Magdeburg. Die Landtagskantine im Magdeburger Parlamentsgebäude sieht am gestrigen Tag anders als gewöhnlich aus. An der Fensterfront stehen zwei Rednerpulte mit Mikrofonen. Davor sitzen dicht gedrängt 130 Pennäler aus vier Schulen Sachsen-Anhalts. An diesem Tag fühlen fünf Sieger des Landeswettbewerbs "Jugend debattiert" Spitzenpolitikern so richtig auf den Zahn.

Ihnen stehen mit den Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 20. März politische Schwergewichte gegenüber: Reiner Haseloff (CDU), Wulf Gallert (Die Linke), Jens Bullerjahn (SPD), Veit Wolpert (FDP) und Claudia Dalbert (Die Grünen).

Feste Regeln im Rededuell

Carolin Lühe ist in eine ungewohnte Rolle geschlüpft. Die Schülerin des Magdeburger Norbertusgymnasiums steht am Rednerpult und erklärt mit fester Stimme, warum sie für einen gesetzlich geregelten Mindestlohn ist. "Davon erhoffe ich mir für die Arbeitnehmer mehr Lohngerechtigkeit und einen Schutz vor Dumpinglöhnen", sagt sie. Carolin wirkt souverän und gar nicht mal sonderlich aufgeregt. Ihr Partner im Rededuell ist CDU-Spitzenkandidat Reiner Haseloff. "Auch ich bin für Mindestlohn", sagt der Wirtschaftsminister. "Aber der sollte nicht vom Staat festgelegt, sondern von den Tarifpartnern ausgehandelt werden." Schülerin und Minister gehen freundlich miteinander um und schütteln sich am Ende die Hände. Haseloff lobt, Carolin habe sehr schlüssig argumentiert.

Für den Redestreit gelten feste Regeln. Jede Debatte dauert maximal zwölf Minuten. Es gibt eine zweiminütige Eröffnungsrede, danach dürfen die Redner dreimal im Wechsel je eine Minute auf die Argumente des Kontrahenten eingehen.

Die Debatte ist der Startschuss für die Juniorwahl, bei der rund 10 000 Jugendliche in Sachsen-Anhalt die Landtagswahl simulieren.

Die Schüler lassen sich bei dem politischen Ping-Pong-Spiel von den Profis nicht den Schneid abkaufen. Sie sind sehr gut vorbereitet, haben die Wahlprogramme der Parteien gelesen und treten unerschrocken auf. Die Pennäler gehen auf die Argumente der Politiker ein und versuchen, diese zu entkräften. Und das sehr selbstbewusst. So sagt Marc Lipfert vom Gymnasium Stephaneum in Aschersleben zur Grünen-Spitzenkandidatin Claudia Dalbert: "Sie schütteln mit dem Kopf, aber ich mache natürlich weiter!"

SPD-Spitzenkandidat Jens Bullerjahn wird unter anderem als begeisterter Motorradfahrer angekündigt. Da geht ein leichtes Raunen durch die Schülerschar. Der Sozialdemokrat vertritt die Position, dass es in Sachsen-Anhalt ein Programm für Schulen zur Sanierung und zum Ausbau der IT-Nutzung geben soll. Erik Schymalla, ebenfalls vom Gymnasium Stephaneum Aschersleben, meint in seiner Kontra-Rede, das Geld sollte für andere Dinge ausgegeben werden. So könnten mehr Lehrer ausgebildet werden. Auch am Unterrichtsmaterial, Karten oder Chemikalien, mangele es. "Ich habe früher in einem sehr maroden Schulgebäude gelernt, jetzt in einem frisch sanierten", sagt der Schüler. "Meine Leistungen haben sich nicht stark verändert."

Und überhaupt: Interaktive Schultafeln seien ja durchaus eine feine Sache, aber: "Damit können nicht alle Lehrer umgehen. Das steigert die Unterrichtsqualität nicht wesentlich." Und: "Man kann mit ganz normalen Tafeln und ein paar Karten wunderbar lernen."

Da verschlägt es dem Minister fast die Sprache

Diese Ausführungen verschlagen Finanzminister Bullerjahn, der selten um eine Antwort verlegen ist, beinahe die Sprache. "In den vergangenen zwei Jahren sind Sie der Erste, der mir erzählt hat, wir brauchen keine sanierten Schulen", sagt er überrascht. "Darüber muss ich noch mal nachdenken." Und der Mansfelder fügt augenzwinkernd hinzu: "Ich gönne Ihnen grüne Tafeln und Kreide."

Linke-Spitzenkandidat Wulf Gallert plädiert dafür, für öffentliche Aufträge ein sogenanntes Vergabegesetz einzuführen. So sollten etwa im Wachschutzgewerbe künftig nur noch diejenigen Firmen öffentliche Aufträge erhalten, die auch gesetzliche Mindestlöhne zahlen würden. Gallert sagt, dass es in Sachsen-Anhalt im deutschlandweiten Vergleich die geringsten Stundenlöhne gebe. Und das, obwohl die Arbeitsproduktivität relativ hoch sei. Eine Konsequenz sei, dass viele Menschen aus Sachsen-Anhalt abwandern würden.

Christian Barner vom Magdeburger Norbertusgymnasium, der die Gegenposition vertritt, schlägt sich wacker im Duell mit Gallert, der im Landtag zu den besten Rednern gehört.

Soll das zweigliedrige Schulsystem in Sachsen-Anhalt abgeschafft werden? Ja, meint Kai Panwitz vom Europagymnasium Walther Rathenau in Bitterfeld. Er plädiert vehement für längeres gemeinsames Lernen und eine integrative Gesamtschule.

Damit trifft der Schüler einen Nerv bei FDP-Spitzenkandidat Veit Wolpert. Der hält von diesen Vorstellungen rein gar nichts. "Wir dürfen das Schulsystem nicht schon wieder auf den Kopf stellen", sagt der Liberale. Es müsse endlich Ruhe einkehren. Sachsen-Anhalt habe das Schulsystem in den zurückliegenden Jahren fünfmal umgestellt und jetzt eine der höchsten Schulabbrecherquoten in Deutschland. Wolpert sagt, die Attraktivität der Sekundarschulen müsse verbessert werden. Seine klare Botschaft lautet: "Keine Veränderung des Systems, sondern Veränderungen im System."