Geschwistern auf dem Spielplatz. Auch die Angehörigen der Patienten der Einrichtung für Sucht- und Behindertenhilfe haben an diesem Tag ihre Kinder zum Spielen mitgebracht.

Eltern suchen verzweifelt nach Inga


Wie viele es am Ende sind, ist bisher nicht ganz klar. Denn Zutritt hat auf dem Gelände jeder. Es werden auch Übernachtungen für Wanderer oder Tagungsteilnehmer angeboten. Das Gästehaus bietet elf Zweibettzimmer.

Ingas drei Geschwister und die Kinder der Freunde erhalten Aufgaben, zum Beispiel das Suchen von Brennholz. Inga geht nur ein kleines Stück in den Wald. Das reicht, dort liegt genügend Reisig herum. Zuletzt wird sie beim Holzsammeln so gegen 18.45 Uhr gesehen. "Es ist aber schwer für die Kinder, sich an eine genaue Zeit zu erinnern", sagt später Polizeisprecher Mike von Hoff.

Rund zehn Minuten später bemerken die Eltern das Verschwinden ihres Kindes. Sie suchen mit den anderen Freunden die Umgebung auch mit dem Fahrrad ab, doch Inga meldet sich nicht. Es ist inzwischen 20.15 Uhr, als der Notruf im Polizeirevier Stendal eingeht. Um 20.22 Uhr trifft der erste Funkstreifenwagen in Wilhelmshof ein.

Bewegungsprofil mit Hilfe von GPS-Trackern


Bereits gegen 22 Uhr sind auch die ersten angeforderten Suchhunde am Einsatzort eingetroffen. Am Ende werden bei der großangelegten Suche auf einer Fläche von etwa 5000 Fußballfeldern 40 Hunde im Einsatz sein. Sie gehören zu verschiedenen Kategorien. Mike von Hoff: "Die Hilfsbereitschaft der speziellen Hundestaffeln aus mehreren Bundesländern war enorm." Rund tausend Einsatzkräfte von Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr durchforsten sechs Tage lang das Gebiet.

So sind sogenannte Flächen-Suchhunde im Einsatz, die nach eventuell verletzten oder verschollenen Personen suchen. Aber auch Fährten- und spezielle Mantrailerhunde mit einer entsprechenden Geruchsprobe (zum Beispiel von einem Kleidungsstück) sind überall unterwegs.

Die Hunde sind außerdem mit sogenannten GPS-Trackern ausgerüstet. Das sind kleine Ortungssender, über die via Satellit der Weg der Hunde auf einem Bildschirm aufgezeichnet wird. So können die Ermittler später ein komplettes Bewegungsprofil von Inga auf dem Gelände der Einrichtung erstellen. Danach hat sich die Fünfjährige nur am Waldrand bewegt. Meist kehren die Hunde aber wieder zurück auf das Gelände. Eine zusammenhängende Spur tief in den Wald gibt es aber nicht.

Schreie eines Kindes


Offenbar gibt es aber auch im Wald Geruchsspuren von Inga. Diese sind mit dem Aufenthalt des Mädchens mit ihrer Familie im Laufe des Tages vor dem Verschwinden bei einer Radtour erklärbar, so von Hoff.

Das Bewegungsprofil der Hunde führt die Fahnder unter anderem auch an einen Schuppen auf dem Gelände. Dieser ist mit einem Schloss gesichert. Beim Öffnen wird aber schnell klar, warum die Hunde diese Stelle immer wieder anlaufen. Die benutzten Spielgeräte der Kinder befinden sich darin.

Nicht nur vom Einsatz der Spezialhunde erhoffen sich die Suchmannschaften einen Ansatzpunkt. Ein Polizeihubschrauber aus Brandenburg kommt mit einer Wärmebildkamera zum Einsatz. Die Beamten sehen auf ihrem Bildschirm aber nur Rehe, Wildschweine und Hasen, ein Mensch ist nicht dabei. Hinweisen eines Jägers über Schreie eines Kindes gehen die Ermittler später ebenfalls nach. Doch sie erweisen sich als kalte Spur. Die Hunde finden auch dort später nichts.

30 Kriminalisten in der Ermittlungsgruppe "Wald"


Die Einsatzkräfte suchen Planquadrat für Planquadrat ab, selbst die Fotofallen im Wald werden ausgewertet. Das Bildmaterial haben die Jäger umgehend zur Verfügung gestellt. Auch auf dem Gelände selbst drehen die Suchmannschaften buchstäblich jeden Stein um. Alle Wohnungen, Räume, Keller und Müllcontainer werden durchsucht.

Die rund 100 Anwesenden zeigen sich dabei kooperativ, auch bei den späteren Befragungen. Die Feuerwehr pumpt einen Karpfenteich, eine Güllegrube und einen Löschteich aus. In Handarbeit schaufeln Einsatzkräfte einen kompletten Misthaufen auf dem Gelände um. Auch im Wald werden, wo es nötig ist, Teiche leergepumpt. Doch alles bleibt am Ende ohne einen Fund. Es findet sich nichts. Auch nicht in einer großen Scheune, die mit mehreren Einsatzkräften leergeräumt werden muss. Die Polizisten wollten sichergehen, dass das Kind nicht vielleicht doch beim Spielen im Stroh steckengeblieben sein könnte.

Nach etwa einer Woche haben die Suchmannschaften alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Deshalb konzentrieren sich die Ermittlungen immer weiter auf die Zeugenvernehmungen auf dem Gelände und im näheren Umfeld. Hier befragen die 30 Kriminalisten der Ermittlungsgruppe "Wald" noch immer mehr als hundert Personen.

Plakataktion der Initiative "Vermisste Kinder"


Zum anderen gehen die Ermittler den eingehenden Hinweisen aus der Öffentlichkeitsfahndung nach. Es sind nach Angaben von Chefermittler Holger Herrmann mehrere hundert Hinweise aus ganz Deutschland, die nach einer Prioritätenliste abgearbeitet werden. Zu Details der weiteren Ermittlungen will der Kriminaldirektor gegenwärtig noch keine Angaben machen.

Die Chancen, dass Inga lebend gefunden wird, schwinden. Das befürchtet auch Lars Bruhns, Vorstand der "Initiative Vermisste Kinder" aus Hamburg: "Es besteht die Sorge, dass dem Kind etwas Schlimmes zugestoßen ist." Die 24 Ehrenamtlichen des 1997 gegründeten Vereins unterstützten die Polizei mit dem Druck der 3250 Plakate. Der Sponsor "Ströer" stellte auch die rund 300 elektronischen Tafeln auf rund hundert Bahnhöfen zur Verfügung. Zwei große Planen sollen noch an einer Brücke an der Bundesstraße 188 angebracht werden.

Der Verein entstand nach dem Bekanntwerden des Dutroux-Falls in Belgien. Marc Dutroux hat mehrere Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 19 Jahren entführt und missbraucht und seinen Komplizen sowie zwei von ihm entführte Jugendliche ermordet. Zwei von ihm entführte Achtjährige verhungerten eingesperrt, während er im Gefängnis war.

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