Der Mord an drei Menschen im knapp 80 Einwohner zählenden Genthiner Ortsteil Hüttermühle hat gestern Sachsen-Anhalt erschüttert. Ein 28-Jähriger, der zuletzt in einem Projekt für betreutes Wohnen in Wittenberge (Brandenburg) gelebt hat, richtete in dem privaten Schießstand von Hüttermühle ein Blutbad an.

Genthin. Am Donnerstagabend klingelt gegen 22.30 Uhr bei der Polizei das Notruftelefon. In der Leitung ist ein Mann, der hörbar aufgeregt mitteilt, dass ihm ein Verwandter gerade gebeichtet habe, in einem Schießstand auf drei Menschen geschossen zu haben. Er hinterlässt Namen und Adresse.

Das Genthiner Revier schickt umgehend einen Streifenwagen nach Hüttermühle, einem Ortsteil der Stadt. Die Streifenbeamten stellen fest, dass es sich bei dem Anrufer nicht um einen Aufschneider gehandelt hat. In einem Vorraum des Schießstandes liegen drei Tote im eigenen Blut. Erschossen. Ein Revierbeamter, der als einer der ersten am Einsatzort war, gestern zur Volksstimme: "Ich bin schon viele Jahre im Polizeidienst, aber so etwas habe ich noch nicht gesehen."

Durch den Anrufer ist klar, wer der mutmaßliche Täter ist. Ein 28 Jahre alter Mann aus einer betreuten Wohnanlage in Wittenberge (Brandenburg). Nachfragen ergeben, dass er nicht zu Hause ist. Ermittler postieren sich in der Nähe der Wohnung, um in "als Zeugen zu befragen", wenn er auftaucht.

Die Fahndung nach einem silbermetallicfarbenen Citroen geht über die Ticker. Das Auto von Alexander B. wird gesucht. Die Polizei warnt über Radio: "Gesucht wird ein Citroen ,Saxo‘. Vorsicht, der Fahrer ist wahrscheinlich bewaffnet."

Ein Hubschrauber wird eingesetzt. Weil die Schüsse erst kurze Zeit zuvor gefallen sind, erhoffen sich die Ermittler davon einen schnellen Fahndungserfolg.

"Da kommen Leute rein und schießen einfach"

Ein Fährtenhund nimmt Witterung auf. Die Spur führt aus dem kleinen Objekt in einem Fichtenwald heraus, durch das eiserne Tor mit dem Schild "Schießstand Hüttermühle Jägerschaft Genthin e. V." und den Öffnungszeiten (Donnerstag bis 19 Uhr) und über die Bundesstraße 107.

Der Imbissbudenbesitzer vom "Fiener Grill" in Steinwurfweite des Waldstücks macht den Umsatz seines Lebens. Verfrorene Polizisten, unterkühlte Journalisten bestellen heißen Kaffee zum Mitnehmen und extrascharfe Soljanka. "Da kommen Leute rein und schießen einfach und keiner weiß warum", schüttelt die Chefin den Kopf. "Ja, ja die Zeiten werden immer schlimmer." Nicken im Rund der Fernfahrer.

Die grünen Mannschafts-Bullis der Bereitschaftspolizei rücken an, erst fünf, dann noch mal fünf. Doch bleiben sie nicht lange auf der kleinen Parkfläche gegenüber dem Imbiss. Nach zehn Minuten rücken die Männer und Frauen aus Magdeburg-Cracau wieder ab – Richtung Haldensleben.

Der Grund für den schnellen Aufbruch: Bei Hütten in der Colbitz-Letzlinger Heide wurde das Handy des Verdächtigen geortet.

Das Tor zum Schießstand schwingt auf. Das Fahrzeug eines Bestattungsinstituts rollt langsam an. Doch Minuten später muss der Leichenwagen wieder umkehren. Zu früh. Die Arbeit der Rechtsmedizinerin aus Halle ist noch nicht beendet. Eine halbe Stunde später steht der silbergraue Audi mit den roten Vorhängen erneut vor den Absperrern aus dem Genthiner Polizeirevier.

Zwei Tieflader biegen auf die B 107. Beladen mit den zwei Autos der Opfer, die vor dem sogenannten Schießbunker abgestellt waren.

Erste Nachrichten über die Opfer sickern durch. Der 62 Jahre alte Schießwart aus Genthin sowie eine 44-Jährige mit ihrem 25 Jahre alten Sohn aus dem Land Brandenburg sind die Toten.

Gibt es Beziehungen zwischen den Opfern? Oder zwischen dem Tatverdächtigen und den Toten? Was haben die vier so spät noch auf dem Schießplatz gemacht? War ihr Zusammentreffen zufällig?

"Wir müssen erst überprüfen, ob der Tote Alexander B. ist"

Schulterzucken bei den Polizeisprechern. Keine Antworten auf diese Fragen von der Staatsanwaltschaft: "Wenn wir den 28-Jährigen haben, sehen wir weiter."

Doch dazu kommt es nicht. Gegen Mittag finden die Fahnder in einem Waldstück bei Bülstringen im Bördekreis einen vierten Toten. Er liegt neben einem Chevrolet. Das Gesicht voller Blut. Kopfschuss aus nächster Nähe. Selbstmord. Der Dreifachmörder von Hüttermühle hat sich selbst gerichtet.

Doch die Ermittler bleiben skeptisch: "Wir müssen erst überprüfen, ob es sich um ein und dieselbe Pistole handelt. Und die Obduktion muss klarstellen, ob der Tote Alexander B. ist."

Doch alles spricht schon zu diesem Zeitpunkt dafür, dass der 28-Jährige auf dem gefrorenen Waldboden der Mörder ist. Zumal Nachfragen beim Autovermieter ergeben, dass der Wittenberger den Kleinwagen gemietet hat. Die Version, wonach möglicherweise der Dreifachmörder auf den Chevrolet-Fahrer getroffen ist und ihn erschossen hat, oder dass es ein tödliches Drama zwischen zwei Tätern gegeben haben könnte, ist vom Tisch.

Das Auto des 28-Jährigen, das zur Fahndung ausgeschrieben war, wird fast zeitgleich in Burg gefunden. B. hat dem Citroen dort abgestellt, um das Fahrzeug zu wechseln und somit seinen "Jägern" zu entgehen.

Was ihn dann letztlich dazu gebracht hat, seinem Leben ein Ende zu setzen, wird wohl das Geheimnis von Alexander B. bleiben. Möglicherweise konnte er mit der Schuld nicht leben. Möglicherweise sah er keinen Ausweg mehr, weil sich die Schlinge um seinen Hals immer enger zuzog.

Das Motiv für die Tat war gestern ebenfalls noch ein Rätsel. Vielleicht eines, was nie gelöst werden kann. Denn alle, die dazu etwas sagen könnten, leben nicht mehr.

 

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