Der Maler und Grafiker Willi Sitte wird am Montag 90. Er gilt als einer der bedeutendsten Gegenwartskünstler, ist wegen seiner Vergangenheit als DDR-Kulturfunktionär jedoch umstritten. Eine Ausstellung in Halle, wo er seit 1947 lebt, gibt es zum Geburtstag nicht.

Halle/Merseburg (dpa/dapd). An Willi Sitte scheiden sich die Geister. Für die einen ist der Maler und Grafiker aus Halle, der am 28. Februar 90 Jahre alt wird, einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Für die anderen ist er ein "Staatskünstler". Sitte war 14 Jahre lang Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR und saß zeitweilig in der Kulturkommission des Zentralkomitees der SED.

Er selbst sagte in einem seiner wenigen Interviews nach 1990: "Ich war immer ein fleißiger Maler." Die Tatsache, dass ihn sein Gesundheitszustand mehr und mehr an den Rollstuhl fesselte, hat den Menschen Sitte schwer gezeichnet. Nach einer Hüftoperation vor einigen Jahren hatte er sich nicht wieder vollständig erholt. Die Situation sei vor allem für ihn selbst nur schwer zu verwinden. Seine Tochter Sarah Rohrberg berichtet, ihr Vater habe kürzlich im Familienkreis gesagt: "Genug! Jetzt kann ich mich ausruhen." Der Künstler betritt wegen Krankheit sein Atelier nicht mehr. Seinen Geburtstag wird er im Kreise der Familie, unter vertrauten Menschen, verbringen.

Der Bestand an Sittes Werken ist riesig. Einer breiten Öffentlichkeit ist er im Osten mit großformatigen Werken mit Arbeitermotiven der DDR wie Brigadiers, Berg- und Fabrikarbeitern sowie den Chemiewerkern aus Leuna bekannt. Skizzenbücher, die erstmals anlässlich seines 90. Geburtstages in einer Ausstellung in der Willi-Sitte-Galerie in Merseburg (Saalekreis) unter dem Titel "Liebe, Lust und Erotik" gezeigt werden, zeigen einen anderen Sitte – mit feinen Linien und Zügen in seinen Arbeiten.

Die Themen Lust, Leben und Erotik sowie sein Bekenntnis gegen Gewalt ziehen sich nach Ansicht des halleschen Kunsthistorikers Hans-Georg Sehrt durch das gesamte Werk des Malers. Stellvertretend nennt er Sittes Arbeit über das SS-Massaker in Lidice oder das Triptychon "Der Höllensturz von Vietnam". Sehrt plädiert für einen fairen Umgang mit der Kunst von Sitte, "das heißt nicht, dass man etwas verdrängt". Sehrt möchte, dass "zunehmend die Chance besteht, das Gesamtwerk von Sitte zu sehen". "Der spannende Punkt ist für mich in der Diskussion um den umstrittenen Sitte, dass es dabei meist nicht um das Werk, sondern um seine Arbeit als Kulturfunktionär geht", sagt der Kunsthistoriker.

Bis heute schlägt das Herz für Italien

Sitte wurde 1921 in Kratzau als Sohn einer Tschechin und eines deutschen Bauern geboren. Als Autodidakt lernte er die Malerei. Nach einem Kunststudium in Reichenberg nahm Sitte 1939 ein Malerei-Studium an der Hermann-Göring-Meisterschule in Kronenburg in der Eifel auf. Dort wurde er 1940 von der Schule verwiesen, weil er gemeinsam mit anderen Kommilitonen gegen die Methoden des Professors Werner Peiner protestierte.

Sitte wurde zum Kriegsdienst eingezogen, wo er 1944 desertierte und zu den italienischen Partisanen in den Widerstand floh. In Montecchio Maggiore soll er dann wieder gemalt haben. "Er hatte dort sogar eine Ausstellung, konnte sich ein bisschen was aufbauen", erzählt seine Tochter heute. Doch er ging, eigentlich nur, um seinen vollständigen Umzug nach Italien vorzubereiten, zurück nach Deutschland und blieb. "Bis heute sind seine Gefühle zerrissen", sagt Rohrberg. Sein Herz schlage für Italien. "Für ihn ist das seine wahre Heimat", sagt die 44-Jährige. Die Stadtväter von Montecchio Maggiore machten Sitte 2008 zum Ehrenbürger.

In der westdeutschen und europäischen Kunstszene wurde Sitte spätestens durch seine Teilnahme an der "documenta" im Jahr 1977 in Kassel bekannt, wo er zusammen mit den Begründern des Malstils "Leipziger Schule" wie Bernhard Heisig (85), Wolfgang Mattheuer (1927-2004) und Werner Tübke (1929-2004) die DDR vertrat. Sitte bekannte sich stets als Kommunist, obwohl er in der DDR zunächst keine sozialistische Bilderbuchkarriere begonnen hatte und wegen seiner zuweilen lebensprallen erotischen Malereien auf Widerspruch bei restriktiven SED-Kulturpolitikern stieß.

Zu DDR-Zeiten aber wurden seine Bilder zu Standardwerken realsozialistischer Kunst erhoben. Gemälde wie "Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg" sind dafür Beispiel. Mit nahezu 1300 Gemälden, Zeichnungen und Grafiken ist nur ein Teil seines umfangreichen Lebenswerkes in die Willi-Sitte-Stiftung eingegangen, welche die Galerie in Merseburg betreibt. Sie wurde 2006 zu Sittes 85. Geburtstag vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) eröffnet.

In Halle gibt es keine Geburtstagsschau

Eine geplante Schau zum 80. Geburtstag wuchs sich indes zu einem Skandal aus. Eigentlich sollte die Schau im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg Rückblick auf das Sitte-Werk halten. Der Verwaltungsrat des Museums stoppte das Vorhaben aber, mit der Begründung, es bestehe noch Bedarf bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Person des Künstlers. Die für Mitte 2001 geplante Ausstellung wurde verschoben und für 2003 in Aussicht gestellt. Nach etlichen Querelen sagte Sitte die Exposition in Nürnberg ab.

Zum 90. Geburtstag wird es in seiner langjährigen Heimat Halle keine Ausstellung geben. In Halle, wo Sitte seit 1947 lebt, gebe es nicht die Räume für eine große Werkschau, gab das Kulturamt der Stadt bekannt. "Die Stiftung Moritzburg hat vor Jahren angeboten, einmal eine kritisch reflektierende Ausstellung zu erarbeiten, da das Werk Willi Sittes aus unserer Sicht nicht losgelöst von den gesellschaftlich-politischen Verhältnissen betrachtet werden kann. Willi Sitte konnte sich zu so einem Projekt nicht verständigen", erklärte Stiftungsdirektorin Katja Schneider. Und: "Unsere Haltung ist unverändert", so die Chefin des Landeskunstmuseums Sachsen-Anhalt.