Das Schönebecker Salzlandmuseum kann sich freuen. Auf ein Ausstellungsstück, das es so in Europa kein zweites Mal gibt. Die Schönebecker werden einen Quastenflosser ausstellen. Einzigartig ist, dass es sich um ein Baby des fossilen Fisches handelt. Präpariert wurde es in Magdeburg im Museum für Naturkunde.

Schönebeck/Magdeburg. Andreas Seidel hatte Bauchschmerzen. "Riesenbauchschmerzen", wie der zoologische Präparator der Magdeburger Museen sein Gefühl vom April 2009 beschreibt. Ihm stand eine Aufgabe bevor, die nur zwei Ausgänge haben konnte: grandioses Gelingen oder grandioses Scheitern. Seidel sollte einen Quastenflosser präparieren.

Das Tier war nicht irgendeines. Es war ein Jungtier. Gestorben im Mutterleib. Der weibliche Quastenflosser "brütet" die Eier seiner Nachkommen im Leib aus, die Fische werden lebend geboren. Der Quastenflosser, den Seidel vom Förderverein des Schönebecker Salzlandmuseums übergeben bekam, hatte eine irrwitzige Reise hinter sich.

Gefunden hatte den Fisch Professor Hans Fricke. Der weltweit anerkannte Quastenflosser-Forscher hatte 1987 Weltruhm erlangt, als er mit seiner Forschergruppe und dem Tauchboot "Geo" vor den Komoren auf lebende Quastenflosser gestoßen war. Mit diesem Fund schaffte es der gebürtige Schönebecker, der 1978 in München habilitierte, auf die Titelseite der New York Times.

Ungeborene Fische in der Kühltruhe

Bis 1938 galt der Urzeitfisch als ausgestorben. Bisher hatte man nur Fossilien von dem vor 400 Millionen Jahren lebenden Tier gefunden. Der Quastenflosser als Knochenfisch begründet den Übergang in der Evolution vom Wasser- zum Landtier. Der Fund in den 1930er Jahren machte klar: Der Quastenflosser lebte in seiner urzeitlichen Erscheinung weiter. Entdeckt hatte ihn Marjorie Courtenay-Latimer, Leiterin des Städtischen Meeresmuseums im südafrikanischen East London. Gefangen hatten ihn Fischer vor den Komoren im Indischen Ozean.

Das Exemplar war 1,5 Meter lang und 52 Kilogramm schwer. Als Nachfahre des Quastenflossers identifizierte ihn der Fischkundler James L. B. Smith und benannte ihn nach der Entdeckerin und dem Fundort mit Latimeria chalumnae. Gefangen wurden im Laufe der Jahre mehrere, einmal ging sogar ein lebendes Exemplar ins Netz.

Hans Fricke jedoch war mit seinem Team der erste, der die Quastenflosser in ihrem Lebensraum beobachtete. In 200 Metern Tiefe machten sie Fotos und drehten Filme. Die Suche nach den Lebensräumen des Quastenflossers führte Fricke schließlich auch nach Mosambik. Im Jahr 1991 fand er 26 ungeborene Jungtiere - in einer Kühltruhe im vom Bürgerkrieg geschüttelten Land. Das Muttertier mit den Babys im Leib war von einem japanischen Troller gefangen worden und bereits verzehrt. Nur die Haut gab es noch. Die halbeingefrorenen Fische in der Truhe schwammen in einer Melange aus Eiswasser, Cola-Dosen und Sandwiches. "Ich untersuchte die Tiere darauf, ob sie von einem oder mehreren Vätern abstammten", erzählt der Professor, der eine Dependance des Max-Planck-Instituts für Marine Mikrobiologie leitet, der Volksstimme heute. Die 26 Babys wurden aufgeteilt. Sechs blieben in Mosambik, zehn kamen nach Südafrika, zehn Exemplare konnte der Forscher nach Deutschland schaffen - in einer Kühltasche.

Eines dieser Baby-Tiere brachte Fricke schließlich im April 2009 nach Schönebeck. Auf Eis gebettet, in Alufolie gewickelt, präsentierte der Forscher dem Förderverein und dem Leiter des Magdeburger Museums für Naturkunde, Hans Pellmann, sein Geschenk. Das Tier sollte der Öffentlichkeit als Ausstellungsobjekt zugänglich gemacht werden. "Weltweit gibt es nur fünf Jungtiere, die ausgestellt sind", erklärt Fricke den Wert seines Geschenkes. "Die Babys sind alle im Natural History Museum in Washington zu sehen." Und bald in Schönebeck.

