Ein Ort ist geschockt. Die knapp 2000 Einwohner von Langenstein trauern und bangen. Sie trauern um vier Menschen, die beim Zugunglück von Hordorf starben. Sie bangen um die einzige Überlebende dieser Familie – die schwer verletzte, zehn Jahre alte Amalia.

Langenstein. Das Leben im Vorharzort Langenstein scheint gestern so abzulaufen wie immer. Doch dieser Eindruck täuscht. Auf der Straße, in den Wohnungen, in der Grundschule gibt es nur ein Thema: Das schreckliche Geschehen in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag, bei dem zehn Menschen starben und 43 verletzt wurden.

Die Menschen des Halberstädter Ortsteils sind besonders betroffen, weil gleich vier Langensteiner unter den Todesopfern sind – Claudia R. (29), ihr Lebensgefährte Alex K. (33), dessen Mutter Monika K. (61) und Jennifer (12). Die zehnjährige Amalia, Tochter von Claudia R., liegt schwer verletzt in der Klinik im künstlichen Koma: Schädelhirntrauma, Organverletzungen, Frakturen. Laut Halberstädter Krankenhaus bestehe keine akute Lebensgefahr mehr, allerdings sei der Zustand des Kindes kritisch.

Bei Ortsbürgermeisterin Ursula Kirste hört das Telefon seit Tagen nicht auf zu läuten. Mit müden Augen sagt sie, dass sie am liebsten gar nichts mehr sagen möchte. "Eine schreckliche Geschichte. Alle sind betroffen – zutiefst betroffen." Sie selbst auch und sie müsse sich doch nun aber um Vieles kümmern.

"Viele wollen spenden oder sich einbringen"

"Ich muss Kontakt mit dem leiblichen Vater der kleinen Verletzten aufnehmen und vielleicht mit dessen Eltern. Außerdem muss ich mich darum kümmern wie das mit den Beisetzungen ablaufen soll."

Ein Gottesdienst ist für Freitag geplant. Am Sonnabend folgt im Halberstädter Dom eine Trauerfeier. Der Gottesdienst in Langenstein solle ohne Presse, "ohne Rummel" stattfinden – nur die Gemeinde. Darauf habe der Pfarrer gepocht, auch wegen der begrenzten räumlichen Möglichkeiten.

Die meisten Einwohner seien sowieso vom Trubel, den es seit Bekanntwerden der Opferliste gebe, nicht erfreut. "Sie wollen ihren Schmerz nicht nach draußen tragen und öffentlich vor Kameras und Mikrofonen offenbaren."

Es gebe eine "riesige Hilfswelle" in Langenstein. "Viele wollen Geld spenden oder sich irgendwie einbringen, um zu helfen."

In der Quedlinburger Straße, nur wenige Meter vom Wohnhaus der Bürgermeisterin, wartet Heike Claßen auf ihren Ehemann. Gemeinsam mit zwei Ferienkindern wollen die Langensteiner eine Wanderung unternehmen. "Schrecklich, ganz schrecklich", sagt die 63-Jährige. "Ich habe auch eine 14 Jahre alte Enkelin in Magdeburg. Mir ist beinahe das Herz stehen geblieben, als ich das von der Zehnjährigen und ihrer Familie gehört habe."

Am Sonnabend sei sie in Magdeburg in der Bördelandhalle gewesen. "Ich habe nach dem Konzert gesagt: Ich fahre mit dem Zug zurück, mein Fahrschein ist doch noch nicht abgefahren." Es wäre derselbe Zug gewesen, der bei Hordorf frontal mit dem Güterzug zusammengestoßen ist.

Heike Claßen fuhr erst am Sonntag. Da waren die Bahnmitarbeiter außergewöhnlich freundlich. "Sie haben mir die Situation erklärt und gesagt, dass sie nicht in Oschersleben halten." Später hätten Bekannte und Verwandte angerufen, die Furcht hatten, dass Heike Claßen in dem Unglückszug gesessen haben könnte.

Ein älterer Langensteiner, der zum Spitzenberg will. Dort hat die Familie bis zum Drama im Bördekreis gewohnt. "Nee, nee, da denkt man immer, dass so was bloß woanders passiert. Nun hier im Ort – das kann man sich gar nicht richtig vorstellen."

Nachbarn von Familie R. bezeichnen sie als freundlich und hilfsbereit. Sie hätten erst seit etwa einem Jahr in Langenstein gewohnt, wissen sie.

Die fünfköpfige Familie war am Sonnabend nach einem Berlin-Ausflug auf dem Nachhauseweg. Sie hatte sich das Musical "Apassionata" angesehen. In Magdeburg stiegen sie in den Unglückszug des Harz-Elbe-Expresses.

In Amalias Schule, der Grundschule "Hans Neubert" in Langenstein, hoffen alle, dass die Zehnjährige das letzte halbe Jahr bis zum Ende der 4. Klasse bald beenden kann, ehe sie auf eine andere Einrichtung wechselt.

Klassenleiterin Sabine Dänhardt hat die Mitschüler am Montag bei einem sogenannten Sitzkreis über das Unglück informiert. Die Kinder der Schule haben Bilder gemalt, Briefe geschrieben und die Religionslehrerin hat für Amalia eine Kerze angezündet.

"... die Hoffnung, dass Amalia bald wieder gesund ist"

Schulleiter Volker Heinold: "Der Vater unserer Schülerin hat am Montag angerufen und uns mitgeteilt, dass seine Tochter im Zug saß und schwer verletzt ist." Da habe man allerdings noch nicht gewusst, dass die gesamte Familie zu den Todesopfern gehörte. Das sei erst nach und nach bekannt geworden. "Die Klassenleiterin musste diese Informationen erst einmal selbst verarbeiten, dann ist sie vor die Klasse getreten", berichtet Heinold.

"Man muss mit solchen Themen sehr sensibel umgehen", ergänzt er mit Blick auf das Alter der Grundschüler. "Und ich glaube, wir sind auch sehr behutsam damit verfahren." Bei den Gesprächen – auch in den anderen Klassen – habe somit auch nicht das grauenvolle Unglück im Mittelpunkt gestanden, "sondern die Hoffnung, dass Amalia bald wieder gesund ist".

Die Klassenleiterin charakterisiert die Zehnjährige als "freundliche und hilfsbereite Schülerin", die im 16-köpfigen Klassenverband "beliebt" sei.

Heinold: "Inzwischen hat uns das Landesverwaltungsamt Hilfe angeboten." Schulpsychologen könnten angefordert werden, wenn die Pädagogen allein mit der Situation nicht zurechtkämen.

Aus dem Schulhort schallt lautes Kinderlachen. Es scheint ein Tag wie jeder in Langenstein zu sein. Doch wer genauer hinsieht und hinhört, erfährt, dass ein dunkler Schleier über dem Ortsteil liegt. Darüber kann auch die helle Wintersonne nicht hinwegtäuschen.