201 deutsche Polizisten bilden gegenwärtig am Hindukusch afghanische Ordnungshüter aus, fort und betreuen Polizeistationen. Bis 2014 sollen so 134000 Neupolizisten im Land einsatzbereit sein. Die Volksstimme begleitete einen Konvoi von Feldjägern und Polizisten in Masar-i-Sharif.

Masar-i-Sharif. Abdul Akbari ist sauer. Gerade ist der Chef der Polizeistation am Südrand von Masar-i-Sharif von einem Kontrollpunkt in der Innenstadt zurückgekommen, als ihm sein Stellvertreter mitgeteilt hat, dass der Kompressor, den ihm die Deutschen im Rahmen der Polizei-Aufbauhilfe gebracht haben, schon wieder den Geist aufgegeben hat.

Der afghanische Polizeimajor schüttelt mehrmals ungehalten den Kopf, als ihn der deutsche Polizeiführer der kleinen Kolonne, Kommissar Lars aus Niedersachsen, auf den neuerlichen Defekt anspricht. Und an den militärischen Führer des 13-Mann-Konvois, Hauptfeldwebel Sebastian von den Burger Feldjägern, gerichtet, erklärt Lars: "Das ist bereits das dritte Aggregat, das wir hergebracht haben. Beim letzten haben die afghanischen Kollegen einfach vergessen, dass es mit Wasser gekühlt wird ..."

Der Mix aus Feldjägern und Nichtmilitärpolizisten ist in Masar-i-Sharif unterwegs, um in der Polizeistation am Südrand der größten Stadt der Provinz Balkh und im Norden nach dem Rechten zu sehen. Außerdem wollen sie sich anschauen, wie die "Locals" mit den grauen Schirmmützen das Gelernte an Checkpoints der Universität Balkh anwenden.

Doch zuerst geht es um Kontaktpflege zu den afghanischen Polizisten. Dazu gehören in der Polizeistation die obligatorische Tasse Tee und Bonbons in kleinen Schälchen genauso wie Gespräche über die jüngsten Vorfälle im Zuständigkeitsbereich der Station.

Ein "Versehen" sei passiert, berichtet dann auch Major Akbari nach einigen Floskeln über das Wetter und die allgemeine Lage im Land. "Beim Buzkashi (ein Reiterspiel, bei dem zwei Mannschaften versuchen, eine tote Ziege in einen Kreis zu legen, d. Red.) wurde ein Mann erschossen." Doch der Täter sei durch seine Männer bereits festgesetzt worden, verkündet der Chef mit wichtiger Miene.

Burger Feldjäger dirigiert den Konvoi

Die kleine Fahrzeuggruppe hatte am Morgen das Camp "Marmal" bei Masar-i-Sharif verlassen. In der Mitte des Konvois die zwei schwarzen gepanzerten Mitsubishi mit den vier Zivilpolizisten.

Im Führungs-"Dingo" dirigiert Hauptfeldwebel Sebastian vom Feldjägerdienstkommando in Burg die fünf Kraftfahrzeuge. Der 31-Jährige ist seit 2003 das vierte Mal in Afghanistan. Dazwischen – 2004 – war er im Kosovo eingesetzt.

Über die sogenannte Nordumfahrung durch die Wüste, vorbei an betonierten Fahzeuggräben vor dem Camp-Sperrzaun, Baufahrzeugen und Schafen ging es Richtung Stadt. Oberfeldwebel Robert, Richtschütze im Führungsfahrzeug, hatte im MG-Kampfstand des "Dingo2" wie immer aufmerksam jede Bewegung im Umfeld beobachtet. Die "Achsbruchpiste" endete abrupt am Ortsrand von Masar-i-Sharif. Dort wurde aus der "Desert Road" eine vierspurige Asphaltstraße mit blitzend neuen Bus-haltestellen.

Major Akbari hat soeben laut schimpfend die Polizeistation verlassen, als Militärpolizist Sebastian von einem Kameraden auf den Hof der mit hohen Mauern umfriedeten Station gerufen wird. "Draußen laufen Leute mit Waffen rum." Der Burger steigt die vereiste Holztreppe bis zum "Wehrgang" hinter der Natodrahtrolle hinauf. "Was gibt‘s?" Sein Kamerad zeigt nach vorn: "Zwei Jugendliche. Sieht nach Luftgewehren aus." Die beiden Feldjäger schauen den jungen Männern nach, bis sie sie aus den Augen verlieren. Keine Gefahr.

Draußen läuft der Kompressor wieder. Akbari lässt mit unüberhörbarem Triumph übersetzen: "Wusste ich doch, dass er nicht kaputt ist." Doch ist sein Groll, vor den Deutschen bloßgestellt worden zu sein, nicht verraucht. Plötzlich hat er keine Zeit mehr, den versprochenen Kontrollpunkt einzurichten, damit die deutschen Polizisten den Ausbildungsstand beurteilen können.

Er schlägt jedoch vor, den Checkpoint an der Universität in der Innenstadt unter die Lupe zu nehmen. Dort würden seine Leute und die der Citypolizeistation kontrollieren.

Gefechtsstand im Camp verfolgt Weg des Trupps

In Masar-i-Sharif gibt es neun Polizeistationen – jede mit 36 Mann besetzt. Im Durchschnitt ist eine Station für 100 000 Familien zuständig. Ein einfacher Polizist verdient rund 110 Euro.

Die Männer am Haupteingang der Uni machen ein wichtiges Gesicht und durch ihre Uniformen geht ein Ruck, als sie die deutschen Kollegen kommen sehen. Mit der Kalaschnikow im Anschlag zeigen sie, wie sie filzen und sichern können. Mit stoischer Ruhe lassen die Studenten, die zur fünftägigen Aufnahmeprüfung den Campus betreten wollen, die Prozedur über sich ergehen.

Abklopfen links und rechts, oben und unten.

Die Militärpolizisten vor dem Tor sichern die eigenen Fahrzeuge. Den Gesichtern der Passanten ist anzusehen, was sie denken: Was ist denn hier los? Der stellvertretende Hochschuldirektor lässt anfragen, was der marzialische Auftritt der Deutschen soll. Die Antwort beruhigt ihn. Nach einer halben Stunde rollte der Konvoi zur Station am Südrand der Stadt weiter.

Im Gefechtsstand im Camp "Marmal" verfolgt Oberstabsfeldwebel Rüdiger aus Lostau bei Burg jede Bewegung der Gruppe auf der Landkarte über eine Art GPS. Jeder unplanmäßige Stopp der Operation lässt bei ihm die Alarmglocken schellen. Doch die Gruppe seines Burger Kameraden bereitet ihm keine Sorgen.

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