Beim Zugunglück von Hordorf hat der Triebfahrzeugführer des Harz-Elbe-Express (HEX) mit einer Schnellbremsung offenbar ein noch größeres Unglück verhindert. Das geht aus einem Bericht des Bundesverkehrsministeriums hervor. Gestern konnten die letzten sieben der insgesamt zehn Todesopfer identifiziert werden. Bahnchef Rüdiger Grube hat Investitionen in Sicherungstechnik versprochen. Die Bahn war seit 2002 dazu ermahnt worden.

Magdeburg. Laut Identifizierung kommen neun der zehn Toten aus dem Harz. Es handelt sich nach Polizeiangaben um vier Mädchen und Frauen im Alter von 12 bis 61 Jahren sowie sechs Männer zwischen 33 und 74 Jahren.

Im ersten Untersuchungsbericht des Bundesverkehrsministeriums (Die Seite Drei) zum Unglück heißt es: "Nach erster Grobauswertung des Fahrtenschreibers des HEX 80876 hat der Triebfahrzeugführer noch eine Schnellbremsung eingeleitet, die den Personenzug von ca. 98 km/h auf ca. 66 km/h beim Zusammenstoß abgebremst hat." Zum Zeitpunkt des Unfalls hätten alle Signale und Weichen auf freie Fahrt für den HEX-Zug Magdeburg – Thale/Blankenburg gestanden. Der Lokführer des entgegenkommenden VPS-Güterzugs hat demnach zwei Signale ignoriert, eine geschlossene Weiche aufgefahren und war in den eingleisigen Bereich gerast, wo es zum Zusammenstoß mit dem HEX-Zug kam. Gegen den Lokführer ermittelt die Staatsanwaltschaft. Er schweigt zum Unfallhergang.

Andreas Putzer, Geschäftsführer des HEX-Betreibers Veolia, sagte der Volksstimme: "Das Unglück wäre wohl noch schlimmer ausgefallen, wäre unser Zug nicht vom Gleis geschleudert worden.Dann hätte der Güterzug sicherlich auch den zweiten Wagen völlig zerstört, in dem die meisten Überlebenden saßen."

Zugleich werden Fragen an die Schienennetz-Betreiberin Deutsche Bahn (DB) lauter, warum sie die Strecke nicht vollständig mit einer Punktförmigen Zugbeeinflussung (PZB) ausgerüstet hat. Diese kann einen Zug automatisch stoppen, wenn dieser ein Halt-Signal überfährt. Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre (CDU) hatte der Volksstimme gesagt, das Land dringe gegenüber der DB seit 2002 auf den Ausbau dieser Strecke, "der die Ausrüstung mit moderner Sicherungstechnik einschließt". Veolia-Chef Putzer sagte gestern: "Wir haben die DB Netz AG bereits zur Betriebsaufnahme 2005 ersucht, alle von uns befahrenen Strecken mit PZB auszurüsten. Sämtliche unserer Züge besitzen diese Sicherheitstechnik."

Die Deutsche Bahn reagierte aber erst, als 2006 bei Blumenberg zwei Züge beinahe zusammengestoßen waren. "Die Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes hat danach eine Sicherheitsempfehlung an die Bahn zum PZB-Einbau auf der Strecke Magdeburg – Halberstadt gegeben", sagte Moritz Huckebrink, Sprecher des Eisenbahnbundesamtes. DB Netz habe daraufhin 2007 ein "Sofortprogramm" dafür aufgelegt. Bis heute sind erst fünf von sieben Gefahrenpunkten damit ausgerüstet, Hordorf und Oschersleben nicht.

Bahnchef Rüdiger Grube kündigte am Montagabend in der ARD eine beschleunigte PZB-Nachrüstung auf eingleisigen Strecken an. Grube sagte: "Ich meine, wir sollten hier einen Schlag zulegen und diese Schwachstellen so schnell wie möglich beseitigen."

Am Sonnabend soll in Halberstadt mit einer Trauerfeier der Opfer des Zugunglücks gedacht werden. Der Landkreis Harz hat ein Spendenkonto eingerichtet. Im Hauptbahnhof Halberstadt liegt im Veolia-Kundenbüro ein Kondolenzbuch aus.