Land unter – eine ganze Region versinkt im Wasser. Seit dem Jahr 1993, als die beiden Wasserwerke südlich von Schönebeck ihren Betrieb einstellten, bleiben täglich sieben Millionen Liter Wasser im Boden. Dieser und eine Reihe anderer Faktoren sind der Grund, warum der Grundwasserspiegel in der Region Schönebeck stark angestiegen ist.

Schönebeck. Die Bundeskanzlerein schweigt betroffen. Als Angela Merkel unlängst mit Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (beide CDU) von Halle aus in Richtung Magdeburg die Region zwischen Calbe, Barby und Schönebeck überfliegt, fällt kein Wort im Regierungshubschrauber. Was die beiden Politiker sehen, erinnert mehr an die Mecklenburger Seenplatte als an den östlichen Ausläufer der fruchtbaren Magdeburger Börde: Dort, wo sich eigentlich Weizen, Mais, Raps und Zuckerrüben gen Himmel strecken, steht das Wasser. Viel Wasser.

Alte Flussläufe kommen zum Vorschein, vergessene Gräben, Flutrinnen, Versickerungsmulden und kleine Seen. Das Gebiet zwischen Saale und Elbe ist feucht wie ein Schwamm. "Das ist die Jahrhundertflut des Dräng- und Grundwassers", erklärt Christian Jung, Flussbereichsleiter im Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft. Er prophezeit eine Grundwasserwelle in den nächsten Monaten von 30 bis 70 Zentimeter.

Der ansonsten zurückhaltende Jung findet Worte, die für ihn unüblich sind. Doch das ist der Tatsache geschuldet, dass die Region südlich von Schönebeck zum Symbol der derzeitigen Situation geworden ist. Mitte Januar ließ Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aeikens (CDU) in einer Pressemitteilung informieren, dass die Grundwasserstände in Sachsen-Anhalt aktuell 61 Zentimeter über den mehrjährigen Monatsmittelwerten liegen.

61 Zentimeter.

So viel Wasser mehr im Boden können die Häuser zwischen Barby und Schönebeck nicht mehr abwehren. Keller laufen voll und vernässen. In den Ortschaften Wespen, Gnadau und Döben sollen mehr als 90 Prozent der Häuser betroffen sein, in den Schönebecker Stadtteilen Felgeleben und Sachsenland sieht es nicht viel besser aus.

Um das Handeln für die Zukunft zu bestimmen, lohnt ein Blick zurück in die Vergangenheit. Zu DDR-Zeiten gab es südlich der Kreisstadt Schönebeck zwei Wasserwerke – in Zackmünde und Felgeleben. Sie entnahmen Grundwasser aus dem Boden und versorgten damit nicht nur die 45 000 Einwohner der Elbestadt, sondern auch die Industrie: Traktoren-, Dieselmotoren- und Gummiwerk. Nach einer "Wasserrechtlichen Nutzungsgenehmigung" waren es täglich sieben Millionen Liter Grundwasser. Jeden Tag, Jahr für Jahr.

Wasser macht nicht an Kommunalgrenzen Halt

Auf diese Zahl stößt Ende des vergangenen Jahres der FDP-Landtagsabgeordnete Johann Hauser. Der Atzendorfer ist eine Art Ein-Mann-Eingreiftruppe. Selbst Landwirte und Bürgermeister rufen den Liberalen zu Hilfe, obgleich Problemschwerpunkte nicht in seinem Wahlbereich liegen. "Das Grund- und Drängwasser macht nicht an kommunalen Grenzen Halt. Das ist ein Problem, das uns alle angeht", begründet Hauser.

Er gräbt im Fall Schönebeck die Leistung der alten beiden Wasserwerke aus, die im Jahr 1993 abgeschaltet wurden. Im Jahr wurden durchschnittlich rund fünf Millionen Kubikmeter (ein Kubikmeter sind 1000 Liter) Wasser gefördert. Dafür gab es mehrere Bohrbrunnen. Ein Brunnen war zwischen zehn und 15 Meter tief.