Da begann für Präparator Andreas Seidel die aufregende Reise. "Ich wusste nicht, in welchem Zustand der Fisch war." Unklar war, wie oft der Quastenflosser eingefroren oder aufgetaut, in welcher Qualität das Fleisch war. Die Augen waren eingefallen, bei einer Untersuchung waren die Gehörsteine entfernt worden.

Zu Beginn seiner Arbeit stand fest: Der Quastenflosser wird so präpariert, dass er weiter für die Forschung zu gebrauchen ist. Dafür kam nur eine Alkohollösung infrage. Doch zunächst musste der Fisch wieder aufgetaut werden. "In normalem Süßwasser war das nicht möglich, weil der Fisch dann zerfallen wäre. Wir haben uns vom Magdeburger Verein für Meeresaquaristik Salzwasser herstellen lassen." Für den Auftauprozess holte sich Seidel Hilfe von einem befreundeten Bremer Präparator. Die beiden schlossen sich an einem Sonn- abend in der Präparatorenwerkstatt im Naturkundemuseum ein. Und "schwitzten Blut und Wasser", wie der Experte beschreibt. "Wir wussten, wir haben nur diese eine Chance." Die Angst, dass etwas schief laufen könnte, saß den Männern im Nacken. Geschützt in einem Beutel lag das Tier im Auftaubecken. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch sie gewannen.

Aufgetaut und an einer Angelsehne befestigt, kam der Fisch in eine Lösung aus Alkohol und Formalin. Immer wieder bettete Seidel den Quas-tenflosser um. Der Alkohol wandelte das Eiweiß des fettreichen Fleisches in eine kris-talline Struktur um.

Doch dem Präparator stand ein weiteres Wagnis bevor. In der Vereinbarung zur Präparation zwischen dem Schönebecker und dem Magdeburger Museum war abgemacht, dass das Naturkundemuseum einen Abguss machen durfte. Für die Positivform musste der Fisch für einen Tag in eine Silikonmasse gelegt werden. Doch auch das überstand der Quas-tenflosser unbeschadet. "Ich habe keine Experimente gemacht. In der Gussform fehlen Schuppen, doch diese Fehler habe ich nicht ausgeglichen." Das will Seidel, der 1980 seine Ausbildung begann, in der Nachbearbeitung mit Epoxydharz ausgleichen. Die Magdeburger behalten die Form. Ein Abguss geht nach Schönebeck, ein weiterer bleibt im Naturkundemuseum.

Fett im Tier trübt die Lösung ein

Am Original hat Seidel die Augen, die völlig eingefallen waren, ein wenig herausgehoben. Noch immer ist der Fisch in der Alkohollösung zum Aushärten. "Das dauert noch 14 Tage, drei Wochen. So lange sich die Lösung eintrübt, ist noch Fett im Tier." Lässt man das nicht heraus, droht der Fisch zu verfaulen. Bleibt das Tier zu lange in der Alkohol-Formalinlösung, so beginnen Schrumpfungsprozesse. "Man muss den richtigen Zeitpunkt abwarten, ehe man den Fisch aus der Fixierung nimmt."

Die ersten Besucher des Ausstellungsstückes waren Sven Schumann, der Vorsitzende des Schönebecker Museumsfördervereins, und die Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit, Cornelia Ribbentrop. "Es ist schon etwas unheimlich, ein Tier zu sehen, das schon so lange existiert", sagte Schumann beim Anblick des Quastenflossers. "Ihn bald im Museum zu haben, bereitet mir Gänsehaut."

"Dass es so gut geworden ist", freute sich Cornelia Ribbentrop. Auch sie spürte einen kalten Schauer. Doch für den Förderverein und das Museum in Schönebeck steht nun eine ganze Menge Arbeit an. Ihr "Baby" soll in einem würdigen Rahmen präsentiert werden. "Wir befinden uns mitten im Umbau. In diesem Jahr werden wir nicht fertig", sagte Schumann.

Kein Sonnenlicht für das Alkoholpräparat

Mit Seidel und dem Magdeburger Museumsleiter besprachen beide, was es bei der Präsentation zu beachten gilt. "Kein Sonnenlicht ist wichtig. Alkoholpräparate wie dieses, die wissenschaftlich genutzt werden, stehen kalt und dunkel", erklärte Seidel. Möglich wäre die Präsentation auf einem sich langsam drehenden Rollteller, mit einer LED-Lichtquelle von unten in einem abgedunkelten Raum.

Seidel und Pellmann boten den Schönebeckern an, bei der Ausgestaltung behilflich zu sein. "Und wenn sich die Lösung nach drei oder vier Jahren wieder eintrübt, komme ich gern nach Schönebeck und wechsele sie aus", versprach Andreas Seidel, dem der Quas-tenflosser in der gemeinsamen Zeit ans Herz gewachsen ist.

 

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