Zu den bronzezeitlichen Funden am Haldensleber Gewerbegebiet "Südhafen" gehört auch eine mehr als 220 Meter lange Palisade, die das Handwerkerviertel vom Wohnbereich des Dorfes trennte. Wie Projektleiterin Susanne Friedrich gestern mitteilte, sei dieser archäologische Fund in dieser Form einzigartig in Sachsen-Anhalt.

Haldensleben. "Wie Sie jetzt sehen, sehen Sie gar nichts", so oder so ähnlich stimmt Projektleiterin Susanne Friedrich gestern die anwesenden Journalisten ein, die sich suchend auf dem abgetragenen Lehmsandboden umsehen. "Das ist oft das Problem der Archäologie", schmunzelt die Frau vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle. "Dort, wo dem Archäologen das Herz aufgeht, sieht der Laie häufig sehr wenig."

Dann deutet sie auf die Papierstreifen, die leicht schräg zur Ausgrabungstrasse, in wenigen Zentimetern Abstand auf dem Boden liegen. "Hier stand vor knapp 3000 Jahren ein Palisadenzaun. Es wird wohl so gewesen sein, dass diese Holzwand den Wohn- und den Handwerksbereich der Spätbronzesiedlung getrennnt hat." Die Archäologie kenne das von Flüssen, die als Feuerschutz zwischen den Wohngebäuden und dem Handwerksviertel dienten.

"Eine Siedlung viel größeren Ausmaßes"

Das Gebiet unweit des Mittellandkanals wurde zur Fundgrube für Ausgräber, nachdem beschlossen worden war, am "Südhafen" Gewerbe anzusiedeln. Zuerst wurde dort im Juli des vergangenen Jahres die Bestattungsstätte einer "gut situierten Dame" gefunden. Die Unbekannte war vor rund 2000 Jahren mit vielen wertvollen Grabbeigaben und in einem edlen Gewand beigesetzt worden.

Doch nach und nach förderten die Grabungen immer neue Erkenntnisse über das Leben in diesem Bereich des Bördekreises ans Tageslicht – zurück bis in die späte Bronzezeit, 800 v. Ch.

Der Wind bläst kalt über die abgetragenen Grabungsfelder. Uwe Kohnert kniet vor einem Steinhaufen und hält einen Pinsel in der Hand. Was für den Laien eine Ansammlung von Feldsteinen ist, ist für die Altertumsspezialisten eine Abfallgrube.

Vorsichtig befreit Kohnert die Räume zwischen den Brocken von Erde. Immer darauf gefasst, eine Keramikscherbe oder ein anderes Zeugnis der Bronzezeit zu entdecken.

"Nach dem Anfangsfund der Grabstätte wurden wir bei den danach folgenden Grabungen regelrecht davon überrascht, dass es hier eine Siedlung viel größeren Ausmaßes gab, als wir zuerst angenommen hatten", sagt die Projektleiterin aus Halle.

Woran die Spezialisten das festmachen, zeigt Friedrich an einer anderen Stelle. Dort macht das geübte Auge des Archäologen sofort Reste von Holzpfählen aus. Hier standen einmal Pfahlhäuser. Deren Grundrisse werden anhand der Pfahlreste rekonstruiert. Doch es gibt auch Bereiche ohne diese hölzernen Zeugen.

Dort wurden jedoch jede Menge von Abfall- und Aufbewahrungsgruben gefunden. Für die Experten war es dann nicht besonders schwierig, die Freiflächen dazwischen zuzuordnen. Friedrich: "Dort standen ebenfalls Häuser."

In einer Pappkiste, gefüllt mit Reis als Stoßdämpfer, liegen einige Keramikgefäße. Zwei mit mehreren kleinen Löchern – Siebe. Ein Indiz für die Projektleitein, dass es im Bronzezeitdorf Milchwirtschaft gegeben haben muss. "Solche Gefäße brauchte man, um Quark und Käse herzustellen."

"Sie wurde genutzt, um Bronzesicheln herzustellen"

Die größeren irdenen Behälnisse, von denen einige mit Klebebändern "zusammengeleimt" sind, diente zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten oder Getreide.

Friedrich hält einen handgroßen flachen Stein hoch. Er hat ein kleines Loch in seiner Mitte. Eine Nut, oben trichterförmig beginnend, durchzieht den Stein. "Das ist eine Gussform", sagt sie und der Stolz über diesen Fund ist der Archäologin deutlich anzumerken. "Die Form wurde dafür genutzt, Bronzesicheln herzustellen."

Brandverfärbungen belegen, dass die kleine Gussform auch tatsächlich benutzt wurde. "Hier lebten also nicht nur Bauern, sondern auch Handwerker", sagt Friedrich. Und es sei sehr gut möglich, dass die "Uralthaldensleber" nicht nur für den Eigengebrauch Knopfsicheln gegossen, sondern auch andere Siedlungen damit beliefert haben. Die Archäologen sprechen sogar von einem "wichtigen Standort der Metallurgie".

Nach einer Sache sucht man jedoch in der Bronzezeitsiedlung vergeblich – nach Gräbern Erdbestatteter. Während der Bronzezeit sei es üblich gewesen, die Toten zu verbrennen und in einer Urne beizusetzen. "Wir haben solche Urnenfelder zu Beginn gefunden und diese waren für uns der Wink darauf, dass die Siedlung nicht all zuweit weg von der Beisetzungsstätte sein kann", berichtet die Frau vom Landesamt.

Wie sah aber nun die Gegend am heutigen Mittellandkanal aus? "Dicht bewaldet", sind sich die Ausgräber sicher. "Sicherlich nicht die 300 Jahre alten Eichen, aber Ulmenwälder gab es." Friedrich zeichnet ein plastisches Bild, wie die Bronzezeitmenschen mit ihren einfachen Werkzeugen Bäume fällten, um zu siedeln.

"Vorfahren lebten 70 Zentimeter höher"

Mindestens 70 Zentimeter höher hätten unsere Vorfahren gelebt. Das bewiesen die Grabstellen, die nur etwa 20 Zentimeter unter der Erdoberfläche gefunden wurden. So flach sei niemand beigesetzt worden – schon der Füchse wegen.

Friedrich liefert auch sofort eine Erklärung mit: "Erosion. Die Erosion hat nach der Rodung der Wälder über die Jahrhunderte hinweg den Boden abgetragen." Sie deutet nach hinten, wo die Gegend leicht ansteigt. Als Beispiel dafür, wie hoch der Grabungsbereich einmal war. Und diesen Unterschied sieht sogar "ein Blinder mit Krückstock".

 

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