Die unvorstellbare Menge von 5 000 000 000 Litern Wasser, die pro Jahr in Schönebeck aus dem Boden gezogen wurde, bewirkte eine ständige Grundwasserabsenkung, die nach Ansicht von Hydro-Geologen eigentlich gar nicht beabsich-tigt war. Die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser war vordringliches Anliegen, die Absenkung des Grundwassers ein zunächst ungewollter, aber passender Nebeneffekt.

Schon ein Jahr nach Abschaltung der Wasserwerke melden sich die ersten Felgeleber und Sachsenländer: Sie haben Wasser im Keller. Eine Bürgerinitiative formiert sich und kämpft seit inzwischen 17 Jahren (ergebnislos) dageben an, eine Anzeige gegen die Stadtverwaltung und den Landkreis Schönebeck wird eingestellt.

Denn die Rechtslage ist klar: Aus den hohen Grundwasserständen ist kein Anspruch seitens der betroffenen Grundstückseigentümer auf be- stimmte Maßnahmen der Kommunen beziehungsweise der Behörden abzuleiten, obwohl es nach Wasserrecht zu DDR-Zeiten keine Genehmigung für eine Grundwasserabsenkung gegeben haben soll. Dennoch bestehe jetzt kein Recht auf Schadenersatz. Das zumindest ist schon im Jahr 2003 offizielle Meinung der damaligen Landwirtschaftsministerin Petra Wernicke (CDU). Der Umwelt-Ausschuss des Landtages beschäftigt sich in seiner 11. Sitzung am 26. März mit der "Lösung der Grundwasserprobleme im Raum Schönebeck" – was beweist, dass das Thema kein neues ist.

Natürliche Verhältnisse stellen sich wieder ein

Schon damals wird die dramatische Situation südlich der Elbestadt festgestellt. Die Grundwasserstände liegen 60 bis 80 Zentimeter über den langjährigen Mittelwerten. Hauptursache ist unter anderem "in der Wiederherstellung natürlicher Grundwasserverhältnisse nach dem Förderrückgang in der öffentlichen und industriellen Wasserversorgung" zu suchen. Zudem stellen sich die natürlichen Grundwasserverhältnisse wieder ein. "Das ist der Knackpunkt. Und die Zahlen aus den letzten Tagen der DDR belegen es, wenn in diesem Bereich im Jahr fünf Millionen Kubikmeter Grundwasser aus dem Boden gepumpt wurden. Die Masse an Wasser muss ja jetzt irgendwo bleiben", argumentiert Johann Hauser. Hinzu kommt, dass auch das Wasserwerk Barby mit einer noch viel größeren Pumpleistung ebenfalls abgeschaltet wurde.

Nach der Außerbetriebnahme dieser Wasserentnahmen stellen sich nach Ansicht des Landes nunmehr die natürlichen Grundwasserverhältnisse wieder ein. Johann Hauser bringt das Thema auf das Tapet im Land – wenngleich keine Kommune und keine Landesregierung dafür zuständig ist. Mit einem Selbstbefassungsantrag allein auf weiter Flur prescht der Atzendorfer nach vorn, wie eine Welle, die sich nun zu einem politischen Tsunami entwickelt hat.

Jetzt werden landesweit sieben Arbeitsgruppen gebildet, und der Landtag hat sich inzwischen mit dem Thema befasst. Die Region Schönebeck soll Pilotprojekt werden. Das bedeutet, dass nach einer Analyse, die im Sommer vorliegen soll, dann wirksame Methoden zur Grundwassersenkung vorgeschlagen werden. Unklar ist derzeit aber noch die nachfolgende Finanzierung. "Das Land unterstützt die Kommunen bei der Ermittlung, Ansätze zu einem Gebietswassermanagement für durch Vernäs- sungen dauerhaft beein- trächtigte bebaute Bereiche im Rahmen eines Pilotprojektes im Raum Schönebeck zu finden", teilt Detlef Thiel, Pressesprecher des Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt mit.

Daran klammern sich die tausenden Betroffenen im Dreieck zwischen Schönebeck, Calbe und Barby. Experten malen indes ein düsteres Bild: Wird in den nächsten Jahren nichts unternommen, werden die Kommunen hoffnungslos im Grund- und Drängwasser versinken.